{"id":339,"date":"2018-08-23T20:25:48","date_gmt":"2018-08-23T18:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=339"},"modified":"2018-08-23T20:25:53","modified_gmt":"2018-08-23T18:25:53","slug":"was-sich-autoren-dabei-denken-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2018\/08\/23\/was-sich-autoren-dabei-denken-teil-1\/","title":{"rendered":"Was sich Autoren dabei denken \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Hier m\u00f6chte ich einmal einen Einblick geben in die Arbeit als Autorin. Wie schreibt man ein Buch? Wie formuliert man S\u00e4tze? Denkt sich die Autorin etwas dabei, oder tippt sie einfach so drauflos?*<br \/>\nDazu zeige ich anhand eines kleinen Ausschnitts aus &#8222;Dietrich von Bern: K\u00f6nig ohne Reich und Krone&#8220;, welche Gedanken in die Erstellung einer Romanszene einflie\u00dfen.**<\/p>\n<p>Es handelt sich hierbei um den Anfang des Kapitels &#8222;Die Aaskr\u00e4hen kommen&#8220;, in dem die Burgunden von Worms zum ersten Mal auftreten.<\/p>\n<blockquote><p>Aaskr\u00e4hen kreisten \u00fcber ihnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Alliteration! Kr\u00e4hen kreisten. 1.: Ich liebe Alliterationen. Ich finde, sie verleihen jedem Satz gleich mehr Kraft. 2.: Die Burgunden Gunther und Hagen treten auch auf in Richard Wagners &#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220;. Dort singen die Figuren in Stabreimen. Jede Alliteration in Szenen der Wormser ist ein Gru\u00df an Wagner!<\/p>\n<blockquote><p>B\u00f6se Zungen nannten Gunther den K\u00f6nig der Aaskr\u00e4hen. Er w\u00fcnschte den Besitzern dieser L\u00e4sterzungen einen qualvollen Tod, langwierig und elend.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;B\u00f6se Zungen&#8220;: &#8222;alt&#8220; klingende Formulierung. Man soll ja sehen, dass wir im Mittelalter sind.<br \/>\nZitat aus der G\u00f6tterd\u00e4mmerung, 2. Aufzug 4. Szene: &#8222;Die Zunge, die sie l\u00e4stert, soll ich der L\u00fcge sie zeihen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Langwierig und elend&#8220;: Eigentlich impliziert ein qualvoller Tod die Adjektive &#8222;langwierig und elend&#8220;, insofern ist diese Stelle redundant und damit \u00fcberfl\u00fcssig. Aber ich entschied mich daf\u00fcr, weil 1.: die zwei Adjektive verst\u00e4rken den Satz; die Endung auf &#8222;qualvollen Tod&#8220; w\u00e4re f\u00fcr mich zu leise, denn &#8222;Tod&#8220; ist ein eher weiches Wort, weil es auf &#8222;d&#8220; endet, und 2.: sie verdeutlichen die Emotionen der perspektivtragenden Figur. Er empfindet den L\u00e4sterern gegen\u00fcber geradezu \u00fcbertriebenen Zorn.<\/p>\n<blockquote><p>\u2013 Das Schlachtfeld war \u00fcbers\u00e4t mit Toten. Schlachtfelder waren alle gleich: Das St\u00f6hnen der Sterbenden, die Rufe nach der fernen Mutter, der Fl\u00fcgelschlag der Kr\u00e4hen, der Geruch nach zerstampfter Erde und Blut. Die Sonne blinkte auf zerborstenen Schwertern und rotgef\u00e4rbten Kettenhemden, gespaltenen Helmen und weiten Blutlachen; man k\u00f6nnte meinen, den Himmel erquicke dieses Schlachtfeld ohne Ma\u00df.