Archiv für den Monat: Juni 2020

Ich habe eine Titelschutzanzeige aufgegeben

Die nächsten sechs Monate lang sind folgende Titel für mich alleine reserviert:

  • Der Niedergang von Aeterna
  • Kriegsfels
  • Liebling des Unheils
  • Der König von Burgund und der Herzog
  • Der König von Burgund und der Bastard
  • Der König von Burgund und der Untergang
  • Ein Galgen für den Kaiser
  • Königin der Ruinen
  • Am liebsten den Nobelpreis

So. Alle meins. Nicht alle Bücher sind bereits geschrieben (es fehlt am Bastard, am Untergang und an meiner Autobiographie); nicht alle sind ins Notebook diktiert, aber sechs von ihnen kann ich im nächsten halben Jahr veröffentlichen. Veröffentlichen macht mir, im Gegensatz zu praktisch allen anderen Schreibenden, furchtbare Angst. Dabei zeigen mir meine Verkaufszahlen, dass ich wahrlich keine Angst zu haben brauche. (Danke an alle, die die Doppelsinnigkeit erkannt haben.)

Man sieht ja, welche Titel den Worms-Büchern gehören.
Worms 1,5 jedoch hat nicht Burgund im Namen. Es heißt „Liebling des Unheils“, wobei das auch der Titel meiner Autobiographie hätte sein können.

Ich muss jetzt weiter Worms 3 diktieren (oder, wie es offiziell heißt „Der König von Burgund und der Herzog“). Es gibt jetzt eine Festkrönung, und danach wagt es eine der Figuren, ein ihr angebotenes Lehen auszuschlagen, weil es nur eine Grafschaft wäre und sie sich nicht mit halben Sachen zufriedengibt. Wenn sie kein Herzogtum haben kann, möchte sie lieber bloß ein einfacher Wächter sein. Schön, wenn ein König so demütige und bescheidene Untertanen hat …

Der Mensch, den ich bewunderte, dem ich dann sieben Jahre lang gram war und den ich jetzt wiedergefunden habe

Die meisten Menschen, die ich bewundere, sind schon lange tot. In der erlesenen Riege der wenigen Lebenden befinden sich YouTuberinnen, Lehrer, Opernsänger, Shakespeare- und Superschurkenschauspieler, Bankkauffrauen, ehemalige Schulkameradinnen, schwäbische Hausfrauen und Nachbarinnen, und Testleserinnen.
Und dann gab es da noch den Papst.

Bei seinem Amtsantritt 2005 war mir Kardinal Joseph Ratzinger kaum bekannt. 2005 war für mich das Jahr, in dem ich die große Literatur entdeckte, in dem ich zum ersten Mal Goethe, Schiller, Cervantes, Homer und Shakespeare las und zum zweiten Mal das Nibelungenlied. 2004/5 machte ich zum ersten Mal zaghafte, arglose und erstaunte Ausflüge in die Welt der Weltgeschichte.

Das Leiden und Sterben des Papstes Johannes Paul II. habe ich in den Medien verfolgt wie so viele andere auch. Ich war traurig über seinen Tod und ergriffen von der Würde der Zeremonien, die der Größe dieses seit 2000 Jahren bestehenden Amtes vor aller Augen Ehre zollten.
(Dass ebender Papst Johannes Paul II. viele Traditionen aufgehoben oder abgeändert hat, findet in der Retrospektive nicht unbedingt meinen Beifall. Vor allem das „Sic transit gloria mundi“ ist doch ein Ritual, das weise und wahr ist wie kein anderes.)

Und dann wurde ein Deutscher zum Papst gewählt. Ich war stolz und begeistert wie alle anderen auch, war auch erstaunt, dass die Tagesschau dem Papst fast die ganze Viertelstunde ihrer Sendezeit widmete (oder gar noch mehr? Ich glaube, sie haben damals überzogen. Für den Tod von Johannes Paul II. haben sie, wenn ich mich recht entsinne, auch schon 11 Minuten verwendet, für Benedikts Wahl aber noch mehr.)
„Ich bin nur ein demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Damit waren meine Mutter und ich schon vom neuen Papst überzeugt. Ich bin noch vom alten Schlag, ich liebe Demut mehr als Großtuerei, ich liebe den leise sprechenden Weisen mehr als die Scharen, die nur schreien, um ihr Unwissen zu übertönen.
Es freute mich, dass die Bild-Zeitung „Wir sind Papst“ titelte; es freute mich, dass die Begeisterung viele erfasste.

