Archiv für den Monat: August 2018

KvB – 27. August 2018

Zuerst schien es, als würde KvB ein Buch, das nur aus Schlachten besteht. Das hat sich zum Glück aufgelöst: Jetzt gibt es auch Jagden, Kuppelei, Fluchtszenen, Giftanschläge, eben alles, was zum Leben eines Monarchen im Lili-Vogel-Universum dazugehört. Cholerische Ratgeber gibt es auch, sogar zwei! Der erste Berater, Version 1.0, ist stark, unerschrocken, hat einen Sohn, der nicht sein eigener ist (es steckt eine Liebesgeschichte dahinter), und unterstützt seinen Herrn in allen Belangen. Version 2.0 ist trotzig, emotional instabil, hat Probleme mit dem Ärger-Management, und verfügt über umfassende Bildung. (Dreimal dürft ihr raten, wer Autorins Liebling ist.)

Bin ich schon über die Hälfte hinweg? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. KvB ist das einzige Projekt, das sich während des Schreibens noch gravierend ändert. Die anderen Geschichten blieben der geplanten Handlung treu, und es kam höchstens zu geringfügigen Änderungen an den Nebenhandlungssträngen. – Das mag wohl daran liegen, dass KvB als Mehrteiler angelegt ist, und je mehr Grundsteine für die nächsten Bände gelegt werden, umso besser. Allerdings muss man als Autorin darauf achten, dass man den Leser im ersten Band einer Reihe nicht mit Infos und Figuren zuschüttet, die erst in den späteren Bänden richtig zum Zuge kommen. Schöner ist es, wenn die Problemstellungen und Mitspieler der späteren Ereignisse immer wieder aufblitzen, aber die Haupthandlung des ersten Bandes nicht überschatten. Spielt die Reihe an verschiedenen Orten, ist das nicht so wichtig: Da kann man das Land, das Schauplatz von Band 3 werden wird, einfach mal lapidar erwähnen und gut ist. Spielt die Reihe wie bei KvB vorrangig an einem Ort mit vielen Figuren, wirkt es glaubwürdiger, wenn die wichtigen Figuren alle einmal auftauchen; das nähere Kennenlernen kann man dann auf spätere Bände verschieben.

Zum Schauplatz von KvB: Ich liebe ihn! Ein Sündenpfuhl, eine Metropole, ein Kaiserdom, prunkvolle Wandfarben, und der Wandteppich im Thronsaal zeigt die Apokalypse. Dazu eine reizende Stadtbevölkerung (manchmal geht es in Stadt X so niedlich zu wie in Huwelreich!), ein bisschen morbide und dazu treu wie Gold. Der Erbe des Monarchen ist bei den jungen Damen übrigens sehr beliebt.

Was haltet ihr eigentlich von Büchern, die das Aussehen der Figuren gar nicht oder erst ganz spät beschreiben? Manche Leser möchten möglichst bald wissen, wie denn der Mensch aussieht, mit dem sie es die nächsten paar hundert Seiten zu tun haben werden; anderen dagegen ist es Wurscht, und manche Leser stellen sich die Figuren einfach so vor, wie sie wollen, ganz gleich, was der Autor schreibt. – In den Lili-Vogel-Büchern ist es inzwischen Tradition, dass die jeweilige Hauptfigur nicht beschrieben wird, dafür aber die Nebenfiguren. Und da die Hauptfiguren des einen Buchs oft als Nebenfigur in einem anderen Buch auftreten, erhält man erst dort die Beschreibung. Richtig fies, nicht wahr? Ich freue mich diebisch. – Ach ja, und sollte eine Leserin sich eine Figur ganz anders vorstellen, als sie beschrieben ist, dann finde ich das auch super! Wie literarische Figuren aussehen, ist mir nämlich auch Wurscht. Das erstreckt sich sogar auf meine eigenen Bücher: Wie Steffi Grillenhofer aussieht, weiß ich bis heute nicht, und welche Augen- oder Haarfarbe Dietrich von Bern hat, habe ich später einmal festgelegt, aber wieder vergessen.
Wie genau seht ihr eigentlich Figuren vor euch? Sehr deutlich, mit Gesichtszügen usw., oder seht ihr nur vage Schemen? Ich sehe beim Lesen zwar menschliche Gestalten, aber die Gesichter sehen für gewöhnlich so aus, wie man als Mensch mit Minus 8 Dioptrien Gesichter sieht: Verschwommene ovale Flächen ohne Augen, Nase und Mund, in 2D. Da helfen auch lange Beschreibungen nichts, nach einem Absatz sehe ich wieder gesichtslose Ovale. Wenn die Mimik beschrieben wird, zuckt kurz ein Bild auf, z. B. wenn jemand finster dreinschaut. Im restlichen Verlauf der Geschichte sehe ich keine Gesichter; sie sind mir allerdings auch nicht wichtig. Das würde mich interessieren, ob es da Leserinnen gibt, denen es ähnlich ergeht. Beim Schreiben meiner eigenen Bücher sehe ich die Figuren deutlicher vor mir, also keine verschwommenen Ovale. Das gilt aber nicht für alle. Bei manchen ist es mir ganz Wurscht. Ich lege mehr Wert darauf, dass eine Figur durch interessante Charaktereigenschaften und ergreifende/lustige/dramatische Szenen dargestellt wird.

