{"id":502,"date":"2018-12-28T21:40:21","date_gmt":"2018-12-28T20:40:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=502"},"modified":"2018-12-08T13:42:09","modified_gmt":"2018-12-08T12:42:09","slug":"die-qualen-der-kreativen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2018\/12\/28\/die-qualen-der-kreativen\/","title":{"rendered":"Die Qualen der Kreativen"},"content":{"rendered":"<p>Oder was denkt ein Autor wirklich bei der Ver\u00f6ffentlichung seines Buches?<\/p>\n<p>Ich habe heute mein Lieblingsprojekt ver\u00f6ffentlicht. War das ein Tag zum Feiern, mit Konfetti, Champagner und hunderten Gratulanten, bestehend aus Lesern, Tanten und Unbekannten?<br \/>\nNein.<br \/>\nIch bin fertig mit den Nerven.<br \/>\nSeit das Buch ver\u00f6ffentlichungsreif ist, suchen mich immer dieselben Gedanken heim: Ist es wirklich gut? Ist es miserabel? Darf ich daf\u00fcr \u00fcberhaupt Geld verlangen? Kann ich damit den Lesern eine Freude machen, oder sollte ich der Welt einen Dienst erweisen und alles l\u00f6schen?<br \/>\nAls ich noch im Schreibprozess war, oszillierte ich schneller von Freude zu Verzweiflung und wieder zur\u00fcck; vor allem waren die Ausschl\u00e4ge Richtung Verzweiflung nicht so tief. Fr\u00fcher gab es noch gelungene Szenen und packende Handlungsstr\u00e4nge. Fr\u00fcher hatte ich Lieblingsszenen, fr\u00fcher fand ich die Figuren toll, fr\u00fcher wusste ich, dass das hier mein bisher bestes Buch ist.<br \/>\nJetzt, da alles fertig ist, ist jeder Satz schlecht. Jeder Handlungsstrang ist haneb\u00fcchen oder langweilig oder r\u00fchrselig, oder alles zugleich. Die Figuren sind unm\u00f6glich, am besten l\u00f6sche ich alles und verbrenne das Manuskript. Am besten fange ich ganz von vorne an.<br \/>\nNein, noch besser: Am besten lasse ich dieses Projekt f\u00fcr immer in Ruhe. Es war mein Lieblingsprojekt, es sollte herausragen aus meinen anderen Romanen, es sollte gl\u00e4nzen und glitzern, damit es auch den Lesern mehr gefiele als meine anderen B\u00fccher, und es sollte gro\u00dfartig sein.<\/p>\n<p>Es ist das schlechteste von allen geworden, denn ich bin unf\u00e4hig. Andere machen alles viel besser, andere sind mit Kreativit\u00e4t gesegnet worden, andere k\u00f6nnen S\u00e4tze formulieren, die schimmern wie geschliffene Diamanten, und was ich schreibe, ist sprachlich sogar noch unterirdischer als die Kurznachricht, die ein Dreij\u00e4hriges beim groben Herumtatschen aus Versehen verfasst hat.<\/p>\n<p>Es ist das schlechteste Buch aller Zeiten, es ist so schlecht, dass die FAZ dar\u00fcber eigens eine Kritik schreiben wird, die sich liest wie das \u00c4quivalent einer \u00f6ffentlichen Hinrichtung. Ein f\u00fcr allemal muss gesagt werden, dass nicht jeder, der sich erdreistet, ein Buch zu ver\u00f6ffentlichen, auch tats\u00e4chlich dazu bestimmt ist. Manche Autoren tun der Welt den gr\u00f6\u00dften Gefallen, wenn sie aufh\u00f6ren. Das Paradebeispiel bin ich.<\/p>\n<p>Hunderttausend Rezensenten lauern auf mein Buch, werden es kaufen, hassen und eine Rezension verfassen. Das ist ja ihr gutes Recht, schlie\u00dflich haben sie ihr teures Geld an mich verschwendet, und h\u00e4tte ich das Buch verschenkt, h\u00e4tten sie zumindest ihre Zeit ans Lesen verschwendet, und am besten gebe ich das Buch nie heraus.<br \/>\nIn den sozialen Medien wird man es zerrei\u00dfen, alle die Stellen, die mir besonders am Herzen lagen, ganz besonders, Memes wird man erstellen und ganze Anti-Accounts auf Tumblr. Ich werde als Negativbeispiel in Internet und Geschichte eingehen, und nie wieder werde ich mich getrauen, ein Wort zu schreiben. Hassmails werde ich bekommen, Leute werden Anw\u00e4lte beauftragen und ihr Geld zur\u00fcckfordern, Amazon wird mich f\u00fcr ewig aus seinen heiligen digitalen Hallen aussperren, und alle, die mich kennen und ohnehin nicht an mich geglaubt haben, werden mitleidig nickend vor sich hin murmeln: &#8222;Ich hatte eben schon immer Recht.