Vor allem aber war der Investiturstreit damals das erste historische Thema, mit dem ich mich richtig eingehend beschäftigte. (Nur die Geschichte der Burgunder kam noch früher, konnte aber wegen der geringen Anzahl dazu existierender Bücher nicht so vertieft werden, wie ich wollte.) Der Investiturstreit! Bis heute ist er ein Stück geistige Heimat für mich, seit damals gehören seine Protagonisten zu meinen historischen Lieblingspersonen ersten Ranges, und da er solch ein komplexes und anspruchsvolles Thema ist, habe ich es auch ihm zu verdanken, dass ich lernte, wie man sich in historische Themen eingraben muss, wenn man sie richtig (oder im Falle mangelnder Brillanz wie bei mir wenigstens annähernd) verstehen will.
Insgeheim habe ich gehofft, dass Joseph Ratzinger den Namen Gregor annimmt.

Ich hatte über Jahre sogar ein Papstposter an der Wand hängen. Es zeigte den Moment, als er zum ersten Mal auf den Balkon trat und mit ausgestreckten Armen die Stadt und den Erdkreis grüßte.
Das Poster stammte nicht von der Bravo (wie krass, dass sogar dieses Heftchen dem Papst ein Poster widmete. Ich für meinen Teil habe dieses Magazin nie gekauft.), sondern aus einem Geschichtsmagazin, einem ganz sonderbaren. Aus Anlass der Wahl Benedikts widmete es sich der Geschichte der Päpste. Es gehörte zu keinem bekannten Verlag, es schien von Inhalt und Aufmachung her völlig selbstgemacht und besaß wohl gerade drum den rührenden Charme des Sich-Bemühens. (Viel, viel Fehlerhaftes stand darin. Das Lustigste: An einer Stelle wurde doch tatsächlich der Begriff „Antipapst“ verwendet. Interessierte wissen, dass es in deutscher Sprache Gegenpapst heißen muss.) Aber ich glaube, das Heftchen kürte Gregor VII. zum wichtigsten Papst von allen, und deshalb sah ich über die vielen Fehler hinweg.

Da hing also das Poster jahrelang an herausragender Stelle. Eine Schulfreundin, die nicht wusste, worüber sie ihren Prüfungsvortrag machen soll, ermunterte ich, den Papst als Thema zu wählen. Ich lieh ihr auch meine Ratzinger-Autobiographie aus. Leider kam das Buch mit eingestoßener Kante zurück 🙁 Ihr Plakat für den Vortrag überließ sie am Ende mir. 🙂
Eine Schulkameradin, die den Papst auf dem Weltjugendtag gesehen hatte, schenkte mir ein Buch über den Papst in Deutschland. Außerdem kaufte ich einen Glasanhänger mit einem Bildchen von ihm, diverse Kalender, Bücher von ihm, z.B. den ersten Band seiner Jesus-Trilogie für meine Mutter usw.
Wir wollten ihm immer einen Brief schreiben, trauten uns aber nicht.
Seine Autobiographie bekam einen Ehrenplatz in der Vitrine bei den Biographien über einen Deutschen Kaiser.
Zur Recherche fürs Worms-Buch suchte ich nach Literatur über den Heiligen Augustinus, den ich der Hauptfigur als Lieblingsheiligen zugeordnet hatte, und kaufte ein Buch über Kirchenväter von Benedikt höchstselbst. Es hat mich sehr gefreut, dass Augustinus auch der Lieblingsheilige von Benedikt ist!
Ich fand einmal im Buchladen in einer großen Stadt (Ravensburg oder Ulm, oder etwa Stuttgart?) sogar ein Papstquartett, mit Benedikt auf dem Titelbild.

Und dann 2013 der Rücktritt. Ich erfuhr davon von einem Papsthasser am 11. Februar. Am Vortag war ich zum ersten Mal in einer Götterdämmerung gewesen, war dementsprechend noch selig, auch leicht nervenschwach und hatte vielleicht einen leichten Gehörschaden erlitten. Ich war so beleidigt, enttäuscht und wütend! Wie konnte der Papst zurücktreten, wie konnte er nur! „Gregor VII. ist nie zurückgetreten“, war mein Argument; Gregor VII. sah sich einem ganz anderen Gegner gegenüber und hielt aus bis zum Ende! „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und die Ungerechtigkeit gehasst, und deshalb sterbe ich in der Verdammung!“ So war sein letzter Satz! – Petrus höchstselbst, und all die anderen Märtyrerpäpste, keiner trat zurück! Schaut doch Pius IX. an, der hatte Bismarck als Feind, und musste erleben, wie der letzte Rest des Kirchenstaats zugrunde ging! Auch der hielt aus, alle hielten aus, bis ihr Herr sie abberief! (Außer Coelestin, dem Himmelspapst, jaja; der war mir schon gleich unsympathisch.) Meine Güte, selbst Kaiser können zurücktreten, wenn die Kräfte schwinden, und ich nehme es ihnen nicht übel (Karl V.), aber ein Papst sollte das nicht tun! Ich wollte das nicht! Muss denn in dieser modernen Welt alles Althergebrachte niedersinken? Gibt es denn nichts, das immer fest bleibt, unerschütterlich ist? Zu Zeiten vom Investiturstreit hätte es das nicht gegeben, nein!