<\/p><\/blockquote>\n<p>Viele Alliterationen. Die geradezu lapidare Aufz\u00e4hlung soll zeigen, dass die Figur sich nicht n\u00e4her mit dem Schlachtfeld befassen will; sie will Distanz zwischen sich und ihre Umgebung bringen. Die vielen &#8222;fs&#8220; und &#8222;schs&#8220; lassen den Text wie gezischt oder gefl\u00fcstert wirken. Diese Figur will auf dem Schlachtfeld nicht lachen oder lustig sein. Au\u00dferdem mag ich Zischlaute, und gerade bei dieser Figur treten vermehrt welche auf (das hatte ich nicht geplant, das ergab sich so). Ich finde, es passt zu ihr. Zischlaute klingen intrigant und verlogen.<br \/>\n&#8222;erquicke&#8220;: gem\u00e4\u00df Duden ein Wort des &#8222;gehobenen&#8220; Sprachgebrauchs. Das passt, denn der Perspektivtr\u00e4ger ist ein H\u00f6fling und verf\u00fcgt \u00fcber \u2013 f\u00fcr seine Zeit \u2013beachtliche Bildung.<\/p>\n<blockquote><p>Keine Wolke in Sicht. Die Sieger m\u00fcssten sich beeilen bei der Bergung ihrer Verwundeten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein klarer Fall von Euphemismus. Wenn es hei\u00df ist, setzt die Verwesung schneller ein. &#8222;Die Sieger m\u00fcssten sich beeilen &#8230;&#8220; soll unger\u00fchrt klingen.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: 1rem;\">Gunther hielt sein Pferd an. Wie so oft gehorchte er Hagens Rat nicht:<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Satz 2: Mein Lieblingssatz im ganzen Buch!!!<br \/>\nMan k\u00f6nnte jetzt nat\u00fcrlich sagen: Das ist eine falsche Kollokation! Es hei\u00dft nicht &#8222;jemandes Rat gehorchen!&#8220; Man kann auf Rat h\u00f6ren oder vielleicht einen Rat befolgen, aber doch nicht gehorchen! Man gehorcht Befehlen!<br \/>\nDoch das ist gewollt. Mit diesem Satz ist das Verh\u00e4ltnis zwischen K\u00f6nig Gunther und seinem Vasallen Hagen so kurz wie m\u00f6glich definiert.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: 1rem;\">Nun lie\u00df er den Blick schweifen \u00fcbers Schlachtfeld, damit er jeden Funken Elend in sich aufnehmen und monatelang daran leiden konnte. Ganz gleich wie viele Schlachtfelder er s\u00e4he, niemals w\u00fcrde es ihn abh\u00e4rten; sein Herz war zu sanft daf\u00fcr. Hagen neigte sich zu ihm und raunte: \u201eEs hilft nichts. Sieh nicht hin.\u201c<br \/>\n<\/span>\u201eWenn ich nicht helfen kann, so will ich doch trauern\u201c, sagte Gunther.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste es hei\u00dfen: &#8222;\u00fcbers Schlachtfeld schweifen&#8220;. Doch dann folgen zu viele Endungen auf -en. Ein Satz mit zu vielen -en als Endsilben klingt h\u00e4sslich.<br \/>\n&#8222;s\u00e4he&#8220;: Ich liebe Konjunktiv. Im Nibelungenlied gibt es super Konjunktive: &#8222;in sl\u00fcegen schachaere da er f\u00fcere durch den tan&#8220; usw. &#8230; Figuren, die Konjunktiv verwenden, besitzen bei mir mehr Bildung als Figuren, die den Konjunktiv mit &#8222;w\u00fcrde&#8220; bilden.<br \/>\nWenn der Konjunktiv jedoch nicht eindeutig erkenntlich ist oder wenn er doof klingt, kommt die &#8222;w\u00fcrde&#8220;-Form zum Einsatz. Hier sieht man es sch\u00f6n: &#8222;niemals h\u00e4rtete es ihn ab&#8220; kl\u00e4nge doof wegen des -tete. (Aus eben dem Grund verwende ich auch fast nie &#8222;antwortete&#8220;. Ich kann &#8222;antwortete&#8220; einfach nicht leiden.)