Demnächst gibt es in KvB sogar eine Flirtszene! Eine forsche Sächsin versucht mit dem Protagonisten anzubandeln, aus politischen Gründen. Ob aus dem Flirt auch Romantik entsteht, wird noch nicht verraten! (Wahrscheinlichkeit für romantische Nebenhandlungen in Lili-Vogel-Romanen: 10%.)

Titel-Casting Runde 2

Wie wird mein neuer Roman heißen? Wir machen ein Casting, um den Titel zu ermitteln!

In der letzten Runde fiel der König von Bayern heraus und fuhr traurig mit seiner goldenen Kutsche nach Haus. Es heißt, er habe zum Trost gleich einen Lohengrin-Sänger in die Residenz beordert, ihn aufzuheitern, aber der einzige auffindbare Lohengrin-Sänger hatte den Text nicht ganz gelernt, und der König von Bayern musste ihm ständig einsagen …

Wer fällt heute heraus? Es wird zunehmend spannender, die verbliebenen Monarchen lernen sich immer besser kennen, es entstehen Freundschaften und Feindschaften, und mehrere Monarchen traten schon mit der Bitte an mich heran, ich möge doch bald den Kaiser von Berlin rauswerfen, der sei eine Nervensäge schlimmsten Ausmaßes. Gestern bekam der König von Belgien einen leichten Wutanfall und schrie: „Märsche, immer nur Märsche! Von morgens bis abends lässt er eine preußische Musikkapelle im Hof auf- und abmarschieren! Ich halte das nicht mehr aus!“
Der Kaiser von Byzanz hat ihn daraufhin gefragt, ob er ihm seine Phiole mit Gift leihen solle (er trägt sie immer gut sichtbar an einem vergoldeten Lederbändchen am Hals). Ich sah mich daraufhin gezwungen, als Vermittlerin einzuschreiten. Ab jetzt darf der Kaiser von Berlin nur noch von mittags bis abends Märsche spielen lassen.

Der Kaiser von Brasilien ist eine sehr angenehme Persönlichkeit und versteht sich besonders gut mit dem König von Burgund, weil der immer eine Partitur mit sich herumträgt. Der Kurfürst von Brandenburg und der Kaiser von Berlin sind ja miteinander verwandt, weshalb der Kaiser ihn liebevoll Ururopa nennt. In Wirklichkeit müssten es noch einige Ur mehr sein, aber auf die verzichtet er. Der König von Böhmen übt sich jeden Morgen im Schwertkampf.
Sie sind alle wackere Kandidaten, die sich Chancen auf den Titel ausrechnen! Doch nur einer kann Lili Vogels next Booktitle werden.

Lieber Kurfürst von Brandenburg,
ich habe heute leider kein Cover für dich.

Die verbliebenen Kandidaten:

Der Kaiser von Brasilien
Freiheit vom Mutterland, ein Kaiser, der die Bayreuther Festspiele besucht, und eine Prinzessin, die endlich die Sklaverei abschafft.

Der Kaiser von Byzanz
Intrigen, Morde, Verstümmelungen, Kriege, Exilprinzen, Bildersturm und Kreuzzüge, Osmanen und Belagerung – unter dem vorwurfsvollen Blick goldener Ikonen fließen Ströme von Blut, und niemandem kann man trauen.

Der König von Bayern
Ein König, ein Schloss, ein Genie! Wagner, und Psychiater, und Wagner, und Tändeleien mit Rossknechten, und Wagner!

Der König von Belgien
Ehestifter für Queen Victoria und erster König des unabhängigen Belgien – das ist doch einmal eine Karriere, die sich sehen lassen kann!

