{"id":413,"date":"2018-09-19T18:32:10","date_gmt":"2018-09-19T16:32:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=413"},"modified":"2020-06-03T17:33:20","modified_gmt":"2020-06-03T15:33:20","slug":"tipps-fuer-autoren-religion-in-romanen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2018\/09\/19\/tipps-fuer-autoren-religion-in-romanen\/","title":{"rendered":"Tipps f\u00fcr Autoren: Religion in Romanen"},"content":{"rendered":"<p>Religion in der Belletristik \u2013 mit kaum einem Thema kann man Leser schneller vergr\u00e4men. Heutzutage ist Religion Privatsache; und wer beim Lesen eines spannenden historischen Romans auf zu viele Glaubensdinge st\u00f6\u00dft, f\u00fchlt sich (wom\u00f6glich) schnell genervt. Gl\u00e4ubige Figuren k\u00f6nnen auf moderne Leser allzu schnell verstockt, intolerant oder bigott wirken, selbst dann, wenn sie in der Epoche, in der ihr historischer Roman spielt, als recht lau gelten w\u00fcrden.<br \/>\nTrotzdem kann man, gerade in historischen Romanen, nur schwerlich auf das Thema Religion verzichten, da es nun einmal f\u00fcr die meisten Menschen vergangener Zeiten ein bedeutender Bestandteil des Lebens war. Was nun tun? Wie integriert man Religion in die Kulisse des historischen Romans, ohne dass es dem modernen Leser zu viel wird?<br \/>\n(Eine Anmerkung in eigener Sache: Dieser Artikel behandelt, wie man Religion\/Glauben von Menschen <strong>neutral und wertungsfrei<\/strong> darstellt als Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit. Es steht mir fern, irgendjemandes religi\u00f6se Gef\u00fchle verletzen zu wollen, und ich bin der Meinung, dass gerade die Darstellung von Religion besonderes Feingef\u00fchl von Autoren erfordert, ganz gleich, welcher Religion sie selber anh\u00e4ngen, ob sie Atheisten sind o. \u00c4. Meine pers\u00f6nlichen Ansichten zu Religion sind kein Bestandteil dieses Blogartikels; das ist Privatsache.)<\/p>\n<p>Dazu gibt es verschiedene M\u00f6glichkeiten (die meisten Beispiele entstammen dem Christentum):<\/p>\n<h2>Lasst Heilige dabeisein!<\/h2>\n<p>Religionen, die \u00fcber Heiligenfiguren verf\u00fcgen, besitzen zugleich einen Schatz von interessanten Geschichten. W\u00e4hrend viele Leser sich geistig gleich distanzieren oder abschalten, wenn die Autorin ihre Figuren \u00fcber Gott nachdenken l\u00e4sst, finden die Leser Geschichten von Heiligen weniger &#8222;aufdringlich&#8220;. Heilige waren schlie\u00dflich auch nur Menschen, ihre Viten enthalten starke Bilder, und ihre Schicksale sind auch f\u00fcr Leser anderer Glaubensrichtungen\/Atheisten interessant.<br \/>\nIn diesem Sinne k\u00f6nnte man die Hauptfigur einmal bei ihrem Lieblingsheiligen um Hilfe flehen lassen oder beim Patron ihres Berufes. Warum nicht den Hausaltar der Schwiegermutter des Helden beschreiben, mit ihren vielen Votivtafeln, wobei sie eigenartigerweise eine besondere Vorliebe f\u00fcr M\u00e4rtyrer hegt?<br \/>\n(Zusatztipp f\u00fcr Schlaumeier: Katholiken beten Heilige nicht <em>an<\/em>, sie beten <em>zu<\/em> ihnen. Nur Gott beten sie <em>an<\/em>.)