<br \/>\n&#8222;so will ich doch trauern&#8220;: Wir sind in einem humorvollen Mittelalterroman, da darf man schw\u00fclstig reden!<\/p>\n<blockquote><p>Gestalten stolperten \u00fcbers Schlachtfeld: Mancher Verwundete rappelte sich auf und wankte zur\u00fcck in Richtung des Lagers; Knappen staksten \u00fcber die Gefallenen, suchten nach ihrem Herrn und schraken zur\u00fcck vor den vielen reglosen Gesichtern ihrer Bekannten. Die Th\u00fcringer waren geflohen und hatten ihre versehrten M\u00e4nner zur\u00fcckgelassen \u2013 die Hessen nat\u00fcrlich w\u00fcrden sich um sie erst als letzte sorgen. Am Rand dr\u00e4ngten sich die R\u00f6sser aneinander, in Furcht ob der einsetzenden Verwesung. Totenwache schnaubte unger\u00fchrt. Wie Hagen hatte er genug Schlachtfelder gesehen und geriet \u00fcber den Anblick nicht mehr in Schrecken.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;staksten&#8220;: impliziert die Furcht der Knappen; wer stakst, ist ungelenk und starr; die Knappen hier sind vor Furcht (und Ekel?) unbeholfen<br \/>\n&#8222;schraken&#8220;: Manchmal achte ich auch auf &#8222;Vokalharmonie&#8220;. Das &#8222;a&#8220; in &#8222;staksten&#8220; und &#8222;schraken&#8220; harmoniert sehr sch\u00f6n.<br \/>\n&#8222;versehrten&#8220;: Ein Wort, das man heutzutage nur noch in Bezug auf Kriegsverletzungen liest. Es kommt in seiner mittelhochdeutschen Form mehrmals im Nibelungenlied vor, glaube ich.<br \/>\n&#8222;w\u00fcrden sich um sie erst als letzte sorgen&#8220;: Wie oben beschrieben. Hier w\u00e4re der Konjunktiv: &#8222;sorgten sich um sie erst als letzte&#8220; irref\u00fchrend. Noch liegen die Th\u00fcringer hilflos auf dem Schlachtfeld herum. Mit dem Konjunktiv w\u00e4re das evtl. nicht deutlich genug.<br \/>\nDass Pferde Verwesungsgeruch nicht m\u00f6gen, wei\u00df ich nur von diversen Berichten von Soldaten des Ersten Weltkriegs.<br \/>\n&#8222;in Furcht ob&#8220;: Sch\u00f6ne, altert\u00fcmliche Formulierung.<\/p>\n<blockquote><p>Gunther hielt sich nur mit M\u00fche noch aufrecht. Manchmal schloss er die Augen. Hagen verfluchte sich tausendmal, dass er ihn \u00fcberhaupt mitgenommen hatte; schal und unbedeutend schien nun der Preis, der ihnen winkte. Er hasste es, wenn sein K\u00f6nig litt.<br \/>\nHinter ihnen harrte schweigend das Heer. Da! Endlich! Markgraf Gere von Trier ritt vom Schlachtfeld zu ihnen zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eSie willigen ein, Euch zu empfangen, Herr.\u201c<br \/>\n\u201eWohlan\u201c, sagte Gunther. Er blinzelte gegen die Tr\u00e4nen an und wappnete sich f\u00fcr den Ritt \u00fcbers Schlachtfeld. \u201eFolgt mir.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Premiere! Der erste Relativsatz in diesem Kapitel!