&#8220;<\/p>\n<p>Warum meine ich, dass ausgerechnet ich schreiben k\u00f6nnte? Ich kann es nicht. Ich bin schlimmer als der schlimmste Anf\u00e4nger, meine Hybris war so weit wie die Milchstra\u00dfe. Nichts ist l\u00e4cherlicher als St\u00fcmper, die sich f\u00fcr K\u00f6nner halten; und der l\u00e4cherlichste St\u00fcmper bin ich!<\/p>\n<p>Ich hasse mein Lieblingsprojekt, aber ich will nichts mehr daran \u00e4ndern, ich will es zerst\u00f6ren. Ich dachte, es bringt mir Freude, wenn es fertig ist, aber es ist missraten. Es ist wie die Sch\u00f6pfung eines verr\u00fcckten Ingenieurs, die sich jetzt gegen ihn wendet und ihn vernichten wird. Das Projekt oder ich \u2013 einer von uns muss verlieren. Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse es.<br \/>\nDie gro\u00dfen Probleme auf der Welt verschonen mich, sonst h\u00e4tte ich keine Zeit zu hassen. Ich hasse trotzdem, denn Hass und Weisheit vertragen sich nicht.<br \/>\nEs gibt kein Mittelma\u00df mehr, nur noch Extreme: Ich zielte auf Perfektion, und ich habe nur Schrott zustandegebracht. Ich bin umgeben von Millionen guter B\u00fccher, jedes fand irgendwo einen zufriedenen Leser, nur meines nicht.<\/p>\n<p>Ich werde bekommen, was ich verdiene: Schlechte Rezensionen, Wut und Verachtung, und bald bin ich soweit, dass mir alles egal ist, dieses verdammte Lieblingsprojekt soll in der H\u00f6lle verrotten oder im Internet; vermutlich wird es nach den ersten drei schlechten Rezensionen niemand mehr kaufen, sodass es ganz hinabsteigen wird in die Grotte der vergessenen B\u00fccher, wo es hingeh\u00f6rt, und keinen mehr k\u00fcmmert.<br \/>\nIch bin nicht wichtig, und meine B\u00fccher auch nicht. Wenn ich Pech habe, wird man sie verrei\u00dfen, und wenn ich Gl\u00fcck habe, wird niemand dieses Buch beachten. Dann bleibt meine Unzul\u00e4nglichkeit verhohlen \u2013 bis zum n\u00e4chsten erfolglosen Buch.<\/p>\n<p>Ich hatte Erwartungen, hoch wie die Alpen, ich habe \u00c4ngste, tief wie der Baikalsee, und was wird herauskommen? Ein paar Verk\u00e4ufe in den ersten Tagen, und dann Schweigen. In allen Statistiken ist Ruh, auf allen Verkaufsr\u00e4ngen sp\u00fcrest du kaum einen Hauch, die Rezensenten schweigen im Internet. Warte nur, balde ruhest du auch.<\/p>\n<p>Dann bei\u00dft man die Z\u00e4hne zusammen und dr\u00fcckt auf &#8222;Ver\u00f6ffentlichen&#8220;. Weil es beim Schreiben fr\u00fcher so ein tolles Gef\u00fchl war, und weil man bei den anderen B\u00fcchern immer dasselbe dachte. Und weil man tief drin nicht wahrhaben will, dass das Buch miserabel ist. Vielleicht findet es irgendwo einen Leser, verr\u00fcckt wie ich, dem es gef\u00e4llt.<br \/>\nUnd weil man hofft, dass Zweifel ein Zeichen von wahrem K\u00f6nnen sind. Weil man immer noch an sich glaubt, trotzig und verbissen und vielleicht uns\u00e4glich dumm. Unbelehrbar, das bin ich.<\/p>\n<p>Und weil das neue Buch, das ich gerade schreibe, also, das wird super werden, ehrlich! Vergesst die anderen, vergesst, was ich gerade ver\u00f6ffentlicht habe, aber das neue Projekt, das, ha!<\/p>\n<p>Und weil ich eines Tages diesen Artikel lesen will und sagen: &#8222;Ich habe es geschafft.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach ja, ist der Ritter auf dem Beitragsbild nicht supers\u00fc\u00df? Er erinnert mich an eine Figur aus meinem Lieblingsprojekt, also, da gibt es einen, der ist so hart, auf den schl\u00e4gt das Schicksal immer erbarmungslos ein, und trotzdem macht er immer weiter, und ist trotzig und unbeugsam und ich habe ein kleines bisschen einen Narren an ihm gefressen &lt;3 &#8230; Den gibt&#8217;s in meinem neuen Buch, das wirklich super ist, oder doch nicht, oder ja, oder nein, oder<\/p>\n<p>Beitrag verfasst am 2. Dezember 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder was denkt ein Autor wirklich bei der Ver\u00f6ffentlichung seines Buches? Ich habe heute mein Lieblingsprojekt ver\u00f6ffentlicht. 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