<\/p>\n<h2>Der Glaube als Bestandteil der Politik<\/h2>\n<p>Bei Kr\u00f6nungen, Schwertleiten, Staatshochzeiten usw. spielt Religion eine gro\u00dfe Rolle und kann auch ausf\u00fchrlicher dargestellt werden; die meisten Leser wissen, dass zu solchen Ereignissen auch Messen usw. dazugeh\u00f6rten und werden sich, sollten sie eine Abneigung gegen Religion haben, nicht ganz so genervt f\u00fchlen. Wer subtiler die Bedeutung des Glaubens f\u00fcr die Politik darstellen m\u00f6chte, kann dies z. B. beim Text von k\u00f6niglichen Erlassen im Mittelalter tun, so z.B. in der Schussformel wie hier Heinrich IV. 1074: &#8222;Gegeben am 18. Januar im Jahre des Heils 1074, im 19. Jahre des K\u00f6nigtums, im 17. der Regierung des Herrn Heinrich IV. Gegeben zu Worms im Namen Gottes. Amen.&#8220; (Zitat aus &#8222;Worms. Eine Spurensuche&#8220; von Ralph H\u00e4ussler, Monheim 2003, S. 55)<\/p>\n<p>Die Floskel &#8222;anno domini&#8220; ist auch immer sch\u00f6n.<\/p>\n<h2>Scharfz\u00fcngige F\u00fcrbitten<\/h2>\n<p>Humor gef\u00e4llt allen Lesern (ok, fast allen), und gerade die Vermischung von Humor und Fr\u00f6mmigkeit zeigt die Ubiquit\u00e4t des Glaubens, ohne dem Leser zu nahe zu treten.<br \/>\nEin Beispiel daf\u00fcr ist der Spruch, der an manche H\u00e4userwand geschrieben war: &#8222;St. Florian, St. Florian, verschon mein Haus, z\u00fcnd andere an.&#8220; Denkbar w\u00e4re auch ein Bischof, der Wein und gutem Essen nicht abgeneigt ist und jedes Mahl beginnt mit dem Sto\u00dfseufzer: &#8222;Herr, mach mich zum Asketen \u2013 aber noch nicht gleich.&#8220; (In starker Abwandlung des Augustinus-Zitates &#8230;)<\/p>\n<p>Gerade die Volksfr\u00f6mmigkeit mit ihren manchmal haneb\u00fcchenen Versuchen, den allwissenden Herrgott eben doch zu \u00fcberlisten, bietet viel Material f\u00fcr kurze Einblicke in die Lebenswirklichkeit (und Bauernschl\u00e4ue) der Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<h2>Jede Kirche hat einen Namen<\/h2>\n<p>Wer in einer Stadt wohnt, dem sind die Namen der Kirchen gel\u00e4ufig. Da l\u00e4uten nicht die &#8222;Kirche mit den zwei eckigen T\u00fcrmen und die Kirche dr\u00fcben am Marktplatz&#8220;, sondern St. Paulus, St. Eulalia, usw. In meinem aktuellen Projekt gibt es u. a. St. Peter, St. Paul, St. Johannis, St. C\u00e4cilie, St. Martin und noch viele mehr.<\/p>\n<h2>Kirchen als Orte der Andacht<\/h2>\n<p>Ja gut, im Mittelalter waren Kirchen auch Orte des rein weltlichen Zusammenseins, und manchmal ging es eher zu wie auf einem Marktplatz. Trotzdem k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass f\u00fcr fromme Menschen der Besuch eines Gotteshauses etwas sehr Erhebendes war. (Man beachte, dass fr\u00fcher die Kirchen die h\u00f6chsten Geb\u00e4ude der Stadt waren. Welche sind es heutzutage? Bankh\u00e4user.) Nun k\u00f6nnte man einerseits langwierig die Architektur der Kirche beschreiben (och n\u00f6 &#8230;), oder man k\u00f6nnte die Atmosph\u00e4re kurz einfangen in Verbindung mit dem Staunen der Kirchg\u00e4nger. Z. B. hier:<\/p>\n<blockquote><p>Als er am Tag seiner Schwertleite, umgeben von den vornehmsten F\u00fcrsten des Reiches, in den Dom einzog, ging ein Regenguss auf sie hernieder, als wolle der Himmel eine neue Sintflut schicken. Die Frauen im Gefolge quietschten und kicherten, das Gefluche der Grafen schallte \u00fcber den ganzen Platz, und das Volk verschluckte seine Jubelschreie und murrte nur noch. Die wenigen Schritte vom Palas zum Nordportal reichten aus, dass sie triefend nass waren, als sie \u00fcber die Schwelle traten. Der Erzbischof von Mainz empfing sie im Innern, schmunzelte ob dieses tropfenden Zuges und ging ihnen voran zum Altar im Westchor. Zu den Fenstern fiel nur noch graues Regenlicht herein, und die S\u00e4ulen hallten wider von den Fl\u00fcchen der Grafen, als wolle der Dom sie ermahnen mit tiefer Steinstimme, dass sie seine heilige Andacht entweihten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder sowas in der Art.