<br \/>\nRelativs\u00e4tze und ich: Stoff f\u00fcr einen separaten Blogartikel &#8230; Relativs\u00e4tze, die in der Fachliteratur ihre Berechtigung haben, sollen sich in Romanen gef\u00e4lligst zur\u00fcckhalten. Die Autorin, die sich vorher \u00fcber Relativs\u00e4tze ausgelassen hatte, schreibt jetzt wieder weiter. \u2013 Ihr habt es bestimmt gemerkt! Am schlimmsten sind die Relativs\u00e4tze, die den zeitlichen Ablauf unterbrechen. Der Hauptsatz spielt in der Gegenwart, dann springt der Relativsatz in die Vergangenheit, und danach geht der Hauptsatz in der Gegenwart weiter. Na toll, Autor! Jetzt hast du einen Knoten in die Zeit gemacht!<br \/>\nEbenfalls d\u00fcmmlich sind die Relativs\u00e4tze, die unwichtige oder sehr wichtige Infos enthalten. &#8222;Sie ging durch die T\u00fcre, die sie vorher ge\u00f6ffnet hatte.&#8220; &#8222;Sie zeigte auf den Mann, der mit einem Speer im Bauch im Sterben lag, und sagte: &#8222;Wissen Sie, wo es zum Outlet geht?&#8220;&#8220;<\/p>\n<blockquote><p>Hagen ergriff die Z\u00fcgel von Gunthers Pferd. \u201eGewisslich nicht\u201c, sagte er scharf. \u201eIch reite voran, du folgst.\u201c Wenn ein einzelner Hesse in Verzweiflung oder Zorn einen Pfeil auf sie absch\u00f6sse und Gunther tr\u00e4fe! \u00dcberall dr\u00e4ute Gefahr f\u00fcr Gunther. F\u00fcr Hagen auch, aber was k\u00fcmmerte ihn sein Leben; es gew\u00e4nne erst an Wert, wenn er es geopfert h\u00e4tte f\u00fcr seinen K\u00f6nig.<br \/>\n<span style=\"font-size: 1rem;\">\u201eSie werden meinen, ich sei nicht nur willenloses Werkzeug meines Herzogs\u201c, sagte Gunther, \u201esondern auch noch feige.\u201c<br \/>\n<\/span>Hagen lie\u00df die Z\u00fcgel los. Zur Antwort stie\u00df er Totenwache die Fersen in die Flanken und ritt aufs Schlachtfeld. Totenwache scheute sich nicht davor, auf Gefallene zu treten, und w\u00e4re eisigen Gem\u00fcts geradewegs \u00fcber alle hinweggeschritten, h\u00e4tte Hagen ihn nicht zwischen den Toten und Verwundeten hindurchgelenkt. Gunther k\u00f6nnte es ihm gleichtun, und br\u00e4uchte kein einziges Mal hinabzusehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>So viel habe ich mir bei dieser Stelle nicht gedacht. Es ist aber ziemlich dreist, als Vasall dem K\u00f6nig in die Z\u00fcgel zu greifen.<br \/>\n&#8222;Gewisslich&#8220;: Herrlich veraltet. Es klingt aggressiver als &#8222;gewiss&#8220;.<br \/>\n&#8222;F\u00fcr Hagen auch, aber was k\u00fcmmerte ihn sein Leben&#8220;: Wenn statt des &#8222;aber&#8220; hier ein &#8222;doch&#8220; st\u00fcnde, w\u00e4re der Satz holpriger. Das Gleiche bei &#8222;ich sei nicht nur willenloses Werkzeug meines Herzogs&#8220;: Wenn es &#8222;ein Werkzeug&#8220; hie\u00dfe, w\u00fcrde es l\u00e4ngst nicht so von der Zunge flie\u00dfen. Ich versuche praktisch immer, eine je nach Lage passende Rhythmik der S\u00e4tze zu beachten. Das soll nicht hei\u00dfen, dass ich Silben z\u00e4hle, aber ich finde, eine Silbe mehr oder weniger kann ganz viel ver\u00e4ndern. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Lieblingsbuch in Strophen verfasst ist, und ich als Jugendliche so gerne Versdramen las.<br \/>\n&#8222;gew\u00e4nne&#8220;: Es gibt auch noch die sch\u00f6ne Form &#8222;gew\u00f6nne&#8220;. Hier nahm ich &#8222;gew\u00e4nne&#8220;, weil ich es einfacher zum Aussprechen finde.