{"id":433,"date":"2018-10-11T17:00:46","date_gmt":"2018-10-11T15:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=433"},"modified":"2018-10-11T17:00:46","modified_gmt":"2018-10-11T15:00:46","slug":"du-wirst-was-du-schreibst-oder-wie-das-schreiben-autoren-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2018\/10\/11\/du-wirst-was-du-schreibst-oder-wie-das-schreiben-autoren-veraendert\/","title":{"rendered":"Du wirst, was du schreibst oder Wie das Schreiben Autoren ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>Autoren \u2013 lichtscheue Wesen, die geb\u00fcckt wie ein brillentragendes Rumpelstilzchen auf ihre Tastaturen einhacken. Introvertierte Tr\u00e4umer, die viel lieber gro\u00dfe K\u00e4mpfer mit blutiger Streitaxt w\u00e4ren, oder zarte Prinzessinnen, oder zarte Prinzessinnen mit blutiger Streitaxt. Autoren sind doch alle gleich, von der Jugend bis zum Alter. Oder nicht?<\/p>\n<p>Schreiben ver\u00e4ndert uns. Nicht nur, dass wir Organisationstalent und Selbstdisziplin entwickeln, Begeisterungsf\u00e4higkeit und Durchhalteverm\u00f6gen \u2013 unsere Texte ver\u00e4ndern uns noch auf ganz andere Art, auf unheimliche Art: Du wirst, was du schreibst.<\/p>\n<p>Wer sich ganz in seine Figuren einarbeitet, wer sich t\u00e4glich stundenlang damit besch\u00e4ftigt, die Welt aus der Sicht eines traumatisierten Cholerikers, einer arroganten Hochsensiblen, einer pedantischen Hochadligen oder eines arbeitss\u00fcchtigen Kaisers zu schildern, der nimmt Z\u00fcge seiner Figuren an. Das passiert ganz von selber, man muss nichts weiter dazu tun. Stundenlang richten wir unsere Konzentration darauf, den erfundenen Charakter erfundener Figuren m\u00f6glichst glaubw\u00fcrdig nachzubilden \u2013 das f\u00e4rbt ganz selbstverst\u00e4ndlich auf uns ab. Wir erfinden spannende Figuren f\u00fcr den Leser, und eignen uns dabei neuartige Denkweisen an. Was wir uns ausdenken, pr\u00e4gt uns, und manchmal auf gravierende Weise.<\/p>\n<p>Ich beobachte dieses Ph\u00e4nomen schon seit l\u00e4ngerer Zeit (und es wird von Buch zu Buch deutlicher). Hier eine Liste meiner bisherigen B\u00fccher, und wie die jeweiligen Hauptfiguren w\u00e4hrend des Schreibens auf mich abgef\u00e4rbt haben:<\/p>\n<h2>Der Kaiser von Huwelreich<\/h2>\n<p>Weibliche Hauptfigur: Pedantische Prinzessin, tadellose Manieren, sehr auf Einhaltung der Etikette bedacht, hohe Selbstbeherrschung, sieht anderen etwaige Fauxpas jedoch gro\u00dfz\u00fcgig nach, charakterlich recht gefestigt<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Einfluss auf mich: Ich f\u00fchlte mich recht gefasst, \u00fcbte gerne Nachsicht mit den allt\u00e4glichen Schw\u00e4chen der Menschen. Allgemein war ich guter Laune.<\/p>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur: Liebeskranker Prinz<\/p>\n<p>&#8211;&gt; kein Einfluss auf mich<\/p>\n<h2>Die Rose von Huwelreich<\/h2>\n<p>Weibliche Hauptfigur: Narzisstische Hochsensible, die meint, sie habe ein schreckliches Leben, so viele Pflichten, keine Freude, versinkt in einem Ozean aus Selbstmitleid, &#8230;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Dieses Buch zu schreiben war eine Qual, ich musste mich durchk\u00e4mpfen, manchmal schrieb ich ins Manuskript &#8222;Ich hasse dieses Buch. Ich hasse dieses Buch&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur: Arbeitsamer Kaiser, von schlichtem Gem\u00fct, wenig emotionale Tiefe, aber wohlmeinend<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Diese Szenen waren einfach und schnell und machten Spa\u00df<\/p>\n<h2>Der K\u00f6nig von Blauwittern<\/h2>\n<p>Weibliche Hauptfigur: Traumatisierte, unterdr\u00fcckte Prinzessin. Glaubt, sie d\u00fcrfe nicht f\u00fcr sich selber eintreten. Glaubt, sie hat kein Recht auf Respekt<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Ich bekam Angst vor dem Zorn anderer Leute. Ich gab mir gro\u00dfe M\u00fche, anderen nicht zur Last zu fallen oder ihren Unwillen zu erregen<\/p>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur: Wagnerfan und verr\u00fcckt<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Ich war schon vorher Wagnerfan, es hat sich nichts ver\u00e4ndert<br \/>\n<del datetime=\"2018-10-11T13:43:47+00:00\">&#8211;&gt; Ich war schon vorher verr\u00fcckt, es hat sich nichts<\/del><\/p>\n<h2>Wie man einen Kaiser erpresst<\/h2>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur: Liebensw\u00fcrdiger Workaholic-Kaiser<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Ich schrieb dieses Buch in 9 Tagen, auch wenn es hart und anstrengend war, auch wenn w\u00e4hrend der letzten drei Tage st\u00e4ndig mein Augenlid zuckte und ich keine Freizeit mehr hatte, denn man muss sich durchbei\u00dfen!