Und seit diesem Tag war ich beleidigt mit Papst Benedikt. Da war es klar, dass, meiner infantilen Reaktion gemäß, auch der Nachfolger nicht meinen Beifall finden konnte, ganz egal, wer es war. (Und dann gab sich Jorge Bergoglio auch noch den Namen „Franziskus“, den vorher kein Papst getragen hatte. Ihr könnt euch meine Beschwerde denken: Will sich denn niemand mehr Gregor nennen? Oder immerhin Innozenz, wie Innozenz III.? Oder Paschalis oder Callixt?)

Ich hängte das Papst-Poster ab, ich verschenkte die Papst-Memorabilien (an meine Mum, in deren Haus ich wohne), ich vergaß, dass ich Bücher vom Papst besaß, ich schnitt keine Zeitungsartikel über den emeritierten Papst mehr aus, und nur das Papst-Quartett fiel nicht in Ungnade, da auch Gregor VII. und viele andere dabeiwaren.

An der Wand, die sein Poster trug, hängen jetzt Bilder von einem Kaiser mit der Ordinalzahl II., einem Halsbandsittich und Burg Hohenzollern.

Mein Schmollen hielt ich sieben Jahre lang durch. Was Franziskus machte, kümmerte mich nicht.

2020 kam die große Biographie von Peter Seewald heraus. 1100 Seiten, 38 Euro. Was mich amüsierte, war, dass die Biographie genausoviel kostet wie Volker Reinhardts Buch über alle Päpste. Alle zum Preis von einem oder einer zum Preis von allen! Sage mir, welches du kaufst, und ich sage dir, wie sparsam du bist.
Und weil ich in diesen sieben Jahren freilich selber auch keinen Triumphzug hingelegt habe, sondern vielmehr die Last, die ich tragen muss, immer schwerer wurde, weil ich nichts als eine Gescheiterte und Versagerin bin und am liebsten auch der Welt entschwinden würde in ein Land des Geistes, fand der alte Mann, dem so viel Gegenwind entgegengeschlagen war, wieder meine Sympathie. Nicht jeder ist ein Gregor. Und überhaupt, wer weiß, wann es wieder einen deutschen Papst gibt? Da ist ein Mensch, von dem einst in tausend Jahren die jungen Frauen lesen werden wie ich vor so langer Zeit von meinen Investiturstreitspäpsten, und wie die Zeitgenossen von Gregor, Paschalis, Callixt könnte jetzt ich sagen: Ich habe ihn erlebt.
Da fasste ich den Entschluss, dass ich dem Papst noch einen Brief schreiben möchte, wie meine Mutter es sich immer noch wünschte.

Und ich nahm meine teuerste Tinte, Herbin mit den echten Goldstückchen, ich recherchierte, wie man den Papst anredet, und ich bin hoffnungslos fasziniert von Würden und Größe; dass ich zum ersten Mal einen Menschen mit einem Ehrentitel anschreiben konnte, hat mich begeistert wie wohl wenige sonst. (Die meisten finden das sicher blöd. Aber euch sag ich mit Bismarcks Worten: „Das ist mir wurscht!“)
„Euer Heiligkeit“ oder „Heiliger Vater“ kann man verwenden; am liebsten wünscht er sich aber „Vater Benedikt“.
Doch was ich schrieb, das ist geheim; nur eines verrat ich euch: Ich habe auch den Investiturstreit erwähnt.
Das war am 19. April, auch noch genau 15 Jahre nach seiner Wahl, am Namenstag von Leo IX., dem Papst, den Heinrich III. in Worms zum Papst bestimmt hat. Die Welt ist so klein.

Nach einem Monat bekam ich Post vom Vatikan. Damit dauert die Bearbeitung eines Schreibens an den emeritierten Papst so lange wie die Beantwortung einer E-Mail an L. V. …
Es waren nicht nur eines, sondern zwei Fotos drin, eines für mich und eines für meine Mum. Und ein Heftchen mit Predigten aus Österreich. Und ein Brief, von dem ich vermute, dass der Papst ihn wahrhaftig unterschrieben hat.

