Die Qualen der Kreativen

Oder was denkt ein Autor wirklich bei der Veröffentlichung seines Buches?

Ich habe heute mein Lieblingsprojekt veröffentlicht. War das ein Tag zum Feiern, mit Konfetti, Champagner und hunderten Gratulanten, bestehend aus Lesern, Tanten und Unbekannten?
Nein.
Ich bin fertig mit den Nerven.
Seit das Buch veröffentlichungsreif ist, suchen mich immer dieselben Gedanken heim: Ist es wirklich gut? Ist es miserabel? Darf ich dafür überhaupt Geld verlangen? Kann ich damit den Lesern eine Freude machen, oder sollte ich der Welt einen Dienst erweisen und alles löschen?
Als ich noch im Schreibprozess war, oszillierte ich schneller von Freude zu Verzweiflung und wieder zurück; vor allem waren die Ausschläge Richtung Verzweiflung nicht so tief. Früher gab es noch gelungene Szenen und packende Handlungsstränge. Früher hatte ich Lieblingsszenen, früher fand ich die Figuren toll, früher wusste ich, dass das hier mein bisher bestes Buch ist.
Jetzt, da alles fertig ist, ist jeder Satz schlecht. Jeder Handlungsstrang ist hanebüchen oder langweilig oder rührselig, oder alles zugleich. Die Figuren sind unmöglich, am besten lösche ich alles und verbrenne das Manuskript. Am besten fange ich ganz von vorne an.
Nein, noch besser: Am besten lasse ich dieses Projekt für immer in Ruhe. Es war mein Lieblingsprojekt, es sollte herausragen aus meinen anderen Romanen, es sollte glänzen und glitzern, damit es auch den Lesern mehr gefiele als meine anderen Bücher, und es sollte großartig sein.

Es ist das schlechteste von allen geworden, denn ich bin unfähig. Andere machen alles viel besser, andere sind mit Kreativität gesegnet worden, andere können Sätze formulieren, die schimmern wie geschliffene Diamanten, und was ich schreibe, ist sprachlich sogar noch unterirdischer als die Kurznachricht, die ein Dreijähriges beim groben Herumtatschen aus Versehen verfasst hat.

Es ist das schlechteste Buch aller Zeiten, es ist so schlecht, dass die FAZ darüber eigens eine Kritik schreiben wird, die sich liest wie das Äquivalent einer öffentlichen Hinrichtung. Ein für allemal muss gesagt werden, dass nicht jeder, der sich erdreistet, ein Buch zu veröffentlichen, auch tatsächlich dazu bestimmt ist. Manche Autoren tun der Welt den größten Gefallen, wenn sie aufhören. Das Paradebeispiel bin ich.

Hunderttausend Rezensenten lauern auf mein Buch, werden es kaufen, hassen und eine Rezension verfassen. Das ist ja ihr gutes Recht, schließlich haben sie ihr teures Geld an mich verschwendet, und hätte ich das Buch verschenkt, hätten sie zumindest ihre Zeit ans Lesen verschwendet, und am besten gebe ich das Buch nie heraus.
In den sozialen Medien wird man es zerreißen, alle die Stellen, die mir besonders am Herzen lagen, ganz besonders, Memes wird man erstellen und ganze Anti-Accounts auf Tumblr. Ich werde als Negativbeispiel in Internet und Geschichte eingehen, und nie wieder werde ich mich getrauen, ein Wort zu schreiben. Hassmails werde ich bekommen, Leute werden Anwälte beauftragen und ihr Geld zurückfordern, Amazon wird mich für ewig aus seinen heiligen digitalen Hallen aussperren, und alle, die mich kennen und ohnehin nicht an mich geglaubt haben, werden mitleidig nickend vor sich hin murmeln: „Ich hatte eben schon immer Recht.“

Warum meine ich, dass ausgerechnet ich schreiben könnte? Ich kann es nicht. Ich bin schlimmer als der schlimmste Anfänger, meine Hybris war so weit wie die Milchstraße. Nichts ist lächerlicher als Stümper, die sich für Könner halten; und der lächerlichste Stümper bin ich!

Ich hasse mein Lieblingsprojekt, aber ich will nichts mehr daran ändern, ich will es zerstören. Ich dachte, es bringt mir Freude, wenn es fertig ist, aber es ist missraten. Es ist wie die Schöpfung eines verrückten Ingenieurs, die sich jetzt gegen ihn wendet und ihn vernichten wird. Das Projekt oder ich – einer von uns muss verlieren. Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse es.
Die großen Probleme auf der Welt verschonen mich, sonst hätte ich keine Zeit zu hassen. Ich hasse trotzdem, denn Hass und Weisheit vertragen sich nicht.
Es gibt kein Mittelmaß mehr, nur noch Extreme: Ich zielte auf Perfektion, und ich habe nur Schrott zustandegebracht. Ich bin umgeben von Millionen guter Bücher, jedes fand irgendwo einen zufriedenen Leser, nur meines nicht.

Ich werde bekommen, was ich verdiene: Schlechte Rezensionen, Wut und Verachtung, und bald bin ich soweit, dass mir alles egal ist, dieses verdammte Lieblingsprojekt soll in der Hölle verrotten oder im Internet; vermutlich wird es nach den ersten drei schlechten Rezensionen niemand mehr kaufen, sodass es ganz hinabsteigen wird in die Grotte der vergessenen Bücher, wo es hingehört, und keinen mehr kümmert.
Ich bin nicht wichtig, und meine Bücher auch nicht. Wenn ich Pech habe, wird man sie verreißen, und wenn ich Glück habe, wird niemand dieses Buch beachten. Dann bleibt meine Unzulänglichkeit verhohlen – bis zum nächsten erfolglosen Buch.

Ich hatte Erwartungen, hoch wie die Alpen, ich habe Ängste, tief wie der Baikalsee, und was wird herauskommen? Ein paar Verkäufe in den ersten Tagen, und dann Schweigen. In allen Statistiken ist Ruh, auf allen Verkaufsrängen spürest du kaum einen Hauch, die Rezensenten schweigen im Internet. Warte nur, balde ruhest du auch.

Dann beißt man die Zähne zusammen und drückt auf „Veröffentlichen“. Weil es beim Schreiben früher so ein tolles Gefühl war, und weil man bei den anderen Büchern immer dasselbe dachte. Und weil man tief drin nicht wahrhaben will, dass das Buch miserabel ist. Vielleicht findet es irgendwo einen Leser, verrückt wie ich, dem es gefällt.
Und weil man hofft, dass Zweifel ein Zeichen von wahrem Können sind. Weil man immer noch an sich glaubt, trotzig und verbissen und vielleicht unsäglich dumm. Unbelehrbar, das bin ich.

Und weil das neue Buch, das ich gerade schreibe, also, das wird super werden, ehrlich! Vergesst die anderen, vergesst, was ich gerade veröffentlicht habe, aber das neue Projekt, das, ha!

Und weil ich eines Tages diesen Artikel lesen will und sagen: „Ich habe es geschafft.“

 

Ach ja, ist der Ritter auf dem Beitragsbild nicht supersüß? Er erinnert mich an eine Figur aus meinem Lieblingsprojekt, also, da gibt es einen, der ist so hart, auf den schlägt das Schicksal immer erbarmungslos ein, und trotzdem macht er immer weiter, und ist trotzig und unbeugsam und ich habe ein kleines bisschen einen Narren an ihm gefressen <3 … Den gibt’s in meinem neuen Buch, das wirklich super ist, oder doch nicht, oder ja, oder nein, oder

Beitrag verfasst am 2. Dezember 2018