Der König von Böhmen
Der Kampf des 13. Jahrhunderts: Der Kampf um Österreich. Der König von Böhmen gegen Rudolf I. von Habsburg. Man kann sich denken, wer gewann.

Der König von Burgund
Gibt es ein Leben vor dem Untergang? Auch Schwächlinge und Schurken haben eine Vorgeschichte, und Worms war früher Metropole.

Der Kurfürst von Brandenburg
Er besiegte die Schweden. Er führte die Umsatzsteuer ein. Er begründete Preußens Aufstieg.

Der Kaiser von Berlin
Er war immer unterwegs, er war an allem interessiert, er mochte Meteorologie, Wagner, Pferde und Zerstörer, manche sagen, es war nicht seine Schuld, sondern sein Schicksal, wie ein Schlafwandler stolperte er in die Urkatastrophe – manche sagen, er war ein Kriegstreiber, ein Säbelrassler, Bramarbaseur und Ungeheuer – wer war er wirklich? Hat er es wirklich gewollt?

Wie es weitergeht, erfahren Sie nächste Woche!

Was sich Autoren dabei denken – Teil 1

Hier möchte ich einmal einen Einblick geben in die Arbeit als Autorin. Wie schreibt man ein Buch? Wie formuliert man Sätze? Denkt sich die Autorin etwas dabei, oder tippt sie einfach so drauflos?*
Dazu zeige ich anhand eines kleinen Ausschnitts aus „Dietrich von Bern: König ohne Reich und Krone“, welche Gedanken in die Erstellung einer Romanszene einfließen.**

Es handelt sich hierbei um den Anfang des Kapitels „Die Aaskrähen kommen“, in dem die Burgunden von Worms zum ersten Mal auftreten.

Aaskrähen kreisten über ihnen.

Alliteration! Krähen kreisten. 1.: Ich liebe Alliterationen. Ich finde, sie verleihen jedem Satz gleich mehr Kraft. 2.: Die Burgunden Gunther und Hagen treten auch auf in Richard Wagners „Götterdämmerung“. Dort singen die Figuren in Stabreimen. Jede Alliteration in Szenen der Wormser ist ein Gruß an Wagner!

Böse Zungen nannten Gunther den König der Aaskrähen. Er wünschte den Besitzern dieser Lästerzungen einen qualvollen Tod, langwierig und elend.

„Böse Zungen“: „alt“ klingende Formulierung. Man soll ja sehen, dass wir im Mittelalter sind.
Zitat aus der Götterdämmerung, 2. Aufzug 4. Szene: „Die Zunge, die sie lästert, soll ich der Lüge sie zeihen?“
„Langwierig und elend“: Eigentlich impliziert ein qualvoller Tod die Adjektive „langwierig und elend“, insofern ist diese Stelle redundant und damit überflüssig. Aber ich entschied mich dafür, weil 1.: die zwei Adjektive verstärken den Satz; die Endung auf „qualvollen Tod“ wäre für mich zu leise, denn „Tod“ ist ein eher weiches Wort, weil es auf „d“ endet, und 2.: sie verdeutlichen die Emotionen der perspektivtragenden Figur. Er empfindet den Lästerern gegenüber geradezu übertriebenen Zorn.

– Das Schlachtfeld war übersät mit Toten. Schlachtfelder waren alle gleich: Das Stöhnen der Sterbenden, die Rufe nach der fernen Mutter, der Flügelschlag der Krähen, der Geruch nach zerstampfter Erde und Blut. Die Sonne blinkte auf zerborstenen Schwertern und rotgefärbten Kettenhemden, gespaltenen Helmen und weiten Blutlachen; man könnte meinen, den Himmel erquicke dieses Schlachtfeld ohne Maß.

Viele Alliterationen. Die geradezu lapidare Aufzählung soll zeigen, dass die Figur sich nicht näher mit dem Schlachtfeld befassen will; sie will Distanz zwischen sich und ihre Umgebung bringen. Die vielen „fs“ und „schs“ lassen den Text wie gezischt oder geflüstert wirken. Diese Figur will auf dem Schlachtfeld nicht lachen oder lustig sein. Außerdem mag ich Zischlaute, und gerade bei dieser Figur treten vermehrt welche auf (das hatte ich nicht geplant, das ergab sich so). Ich finde, es passt zu ihr. Zischlaute klingen intrigant und verlogen.
„erquicke“: gemäß Duden ein Wort des „gehobenen“ Sprachgebrauchs. Das passt, denn der Perspektivträger ist ein Höfling und verfügt über – für seine Zeit –beachtliche Bildung.