Und seit ich mich wieder versöhnt habe, habe ich die Papst-Memorabilien zurückgeholt, habe staunend festgestellt, dass ich Bücher vom Papst besitze, habe die Reinhardt-Biographie über alle Päpste bestellt, und die Biographie über Benedikt auch (und ich nahm sogar Prime in Anspruch, damit das Buch gleich am nächsten Tag kam; dann war es aber leider verkratzt und musste zurückgeschickt werden, sodass ich auf ein neues warten musste).
Außerdem brauche ich Ersatz für mein Papst-Poster, das ich bestimmt behalten habe, denn ich behalte alles, aber nicht mehr wiederfinden kann.

Im tiefsten Innern bin ich ein einsamer Mensch. Obzwar ich es vorziehe, die meiste Zeit alleine zu verbringen, fern von der echten Welt, in Büchern, in gedanklichen Disputen mit erfundenen Kontrahenten; obgleich ich aus einem Buch, das mich herausfordert oder gar überfordert, mehr Energie und Freude gewinne als aus dem Treffen mit Menschen, ist es schade, wenn man kaum jemanden hat, mit dem man teilen kann, was einen umtreibt. Nur meine Mum hört alles an und versteht alles! Aber alle andern Leute, die ich kenne, sind so sehr in der echten Welt verhaftet, dass die Realität früherer Zeiten für sie nutzlos und unecht scheint; dass das „Selber-der-Wichtigste-sein-Wollen“ für sie wichtiger ist als die Frage, was richtig und wahr ist. Gemütlichkeit und Gelächter statt Kriegsschuldfrage und Niedergangstheorien; sie suchen den Sonnenschein statt den Leidgeplagten ein Ohr zu leihn, sie leben fröhlich vor sich hin, und wer nicht fröhlich ist, der passt nicht zu ihrer lichten Welt.
Nur wenigen Menschen fühle ich mich so ähnlich wie dem Papst. Natürlich kann ich ihm geistig nicht das Wasser reichen, nicht im Geringsten, aber seine Zartheit, sein zurückhaltendes Wesen, das mit Büchern allein glücklich ist, seine tiefen Emotionen – all das sehe ich auch in mir. Er war einmal beim Tannhäuser auf dem Grünen Hügel! Und vorher las ich in einem alten Interview mit seinem Bruder, dass Joseph einmal ganz fröhlich von Loriots Wagner-Ring-Erzählung berichtet hat! Er kennt auch noch den Ring, und wenn er explizit „fröhlich“ davon erzählte, dann heißt das, dass ihm der echte Ring auch gefällt!!!!
Wie oft er in „Aus meinem Leben“ die Wörter „liebenswürdig“ oder „liebenswert“ verwendet, und sogar das heutzutage fast schon ausgestorbene „liebgewonnen“! Diese Fähigkeit, in Demut zu bewundern, dieses Bedürfnis nach Gehalt und Würde – das vermisse ich heutzutage, da alles demontiert werden soll, da alles quäken, knallen und lärmen soll. Im Übrigen verrate ich nicht, ob ich wirklich gläubig bin, oder ob ich meinem schwärmerischen Naturell gemäß in der Kirche nur eine Spiegelung meiner Sehnsucht nach dem Alten, Wahren, Guten, Monarchischen, Liebenden, Vollendeten, Schönen sehe.

Den Kirchenvater Augustinus bezeichnet der Papst als „seinen Meister“, sieht ihn als Lehrer und Freund, bei dem er nicht spürt, dass sie 1600 Jahre voneinander trennen. (28. August 430) Genauso geht es mir mit meinen Idolen auch! Diese Verbundenheit mit Menschen, die vor hunderten von Jahren lebten, und die man nur nachvollziehen kann, wenn man sie selber gespürt hat! (Oder wenn man meine Mutter ist, die dieses Phänomen aus langjähriger Beobachtung kennt.)

„Heimat des Herzens“ hat der Papst einmal geschrieben und meinte damit das beschauliche Bayern seiner Kindheit; Augustinus ist seine „geistige Heimat“. Dieses Gefühl des Zuhauseseins, das man nur bei bestimmten Geistesdingen verspürt – auch das kenne ich allzugut.