<\/p>\n<p>Weibliche Hauptfigur: Trotziges Dienstm\u00e4dchen, das eisern seine Tr\u00e4ume verfolgt<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Siehe oben!<\/p>\n<h2>Dietrich von Bern<\/h2>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur: Gem\u00fctlicher Held, selbstsicher und selbstgerecht, schleppt noch einen alten Mann mit sich herum, der immer meckert<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Ich war weder gem\u00fctlich noch Held, aber die meckernden Leuten dieser Welt habe ich endlich durchschaut!<\/p>\n<p>Die Antagonisten: Viel toller als der Held, weil intrigant und vom K\u00f6nigshof und so weiter &#8230;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Es ging mir wunderbar!<\/p>\n<h2>Der Kaiser, sein Feind und der Krieg<\/h2>\n<p>Auktorialer Erz\u00e4hler, der mit spitzer Zunge schwadroniert, wie man es im 19. Jahrhundert zu tun pflegte<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Mir ging es super! Ich bin im tiefsten Innern n\u00e4mlich ein Bramarbaseur des 19. Jahrhunderts<\/p>\n<h2>Der K\u00f6nig von Burgund und die Geisel<\/h2>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur 1: Zweifler, Jammerlappen<\/p>\n<p>&#8211;&gt; jeder Satz war eine Qual, jeden Satz musste ich hinterfragen, jede Metapher, es war doch alles schon einmal da, ist das nun Kitsch oder Pathos oder schlecht, so langsam wie hier schrieb ich noch nie, ach Weh, soll ich das nicht doch wieder streichen? Ach, ich wei\u00df auch nicht, und nun will ich eine Pause machen und darob klagen, wie schwer mir heuer das Schreiben f\u00e4llt &#8230;<\/p>\n<p>M\u00e4nnliche Hauptfigur 2: Hart und unbeugsam und eisern und unzerbrechlich und immer aggressiv und gleich auf 180!!!!!<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Ich biss mich durch, selbst wenn mir die Motivation fehlte! Man muss hart zu sich selbst sein, und ich habe mich ge\u00e4rgert, st\u00e4ndig, ich h\u00e4tte rasen k\u00f6nnen, und wenn ich auch m\u00fcde war, schrieb ich doch noch weiter, sogar beim Sport war ich z\u00e4her als sonst, und ich gehe jetzt und erobere ein Land f\u00fcr meinen K\u00f6nig \u2013 \u00e4h \u2013 so ungef\u00e4hr.<\/p>\n<p>M\u00e4nnliche Nebenfigur: Tyrann, grantig, Giftmischer<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Haben diese Szenen Spa\u00df gemacht! Die gingen schnell, und zack, schon waren sie fertig. Ich habe offenbar ein Talent f\u00fcr Schurken &#8230;<\/p>\n<p>Weibliche Nebenfigur: Kleine, intrigante, manipulative Schwester<\/p>\n<p>&#8211;&gt; Wie kann man seine Br\u00fcder nicht m\u00f6gen? Bl\u00f6de Figur. &#8211;&gt; Kein Einfluss auf mich.<\/p>\n<h2>Fazit:<\/h2>\n<p>Was auf mich am meisten abf\u00e4rbt, ist die Grundstimmung, die ich der jeweiligen Figur zugeordnet habe. Kein Wunder; die Grundstimmung gleicht einem Basso continuo, der immer in jeder Szene mitschwingt. Was die Figuren wahrnehmen, ist durch ihre jeweilige Grundstimmung gefiltert: Wenn ich aus der Sicht eines Hitzkopfs schreibe, schlage ich einen viel aggressiveren Ton an, als wenn ich aus der Sicht einer k\u00fchlen Intrigantin schreibe.<\/p>\n<p>Es bleibt festzuhalten, dass diese Beeinflussung meiner pers\u00f6nlichen Stimmung von Buch zu Buch zunimmt. Gerade das aktuelle Projekt ist wirklich krass, es wechseln sich Tage voller Unentschlossenheit und Selbstzweifel ab mit Tagen des Durchbei\u00dfens, mir w\u00e4chst Entschlossenheit zu, wie ich sie noch nie gekannt habe, und die wenigsten wissen das, aber in mir drin steckt ein m\u00e4chtiger Choleriker, und der will platzen!<\/p>\n<p>Wie geht es euch? Habt ihr schon einmal etwas \u00c4hnliches bei euch beobachtet?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autoren \u2013 lichtscheue Wesen, die geb\u00fcckt wie ein brillentragendes Rumpelstilzchen auf ihre Tastaturen einhacken. 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