Keine Wolke in Sicht. Die Sieger müssten sich beeilen bei der Bergung ihrer Verwundeten.

Ein klarer Fall von Euphemismus. Wenn es heiß ist, setzt die Verwesung schneller ein. „Die Sieger müssten sich beeilen …“ soll ungerührt klingen.

Gunther hielt sein Pferd an. Wie so oft gehorchte er Hagens Rat nicht:

Satz 2: Mein Lieblingssatz im ganzen Buch!!!
Man könnte jetzt natürlich sagen: Das ist eine falsche Kollokation! Es heißt nicht „jemandes Rat gehorchen!“ Man kann auf Rat hören oder vielleicht einen Rat befolgen, aber doch nicht gehorchen! Man gehorcht Befehlen!
Doch das ist gewollt. Mit diesem Satz ist das Verhältnis zwischen König Gunther und seinem Vasallen Hagen so kurz wie möglich definiert.

Nun ließ er den Blick schweifen übers Schlachtfeld, damit er jeden Funken Elend in sich aufnehmen und monatelang daran leiden konnte. Ganz gleich wie viele Schlachtfelder er sähe, niemals würde es ihn abhärten; sein Herz war zu sanft dafür. Hagen neigte sich zu ihm und raunte: „Es hilft nichts. Sieh nicht hin.“
„Wenn ich nicht helfen kann, so will ich doch trauern“, sagte Gunther.

Eigentlich müsste es heißen: „übers Schlachtfeld schweifen“. Doch dann folgen zu viele Endungen auf -en. Ein Satz mit zu vielen -en als Endsilben klingt hässlich.
„sähe“: Ich liebe Konjunktiv. Im Nibelungenlied gibt es super Konjunktive: „in slüegen schachaere da er füere durch den tan“ usw. … Figuren, die Konjunktiv verwenden, besitzen bei mir mehr Bildung als Figuren, die den Konjunktiv mit „würde“ bilden.
Wenn der Konjunktiv jedoch nicht eindeutig erkenntlich ist oder wenn er doof klingt, kommt die „würde“-Form zum Einsatz. Hier sieht man es schön: „niemals härtete es ihn ab“ klänge doof wegen des -tete. (Aus eben dem Grund verwende ich auch fast nie „antwortete“. Ich kann „antwortete“ einfach nicht leiden.)
„so will ich doch trauern“: Wir sind in einem humorvollen Mittelalterroman, da darf man schwülstig reden!

Gestalten stolperten übers Schlachtfeld: Mancher Verwundete rappelte sich auf und wankte zurück in Richtung des Lagers; Knappen staksten über die Gefallenen, suchten nach ihrem Herrn und schraken zurück vor den vielen reglosen Gesichtern ihrer Bekannten. Die Thüringer waren geflohen und hatten ihre versehrten Männer zurückgelassen – die Hessen natürlich würden sich um sie erst als letzte sorgen. Am Rand drängten sich die Rösser aneinander, in Furcht ob der einsetzenden Verwesung. Totenwache schnaubte ungerührt. Wie Hagen hatte er genug Schlachtfelder gesehen und geriet über den Anblick nicht mehr in Schrecken.

„staksten“: impliziert die Furcht der Knappen; wer stakst, ist ungelenk und starr; die Knappen hier sind vor Furcht (und Ekel?) unbeholfen
„schraken“: Manchmal achte ich auch auf „Vokalharmonie“. Das „a“ in „staksten“ und „schraken“ harmoniert sehr schön.
„versehrten“: Ein Wort, das man heutzutage nur noch in Bezug auf Kriegsverletzungen liest. Es kommt in seiner mittelhochdeutschen Form mehrmals im Nibelungenlied vor, glaube ich.
„würden sich um sie erst als letzte sorgen“: Wie oben beschrieben. Hier wäre der Konjunktiv: „sorgten sich um sie erst als letzte“ irreführend. Noch liegen die Thüringer hilflos auf dem Schlachtfeld herum. Mit dem Konjunktiv wäre das evtl. nicht deutlich genug.
Dass Pferde Verwesungsgeruch nicht mögen, weiß ich nur von diversen Berichten von Soldaten des Ersten Weltkriegs.
„in Furcht ob“: Schöne, altertümliche Formulierung.