Dem Papst gebührt ein Platz in der ersten Riege meiner historischen Lieblingspersönlichkeiten. (Innerhalb der Riege gibt es keine Rangordnung.)
In der Riege meiner historischen Idole gibt es Kämpfertypen, kühle Denker, vielbegabte Kaiser, bescheidene Zauderer, stolze Kaiserinnen, treuliebende Fürstinnen, freundliche Brüder, ermattete Herrscher, unbekannte Dichter, das größte politische und das größte künstlerische Genie, eine ganze Schar unglückseliger Könige – doch gab es bisher keinen zartfühlenden, sensiblen Geistesmenschen, der am liebsten in der Welt der Gedanken geblieben wäre. Vermutlich ist mir der Papst charakterlich ähnlicher als alle anderen meiner Idole.
Und im Gegensatz zu all meinen lebenden Bekannten (außer Mum, die auch mitreden kann) könnte ich mich mit ihm über den Investiturstreit unterhalten.

Entschuldigung, lieber Vater Benedikt. Sieben Jahre lang habe ich Sie verkannt. Jetzt kenne ich Sie.

Worms 1,5 braucht einen neuen Titel

Worms 1,5 wollte ich ursprünglich „Staub und Kampf“ nennen, war schon ganz begeistert davon und fand, das riefe allein beim Lesen schon eine Stimmung von Wüstenhitze, Mühsal und Schwertgeklirr hervor. Meine beste Testleserin, die in Personalunion auch meine Mutter ist, gab dann allerdings zu bedenken, dass dieser Titel eher an den (wohlgemerkt ebenfalls mühseligen!) Alltag einer Hausfrau denken lasse.
Das sah ich ein. Dann kam uns eine neue Idee: „Burgunderblut“! Das ist doch toll, zumal es insgeheim ganz meinem Humor entspricht, da Burgunderblut eine rot-violette Blaualgenart ist. Wie meine Leser ja wissen, neige ich zu Selbstironie, weil man sich als Normalmensch wie ich nicht so wichtignehmen soll, und da passt es wunderbar, wenn sich mein ach so ernst daherkommendes Begleitgeschichtchen zu den Worms-Büchern wenigstens im Titel ein Augenzwinkern erlaubt.

Und jetzt die Erkenntnis: Der Titel ist schon vergeben. Das hat mich gerade richtig desillusioniert, insbesondere, da es mit den „Der König von Burgund und X“-Titeln genauso war! Ursprünglich hätte Band 1 nur „Der K v B“ heißen sollen, ohne Zusatz, doch leider war der Titel schon vergeben. (An einen Kunstkrimi, in dem es um den Wittelsbacher Karl Theodor und den Bayerischen Erbfolgekrieg geht. Die Verbindung zu Burgund ist schon da, doch notabene nicht so stark wie bei einem Nibelungenroman.)

Jetzt muss ich das Buch schon wieder umnennen. Das ist schon demotivierend. Soll ich meine anderen Titel mit Titelschutzanzeigen versehen, damit es da nicht auch passiert? Andererseits werden manche meiner Huwelreich-Bücher gewiss nicht die für eine Titelschutzanzeige nötigen Kosten wieder wettmachen. (Für diejenigen, die kurz recherchiert haben, von wie viel Geld ich rede: Ja. Es ist wirklich so.)

Es wäre fast der erste Ein-Wort-Titel gewesen, den ich hätte verwenden können. (Außer „Die Giftprinzessin“) Ein-Wort-Titel sind toll.

Das besagte Buch mit meinem Wunschtitel gibt es schon seit 2014. Jetzt könnte ich natürlich den Autor bzw. seinen Verlag anschreiben und fragen, ob ich den Titel auch verwenden darf. Vielleicht sind das ganz freundliche Leute, die sagen: „Kein Problem!“ Aber erstens müsste ich dazu Menschen anschreiben, und ich habe davor immer solche Aaaangst, dass ich alles falsch mache und die Leute mich dann hassen! Und sie haben selbstredend das größte Recht, Nein zu sagen, schließlich besteht Titelschutz; und wer bin schon ich, dass ich mich erfreche, um so etwas zu bitten? Eine luschige Selfpublisherin. Die Antwort kann ja nur Nein sein.

Also, wie soll ich das Buch jetzt nennen? Burgunderblut und Wüstenstaub? Blöd. Burgunderblut und irgendwas? Ja, was denn? Ich hatte vorher wirklich wieder einen Wutanfall. Nicht wegen des anderen Autors und seines Verlags, denn die haben alles richtig gemacht (und konnten natürlich nicht wissen, dass sechs Jahre später eine Dilettantin sich denselben Titel wünschen würde); sondern wegen des Schicksals. Ich habe praktisch nie Glück; alles muss ich mir erkämpfen, und meistens bringt mir das Kämpfen nicht einmal das erstrebte Ergebnis ein.

Zum Glück gibt es nur ein Huwelreich! Es gibt nur ein Huwelre-eich! Mit meinen Nerven werde ich auf jeden Fall nicht alt. Und das will ich auch gar nicht.