<\/p>\n<h2>Bibelbilder<\/h2>\n<p>Die Sintflut, das geteilte Meer, die Schlange \u2013 das sind Bilder, die allgemein bekannt sind. F\u00fcr gl\u00e4ubige Menschen sind Vergleiche zur Bibel nat\u00fcrlich naheliegend: der &#8222;sintflutartige Regen&#8220;, ein grantiger Alter denkt vielleicht: &#8222;Meine Frau ist das siebenk\u00f6pfige Biest der Apokalypse, ihr fehlen nur sechs K\u00f6pfe, sonst passt alles&#8220;, &#8222;der Hirtenstab, mit dem er gewiss die Wassermassen des Rheins und die Heere der Sachsen teilen k\u00f6nnte&#8220;.<br \/>\nMan kann auch Bilder verwenden, die nicht so bekannt sind.<\/p>\n<blockquote><p>Nun hatte das K\u00f6nigreich auch noch das \u00fcberm\u00e4\u00dfige Gl\u00fcck, dass in seinen Gefilden die sch\u00f6nsten M\u00e4dchen heranwuchsen, Lilien unter Disteln, von ihren Lippen tropfte Honig, die H\u00fcften rund wie Geschmeide, und diejenigen, die nicht ganz so sch\u00f6n waren, verzierten sich mit so viel Gold und Silber, dass ihr bescheidenes Aussehen gar nicht mehr auffiel.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Lilien-Stelle, der Honig und die runden H\u00fcften sind aus dem Hohelied der Liebe.<\/p>\n<h2>Psalmen und Spr\u00fcche<\/h2>\n<p>Die Bibel enth\u00e4lt Zitate, die scheinen f\u00fcr den Unwissenden gar nicht wie Bibelzitate (vielleicht bis auf den m\u00e4chtigen Duktus). &#8222;Die T\u00fcr dreht sich in ihrer Angel, und der Faule in seinem Bett&#8220;.<\/p>\n<h2>Angeberwissen<\/h2>\n<p>Hier kann man als Autorin damit angeben, wie toll man recherchiert hat. Dabei darf man nicht in Versuchung kommen, alles zu erkl\u00e4ren, weil sich der Leser sonst belehrt f\u00fchlt. Wenn man nur lapidar religi\u00f6se Begriffe fallen l\u00e4sst, erkennt der Leser, dass dies keine f\u00fcr die Handlung wichtigen Informationen sind, sondern nur Bestandteile der historischen Kulisse.<\/p>\n<blockquote><p>Aus einem Sack rollten gar ein Naviculum und ein Aspergill. Liturgische Ger\u00e4te! Sie hatten eine Kirche gepl\u00fcndert! Auch wenn sie trotzig im Schisma verharrte, hatte die Ostkirche das nicht verdient.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann es mit der Angeberei aber auch \u00fcbertreiben. In einem alten Projekt von mir sagt einmal der Ex-Bischof zum Augustinus-Fan, als er ihm einen Brief gibt: &#8222;Tolle, lege!&#8220; \u2013 Vielleicht h\u00e4tte ich die deutsche \u00dcbersetzung nehmen sollen: &#8222;Nimm und lies.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religion in der Belletristik \u2013 mit kaum einem Thema kann man Leser schneller vergr\u00e4men. Heutzutage ist Religion Privatsache; und wer beim Lesen eines spannenden historischen Romans auf zu viele Glaubensdinge st\u00f6\u00dft, f\u00fchlt sich (wom\u00f6glich) schnell genervt. 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