Gunther hielt sich nur mit Mühe noch aufrecht. Manchmal schloss er die Augen. Hagen verfluchte sich tausendmal, dass er ihn überhaupt mitgenommen hatte; schal und unbedeutend schien nun der Preis, der ihnen winkte. Er hasste es, wenn sein König litt.
Hinter ihnen harrte schweigend das Heer. Da! Endlich! Markgraf Gere von Trier ritt vom Schlachtfeld zu ihnen zurück.
„Sie willigen ein, Euch zu empfangen, Herr.“
„Wohlan“, sagte Gunther. Er blinzelte gegen die Tränen an und wappnete sich für den Ritt übers Schlachtfeld. „Folgt mir.“

Eine Premiere! Der erste Relativsatz in diesem Kapitel!
Relativsätze und ich: Stoff für einen separaten Blogartikel … Relativsätze, die in der Fachliteratur ihre Berechtigung haben, sollen sich in Romanen gefälligst zurückhalten. Die Autorin, die sich vorher über Relativsätze ausgelassen hatte, schreibt jetzt wieder weiter. – Ihr habt es bestimmt gemerkt! Am schlimmsten sind die Relativsätze, die den zeitlichen Ablauf unterbrechen. Der Hauptsatz spielt in der Gegenwart, dann springt der Relativsatz in die Vergangenheit, und danach geht der Hauptsatz in der Gegenwart weiter. Na toll, Autor! Jetzt hast du einen Knoten in die Zeit gemacht!
Ebenfalls dümmlich sind die Relativsätze, die unwichtige oder sehr wichtige Infos enthalten. „Sie ging durch die Türe, die sie vorher geöffnet hatte.“ „Sie zeigte auf den Mann, der mit einem Speer im Bauch im Sterben lag, und sagte: „Wissen Sie, wo es zum Outlet geht?““

Hagen ergriff die Zügel von Gunthers Pferd. „Gewisslich nicht“, sagte er scharf. „Ich reite voran, du folgst.“ Wenn ein einzelner Hesse in Verzweiflung oder Zorn einen Pfeil auf sie abschösse und Gunther träfe! Überall dräute Gefahr für Gunther. Für Hagen auch, aber was kümmerte ihn sein Leben; es gewänne erst an Wert, wenn er es geopfert hätte für seinen König.
„Sie werden meinen, ich sei nicht nur willenloses Werkzeug meines Herzogs“, sagte Gunther, „sondern auch noch feige.“
Hagen ließ die Zügel los. Zur Antwort stieß er Totenwache die Fersen in die Flanken und ritt aufs Schlachtfeld. Totenwache scheute sich nicht davor, auf Gefallene zu treten, und wäre eisigen Gemüts geradewegs über alle hinweggeschritten, hätte Hagen ihn nicht zwischen den Toten und Verwundeten hindurchgelenkt. Gunther könnte es ihm gleichtun, und bräuchte kein einziges Mal hinabzusehen.

So viel habe ich mir bei dieser Stelle nicht gedacht. Es ist aber ziemlich dreist, als Vasall dem König in die Zügel zu greifen.
„Gewisslich“: Herrlich veraltet. Es klingt aggressiver als „gewiss“.
„Für Hagen auch, aber was kümmerte ihn sein Leben“: Wenn statt des „aber“ hier ein „doch“ stünde, wäre der Satz holpriger. Das Gleiche bei „ich sei nicht nur willenloses Werkzeug meines Herzogs“: Wenn es „ein Werkzeug“ hieße, würde es längst nicht so von der Zunge fließen. Ich versuche praktisch immer, eine je nach Lage passende Rhythmik der Sätze zu beachten. Das soll nicht heißen, dass ich Silben zähle, aber ich finde, eine Silbe mehr oder weniger kann ganz viel verändern. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Lieblingsbuch in Strophen verfasst ist, und ich als Jugendliche so gerne Versdramen las.
„gewänne“: Es gibt auch noch die schöne Form „gewönne“. Hier nahm ich „gewänne“, weil ich es einfacher zum Aussprechen finde.

Drei Männer standen in der Mitte des Schlachtfelds. Keiner hatte einen Bogen. Eine Sorge weniger. – Sie standen leicht gebeugt; die Haltung des Siegers, dessen Sieg zu teuer erkauft war. Kläglich flatterte das Banner über ihnen, und die Sonne blitzte auf ihren rotgeäderten Helmen. Die Männer schienen nicht angriffslustig.
Er zügelte sein Pferd. Gunther und Dankwart schlossen auf. Hagen sprang aus dem Sattel und hielt Gunther den Steigbügel.
Langsam gingen sie die letzten Schritte zu den Hessen. Nun ließ er Gunther den Vortritt; das verlangte die Würde seines Amtes. Seine Muskeln spannten sich. Er behielt die Hände der Männer genau im Auge. Wenn auch nur einer die Hand ans Heft legte, würde er sich vor Gunther werfen und den Hieb abwehren.