Titel-Ideen:

  • Die Geisel und die Hunnin.
  • Wie vor tausend Jahren König Etzel (nein, natürlich nicht)
  • Wie ein burgundischer Vasall, der seinen König in Gefahr sieht (hehehe. Gute Kapitelüberschrift für Worms 4)
  • Attila war ein Lamm gegen mich
  • Können wir jetzt endlich mit den Wilhelm-II.- und Bismarck-Zitaten aufhören?
  • Schwert und Panzer. (Das fiel mir vor gar nicht langer Zeit ein, und ich fand es total lustig. Gefühlt jeder zweite Historienroman heißt heutzutage ja „Schwert und x“ (Schwert und Krone, Schwert und Taube, Schwert und Feuer, Schwert und Festmahl, Schwert und Schönheit, Schwert und Morgenstern), also praktisch Schwert und Blabla. Modern gesprochen: „Generic History/Fantasy Title“. Alle klingen gleich, sind schwer zu merken, aber man weiß, dass es irgendwas mit Fantasie und Früher zu tun hat. Aber „Schwert und Panzer“? Ist es nicht so, dass man bei diesem Titel erst stutzt, weil man zuerst ein Schwert und ein FAHRZEUG vor Augen hat? (Im I. WK nannten die Deutschen diese Fahrzeuge zuerst Tanks, wie die Engländer. Es gibt auch den Begriff „Think Tank“ für Denkertypen, den ich sehr toll finde. Ich würde auch gerne als Think Tank bezeichnet werden.) Dabei ist Panzer natürlich auch ein Wort für die Rüstung, die der Mensch trägt, für Kettenhemden, Schuppenpanzer, Kürass.
    Also, irgendwann würde ich diesen Titel schon verwenden wollen, und wenn es auch nur für eine Kapitelüberschrift wäre.
    Aber für Worms 1,5? Ich weiß immer noch nicht.
  • Worms 1,5 (Umwerfend. Berauschend. Wenigstens kann ich damit sicherstellen, dass nur echte Fans dieses Buch kaufen würden.)
  • Durchs wilde Hunnenland. (Ich weiß schon, auf wen ich anspiele X-D)
  • Der Vierzehnjährige, der auf einem schwarzen Hengst durchs wilde Hunnenland ritt und König Etzel eine Braut heimbrachte
  • Ruhm und Eisen (Oder klingt das schon zu aggressiv?)
  • Diener eines fremden Herrn
  • Offenbar gibt es kein Buch, das „Schwächling und Schurke“ heißt. Schön.
  • Ich glaube, man kann das Wort „Treue“ nicht im Titel eines Buches verwenden, ohne dass gleich eine Schar Menschen auf den Gedanken komme, hier schreibe ein Ewiggestriger böse Dinge.
  • König Etzels Azubi
  • Der Hunnenkönig und der ????
  • The Burgundians: Infinity Worms
  • Fern von Worms

Ich bin so traurig. Ich hätte so gerne diesen blöden Titel verwendet. Es ist ja nicht so, dass ich mit dem Buch viel Geld hätte verdienen wollen/können, denn ich hätte es allein schon zu einem viel geringeren Preis als die anderen angeboten: Schließlich sind die Leserinnen und Leser, die sich auch noch für einen Begleitroman, also ein Spin-Off, interessieren, ja die aller-allernettesten (die anderen sind natürlich alle auch super!), und von denen will ich nicht noch viel Geld verlangen, wenn sie mir schon so viel Freundlichkeit und Interesse schenken! Tatsächlich stehe nämlich ICH in DEREN Schuld.
Wie soll ich das doofe Ding jetzt nennen? Ich weiß es nicht. Eigentlich hätte mein nächster Blogartikel von einer Schriftart handeln sollen, die ich dieses Jahr gelernt habe, und wäre etwas positiver gewesen, aber nein, es gibt bei mir wieder nur Drama, Drama! Entschuldigung fürs Faseln, ich kann nicht anders.

Nachtrag: Ich habe einen Titel gefunden. Gleich morgen lasse ich eine Titelschutzanzeige veranlassen.

4. Juni 2020

Heute ist der Todestag von Kaiser Wilhelm II. Am 4. Juni 1941 starb er in Haus Doorn im niederländischen Exil. Aus diesem Anlass habe ich ein Buch über sein Leben gelesen; der Autor (ein Niederländer) hat leider, was Namen und Jahreszahlen betrifft, viele Fehler gemacht (so heißt es zum Beispiel, Kaiser Wilhelm I. sei am 16. März gestorben, was, wie jeder Hohenzollernfan weiß, nicht stimmt: Es war der 9. März, ein Tag nach meinem Geburtstag, jedoch in einem anderen Jahr als meinem Geburtsjahr. Der 16. März war der Tag seiner Beisetzung. – Ein andermal wird Herbert von Bismarck Hermann von Bismarck genannt, und außerdem wurden alle Eigennamen, die Ü- oder Ö-Punkte haben, ihrer Pünktchen beraubt, so z. B. beim Grafen von Hülsen-Haeseler oder Joachim von Kürenberg. Vielleicht zog der Autor nur englische Quellen zu Rate, die auch schon die Namen verändert haben?) Da der Autor Niederländer ist, nehme ich aber an, dass er für die im Verhältnis zum Rest des Buches sehr ausführlichen Kapitel über das Leben des Kaisers in Amerongen und Doorn besser recherchiert hat und mehr Bücher in seiner Sprache verwenden konnte. Was mich gefreut hat: Er hat auch mit Zeitzeugen gesprochen, die noch den Kaiser in Doorn erlebt haben.
Außerdem hat das Buch viele Bilder, sogar mehrere, die ich noch nicht kannte, und das will bei Wilhelm-Bildern durchaus was heißen!

Wenn man sich Fotografien von Wilhelms Schreibtischen anschaut, dann sieht man eine ziemlich kleine Schreibfläche und einen großen Rest des Tisches, der mit allerlei Bildern, Gegenständen usw. vollgestellt ist. Genau wie bei mir! Da darf ich guten Gewissens das Schreibtischaufräumen noch einmal ein paar Monate verschieben.

Ich plane schon seit Längerem einen Blogartikel „Was steht auf meinem Schreibtisch“, am besten mit Bildern. (Aber nur von den Gegenständen, die dort stehen, nicht von den diversen Stapeln gelber Zettelchen.)

Außerdem habe ich schon vor einiger Zeit ein C. H. Beck-Wissen-Buch über die Karolinger gelesen, und vorgestern habe ich die 700-seitige Biographie über Benedikt XVI. von Andreas Englisch zu Ende gelesen. Beim Papsttum im MA bin ich noch nicht viel weiter, schade.

Eigentlich war mein Vorsatz für dieses Jahr, jede Woche drei Bücher zu lesen, denn ich habe einen peinlich hohen Anteil noch nicht gelesener Bücher in meinem Regal stehen. Wenn ich nun sterben würde, bevor ich die alle oder zumindest die meisten gelesen habe, wäre das ja eine furchtbare Geldverschwendung gewesen! Außerdem wäre es mir peinlich, wenn meine Verwandten später mein Regal durchgingen und zum Schluss kommen müssten, dass ich, da ich so viele unberührte Bücher besaß, wohl doch nicht so gebildet war, wie ich stets den Anschein zu erwecken trachtete. Also muss ich möglichst viele Bücher lesen, damit sich mein ausgegebenes Geld auch lohnt. Ich komme übrigens aus Oberschwaben. (Falls da noch bei jemandem Zweifel bestanden.)