Die Sätze werden kürzer. Hagen erhöht jetzt seine Wachsamkeit und hat darum keine Zeit für längere Gedankengänge.
„würde er sich vor Gunther werfen und den Hieb abwehren.“ –> „würfe“ klingt zu übertrieben. Würde man sich das Buch vorlesen (lassen), dächte ein moderner Zuhörer vielleicht erst an das Substantiv „Würfe“ und wäre kurz verwirrt. Und warum nicht „wehrte den Hieb ab?“ Weil das letzte Wort eines Satzes wegen seiner exponierten Position mehr auffällt als die vorhergehenden. Ein Satz, der auf einem lahmen letzten Wort endet, wirkt seicht/lächerlich/lahm, je nach Eigenschaft des letzten Wortes. „Ab“ ist ein lahmes letztes Wort. „Abwehren“ ist stark.

Gunther blieb stehen. „Ich grüße Euch, Heinrich von Hessen“, sagte er.
Heinrichs Blick streifte ihn nur kurz. Das burgundische Heer hinter ihnen bannte seine Aufmerksamkeit.
„Ihr seid gekommen“, sagte Heinrich drauf mit schwacher Stimme. Er streckte die Hand aus. – Ruhig Blut! Sie war leer.
Gunther ergriff sie. Heinrichs Linke hing neben seinem Dolch. Er könnte ihn ziehen und Gunther erstechen! Sie standen so nah beieinander! Noch war seine Hand reglos, noch hatte sie den Dolch nicht gefasst – Sie ließen wieder los. Gunther stand trotzdem noch in Reichweite der hessischen Schwerter. Hagen packte ihn an der Schulter und zog ihn zurück. Die ersten Worte oblagen ohnehin ihm.

Dass Gunther Heinrich mit Namen und Land anspricht, wirkt so herrlich lächerlich mittelalterlich! Wäre dieses Buch ein ernstes Buch, hätte ich „Heinrich von Hessen“ weggelassen.
„bannte seine Aufmerksamkeit“: Schön veraltet. Außerdem: Daland zu Senta im „Holländer“: „Du bleibst gebannt auf deiner Stelle …!“
„sagte Heinrich drauf“: „Darauf“ klingt moderner als „drauf“. „Drauf“ klingt entweder veraltend oder umgangssprachlich. Die zusätzliche Silbe von „darauf“ hätte nicht dazu gepasst.
„Ruhig Blut!“ – Sollte Hagens Lebensmotto sein. Ein Spruch, der in diesem Buch noch öfter fällt.
Die Sätze werden noch kürzer, parallel zur steigenden Anspannung des Perspektivträgers. Es treten sogar Ausrufezeichen auf, sogar bei zwei Sätzen hintereinander.
„oblagen ohnehin ihm“: Das gehobene „oblagen“ wird durch das gewöhnliche „ohnehin“ etwas gebrochen.

„Wir sagten Herbert von Thüringen unsere Waffenhilfe zu. Doch ein Unstern oder Gottes Wille führte uns zu spät aufs Schlachtfeld. Ihr habt ihn besiegt, bezahltet den Zoll für Euren Triumph. Wie viele denn habt Ihr verloren?“

Auf einmal ganz andere Rhythmik, geradezu pathetisch. Es klingt nicht wie normale Sprache, unterscheidet sich auch deutlich von den kurzen Stellen wörtlicher Rede vorher, und ist auch eindeutig rhythmischer als die anderen Sätze. Das hat zwei Gründe: 1.: Soll hiermit angedeutet werden, dass die Wormser einen Plan ausführen. Hagens einleitende Worte klingen wie auswendig gelernt. Sie klingen auch sehr formelhaft, und, so empfinde ich es, arrogant. 2.: Hagen als der große Intrigant der deutschen Sage hat gewiss ein Talent dafür, den Leuten seinen Willen aufzuschwatzen. Ich nehme an, der Schlüssel zu erfolgreichem Intrigantentum ist Charisma. Charisma kann man auf dem Papier schwerlich darstellen (vor allem, wenn man selber charismatisch wie Knäckebrot ist 😉 ), also versuchte ich mir mit spezieller Rhythmik zu behelfen. Immer wenn Hagen in seinen „Intriganten-Modus“ verfällt, klingt er wie eine Dramenfigur. Ich hoffe, dem Leser geht es wie den anderen Figuren, er nickt dazu und sagt: „Ich weiß zwar nicht, was gemeint ist, aber die Hebungen und Senkungen der Silben sind cool. Ich stimme zu.“
„ein Unstern oder Gottes Wille“: Euphemismus für „Wir kamen absichtlich zu spät!“
„bezahltet den Zoll“: Anspielung an Wagners „Walküre“. Hunding singt zu Siegmund: „Für Tote zahlst du mir Zoll!“
„Wie viele denn habt Ihr verloren?“: Da sieht man, was ein einzelnes Wörtchen ausmachen kann, nämlich das kleine „denn.“
„Wie viele habt Ihr verloren?“ klingt locker und lässig, geradezu positiv.
„Wie viele habt ihr denn verloren?“ klingt schadenfroh, ungerührt und spöttisch. Ich sehe dann einen preußischen Offizier vor mir, der im Türrahmen lehnt, eine Zigarre raucht und Gablenz nach der Schlacht bei Königgrätz ganz spöttisch nach den österreichischen Verlusten fragt. (Nicht, dass ich alle preußischen Offiziere für spöttisch halte. Preußen waren auch nur Menschen. Viele meiner Bücher sind schließlich von Preußen inspiriert.)
„Wie viele denn habt Ihr verloren?“ Das ist die Mittelalter-Variante.

Das war ein Einblick in die Gedanken meines Kopfes, wenn ich einen Text schreibe. Außerdem denke ich nach über Kommas, Gedankenstriche und Strichpunkte und ob ich mal wieder einen neuen Stift kaufen soll.

 

*Lili Vogel tippt nicht, Lili Vogel stammt geistig aus dem 11./12./19. Jahrhundert und schreibt von Hand.

**Warum diese Stelle? Die Wormser, die Wormser, die Wormser!

Titel-Casting Runde 1

Wie wird mein neuer Roman KvB heißen? Wir machen ein Casting, um den Sieger zu ermitteln, denn nur einer kann „My next Booktitle“ werden!

Der erste Titel wird uns heute schon verlassen. (Man stelle sich bitte die diversen Monarchen gebührend nervös vor einer knallharten Jury vor, bestehend aus – äh – mir.)

Das Schicksal des Königs von Bayern ist Stoff für einen Roman, und würden wir es nicht besser wissen, müssten wir meinen, das Leben von Ludwig II. habe ein beschwipster Wagnerianer ersonnen. Am Ende verlangte der hochverschuldete Ludwig sogar, dass seine Hofbediensteten die Banken von Paris und Frankfurt ausrauben sollten, um das Geld für die Schuldentilgung aufzutreiben! Schon viele haben sich dieses Stoffes angenommen, und in der internationalen Erinnerung lebt er fröhlich fort als der verrückte König, der das Traumschloss aller Traumschlösser erbaute. So oft wurde seine Geschichte erzählt – da will ich sie nicht nochmals erzählen.

Lieber König von Bayern,
ich habe heute leider kein Cover für dich.

(Wer nun enttäuscht ist, der sei verwiesen auf einen Roman, der in größtem Maße von Ludwig II. inspiriert ist: „Der König von Blauwittern“ von, ähm, Lili Vogel. – Wer hätte das gedacht … In einer Parallelwelt lebt ein König, ein Sonderling und Schwärmer, Mäzen des musikalischen Übergenies Deodonatus Karrenbauer, Erbauer von Schlössern, usw. Die Frage ist: Kann er wenigstens in der Parallelwelt dem Tod im kalten Wasser entrinnen?)

Die verbliebenen Kandidaten:

Der Kaiser von Brasilien
Freiheit vom Mutterland, ein Kaiser, der die Bayreuther Festspiele besucht, und eine Prinzessin, die endlich die Sklaverei abschafft.

Der Kaiser von Byzanz
Intrigen, Morde, Verstümmelungen, Kriege, Exilprinzen, Bildersturm und Kreuzzüge, Osmanen und Belagerung – unter dem vorwurfsvollen Blick goldener Ikonen fließen Ströme von Blut, und niemandem kann man trauen.

Der König von Bayern
Ein König, ein Schloss, ein Genie! Wagner, und Psychiater, und Wagner, und Tändeleien mit Rossknechten, und Wagner!

Der König von Belgien
Ehestifter für Queen Victoria und erster König des unabhängigen Belgien – das ist doch einmal eine Karriere, die sich sehen lassen kann!