In den vorhergehenden Monaten habe ich den Schnitt von 3 Büchern pro Woche sogar auf mehr als 3 Bücher heben können, aber in letzter Zeit schwächelt die Leseleistung. Zum Teil liegt das daran, dass ich viel diktiert habe und danach oft sehr müde bin, weil das ziemlich viel Konzentration erfordert. Andererseits liegt das aber auch daran, dass ich, in typischer Perfektionistenmanier, insgeheim überzeugt bin, jedes Wort, jeden Satz, jede Seite so aufmerksam lesen zu müssen, als ob mir die Sachverhalte völlig neu wären. Dabei gibt es genug Stellen, die ich auch überfliegen könne, weil ich schon in 15 anderen Büchern darüber gelesen habe. Aber ich verfalle eben immer wieder in die alte Haltung, dass ein Buch nur dann richtig gelesen ist, wenn ich Wort für Wort in meinem Kopf vor mich hingeflüstert habe. – Dem ist aber nicht so. Wer z. B. in John C. G. Röhls 3-bändiger Kaiser-Wilhelm-II.-Biographie alles über seine Geburt gelesen hat, über die Komplikationen, über die Hebamme Fräulein Stahl, über den Arzt (Doktor Martin? Ich mag jetzt nicht recherchieren), über die traurige Überzeugung des Vaters, das Kind sei schon tot, über die Hebamme, die dem Neugeborenen mit einem Handtuch kräftige Schläge versetzte, bis es wieder zu atmen und zu schreien anfing, und natürlich über Feldmarschall Wrangel und das Fenster, der kann eigentlich in jeder anderen Wilhelm-Biographie die Geburtsdarstellung überfliegen, denn etwas Neues kann er praktisch nicht mehr in Erfahrung bringen, er hat sich schließlich schon beim absoluten Experten kundig gemacht.
Effizientes Lesen ist auch Verzichten. Man sollte immer den jeweiligen Schwerpunkten des Autors die größte Aufmerksamkeit widmen, und sobald einer sein angestammtes Thema verlässt, darf man ihm nichts mehr glauben, denn es können sich allzu leicht Fehler einschleichen. Oft genug ist mir das schon in Geschichtsbüchern aufgefallen: Sobald einer sein Spezialgebiet nur um wenige Zentimeter verlässt, schießen Fehler aus dem Buch wie Unkraut aus dem Boden. (Mir fällt das freilich nur auf, weil ich es liebe, Namen, Jahreszahlen und Fakten auswendigzulernen. Ich wäre am liebsten ein Lexikon. Sobald es an Dinge wie Gewichten und Bewerten geht, bin ich überfordert. Ich lerne lieber die Reihenfolgen von Kaisern aus.) Oftmals werden Verwandtschaftsgrade verwechselt, Ordinalzahlen stimmen nicht; jeder, dessen Lieblingsthema nicht gerade Staufer oder frühe Habsburger sind, hält Konrad III. und Rudolf I. für Kaiser; Kaiser Heinrich IV. geht nach Canossa, dabei war er damals noch König; Richard Wagner wird unterstellt, seine Schwiegertochter persönlich gekannt zu haben, dabei war sie zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht einmal auf der Welt, und vieles mehr.

Was sagt uns das alles? Wenn man sich mit Geschichte ernsthaft beschäftigen will und sich wirklich informieren möchte, muss man zu jedem Thema mindestens 3 Bücher kaufen. Wenn man nicht in die Tiefe stieg, kann man nicht mitreden.

Außerdem ist heute der Todestag von Kaiser Konrad II. (1039) Ich habe drei Biographien über ihn. Ich habe auch ein Buch über Kaiser Heinrich V., das hat, glaube ich, 40 Euro gekostet, und es hat eine Stoßecke! Die hatte es schon, als es ankam! Ich hasse Stoßecken! Deshalb habe ich es auch noch nicht gelesen; ich muss mich dann immer ärgern.

Vom Worms-Buch 3 sind bereits 16 000 Wörter ins Notebook diktiert. Für heute höre ich damit auf. Worms-Buch 3 ist ein seltsames Ding.

Buch-Tag: Fragen für Bücherwürmer

Ich habe auf dreamlandbookblog eine tolle Liste mit Buchfragen für Buchfreunde gefunden, die ich nun selber beantworten möchte.

  1. Finde ein Buch für jede deiner Initialen

L Die Luxemburger (vom Kohlhammer-Verlag)
V Verschwundene Reiche (ein Buch, das mir nicht gefiel)

oder mein langweiliger echter Name (ich kann meinen Vornamen nicht ausstehen):

J Die Jagiellonen (vom Kohlhammer-Verlag)
G Gregor VII. (von Uta-Renate Blumenthal)

2. Zähl dein Alter an deinem Bücherregal ab: Welches Buch ist es?

Ich bin „Geschichte Frankreichs“ Jahre alt.

3. Nenne ein Buch, das in deiner Stadt/deinem Land spielt

Es gibt ein Buch, das in meiner Gemeinde spielt. Ich wollte ja selber immer eines schreiben, das auch dort stattfindet; da aber jemand anderes schon dieses Thema abgearbeitet hat, verzichte ich drauf.

4. Nenne ein Buch, das an einem Ort spielt, den du gerne bereisen würdest

Das Nibelungenlied. Ich möchte wieder einmal nach Worms.

5. Ein Buch in deiner Lieblingsfarbe

Meine Lieblingsfarbe ist Burgunderrot. Das C. H. Beck-Wissen-Buch über Burgund hat genau die richtige Farbe!

6. Mit welchem Buch verbindest du die schönsten Erinnerungen?

Das Nibelungenlied. Es ist der Grund, weshalb ich Geschichte liebe.

7. Welches Buch bereitete dir die größten Schwierigkeiten beim Lesen?

„Attila“ von Pierre Corneille. Das Französisch von 1667 hat mich ziemlich herausgefordert.

8. Welches Buch auf deinem Stapel ungelesener Bücher wird dich mit dem größten Stolz erfüllen, wenn du es gelesen hast?

Welches von den 300 … Das 1000-Seiten dicke Buch über russische Geschichte sieht ziemlich einschüchternd aus.