Der König von Böhmen
Der Kampf des 13. Jahrhunderts: Der Kampf um Österreich. Der König von Böhmen gegen Rudolf I. von Habsburg. Man kann sich denken, wer gewann.

Der König von Burgund
Gibt es ein Leben vor dem Untergang? Auch Schwächlinge und Schurken haben eine Vorgeschichte, und Worms war früher Metropole.

Der Kurfürst von Brandenburg
Er besiegte die Schweden. Er führte die Umsatzsteuer ein. Er begründete Preußens Aufstieg.

Der Kaiser von Berlin
Er war immer unterwegs, er war an allem interessiert, er mochte Meteorologie, Wagner, Pferde und Zerstörer, manche sagen, es war nicht seine Schuld, sondern sein Schicksal, wie ein Schlafwandler stolperte er in die Urkatastrophe – manche sagen, er war ein Kriegstreiber, ein Säbelrassler, Bramarbaseur und Ungeheuer – wer war er wirklich? Hat er es wirklich gewollt?

Wie es weitergeht, erfahren Sie nächste Woche!

KvB – Die Kandidaten für den Titel

Wie letzte Woche schon erwähnt, steht die Abkürzung KvB für einen Titel und ein Land. (Wer schon mal ein Lili-Vogel-Buch gesehen hat, kann sich denken, dass „K“ etwas mit Adligen zu tun hat.)

Hier eine Liste aller in Frage kommenden Kandidaten! Einer davon wird der Titel des Buches sein. (Der Untertitel bleibt noch geheim.) Aber welcher? Damit die Spannung ins Unermessliche steigt (man verzeihe mir die Scherze), wird jede Woche ein Titelkandidat rausgeworfen! Denn nur einer kann Lili Vogels Next Booktitle werden!

Liebe LeserInnen, begrüßen Sie mit mir die Kandidaten für den Titel des nächsten Lili-Vogel-Romans:

Der Kaiser von Brasilien
Freiheit vom Mutterland, ein Kaiser, der die Bayreuther Festspiele besucht, und eine Prinzessin, die endlich die Sklaverei abschafft.

Der Kaiser von Byzanz
Intrigen, Morde, Verstümmelungen, Kriege, Exilprinzen, Bildersturm und Kreuzzüge, Osmanen und Belagerung – unter dem vorwurfsvollen Blick goldener Ikonen fließen Ströme von Blut, und niemandem kann man trauen.

Der König von Bayern
Ein König, ein Schloss, ein Genie! Wagner, und Psychiater, und Wagner, und Tändeleien mit Rossknechten, und Wagner!

Der König von Belgien
Ehestifter für Queen Victoria und erster König des unabhängigen Belgien – das ist doch einmal eine Karriere, die sich sehen lassen kann!

Der König von Böhmen
Der Kampf des 13. Jahrhunderts: Der Kampf um Österreich. Der König von Böhmen gegen Rudolf I. von Habsburg. Man kann sich denken, wer gewann.

Der König von Burgund
Gibt es ein Leben vor dem Untergang? Auch Schwächlinge und Schurken haben eine Vorgeschichte, und Worms war früher Metropole.

Der Kurfürst von Brandenburg
Er besiegte die Schweden. Er führte die Umsatzsteuer ein. Er begründete Preußens Aufstieg.

Der Kaiser von Berlin
Er war immer unterwegs, er war an allem interessiert, er mochte Meteorologie, Wagner, Pferde und Zerstörer, manche sagen, es war nicht seine Schuld, sondern sein Schicksal, wie ein Schlafwandler stolperte er in die Urkatastrophe – manche sagen, er war ein Kriegstreiber, ein Säbelrassler, Bramarbaseur und Ungeheuer – wer war er wirklich? Hat er es wirklich gewollt?

Das sind sie! Wer wird aushalten bis zum Ende, wer wird uns vorzeitig verlassen? Nächste Woche mehr!

KvB – Wie wird der Titel lauten?

Heute nur ein kurzes Update: KvB wird noch länger als geplant (juhu!), und die Initialen „KvB“ stehen für den Titel. (Eigentlich müsste es DKvB heißen, aber das D lasse ich der Einfachheit halber getrost weg.)

Bald werdet ihr erfahren, wie das Buch heißt. Und damit es spannend bleibt, dürft ihr mitraten!

Ein erster Tipp: K steht für die Amtsbezeichnung eines Würdenträgers, und B für ein Land. Damit scheiden so schöne Titel wie „Der Kuckuck von Buxtehude“ oder „Der Kaiserpinguin von Berlin“ leider aus.
Nächste Woche erfahrt ihr mehr!