<\/p>\n<blockquote><p>Drei M\u00e4nner standen in der Mitte des Schlachtfelds. Keiner hatte einen Bogen. Eine Sorge weniger. \u2013 Sie standen leicht gebeugt; die Haltung des Siegers, dessen Sieg zu teuer erkauft war. Kl\u00e4glich flatterte das Banner \u00fcber ihnen, und die Sonne blitzte auf ihren rotge\u00e4derten Helmen. Die M\u00e4nner schienen nicht angriffslustig.<br \/>\nEr z\u00fcgelte sein Pferd. Gunther und Dankwart schlossen auf. Hagen sprang aus dem Sattel und hielt Gunther den Steigb\u00fcgel.<br \/>\nLangsam gingen sie die letzten Schritte zu den Hessen. Nun lie\u00df er Gunther den Vortritt; das verlangte die W\u00fcrde seines Amtes. Seine Muskeln spannten sich. Er behielt die H\u00e4nde der M\u00e4nner genau im Auge. Wenn auch nur einer die Hand ans Heft legte, w\u00fcrde er sich vor Gunther werfen und den Hieb abwehren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die S\u00e4tze werden k\u00fcrzer. Hagen erh\u00f6ht jetzt seine Wachsamkeit und hat darum keine Zeit f\u00fcr l\u00e4ngere Gedankeng\u00e4nge.<br \/>\n&#8222;w\u00fcrde er sich vor Gunther werfen und den Hieb abwehren.&#8220; &#8211;&gt; &#8222;w\u00fcrfe&#8220; klingt zu \u00fcbertrieben. W\u00fcrde man sich das Buch vorlesen (lassen), d\u00e4chte ein moderner Zuh\u00f6rer vielleicht erst an das Substantiv &#8222;W\u00fcrfe&#8220; und w\u00e4re kurz verwirrt. Und warum nicht &#8222;wehrte den Hieb ab?&#8220; Weil das letzte Wort eines Satzes wegen seiner exponierten Position mehr auff\u00e4llt als die vorhergehenden. Ein Satz, der auf einem lahmen letzten Wort endet, wirkt seicht\/l\u00e4cherlich\/lahm, je nach Eigenschaft des letzten Wortes. &#8222;Ab&#8220; ist ein lahmes letztes Wort. &#8222;Abwehren&#8220; ist stark.<\/p>\n<blockquote><p>Gunther blieb stehen. \u201eIch gr\u00fc\u00dfe Euch, Heinrich von Hessen\u201c, sagte er.<br \/>\nHeinrichs Blick streifte ihn nur kurz. Das burgundische Heer hinter ihnen bannte seine Aufmerksamkeit.<br \/>\n\u201eIhr seid gekommen\u201c, sagte Heinrich drauf mit schwacher Stimme. Er streckte die Hand aus. \u2013 Ruhig Blut! Sie war leer.<br \/>\nGunther ergriff sie. Heinrichs Linke hing neben seinem Dolch. Er k\u00f6nnte ihn ziehen und Gunther erstechen! Sie standen so nah beieinander! Noch war seine Hand reglos, noch hatte sie den Dolch nicht gefasst \u2013 Sie lie\u00dfen wieder los. Gunther stand trotzdem noch in Reichweite der hessischen Schwerter. Hagen packte ihn an der Schulter und zog ihn zur\u00fcck. Die ersten Worte oblagen ohnehin ihm.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Gunther Heinrich mit Namen und Land anspricht, wirkt so herrlich l\u00e4cherlich mittelalterlich! W\u00e4re dieses Buch ein ernstes Buch, h\u00e4tte ich &#8222;Heinrich von Hessen&#8220; weggelassen.<br \/>\n&#8222;bannte seine Aufmerksamkeit&#8220;: Sch\u00f6n veraltet. Au\u00dferdem: Daland zu Senta im &#8222;Holl\u00e4nder&#8220;: &#8222;Du bleibst gebannt auf deiner Stelle &#8230;!&#8220;<br \/>\n&#8222;sagte Heinrich drauf&#8220;: &#8222;Darauf&#8220; klingt moderner als &#8222;drauf&#8220;. &#8222;Drauf&#8220; klingt entweder veraltend oder umgangssprachlich. Die zus\u00e4tzliche Silbe von &#8222;darauf&#8220; h\u00e4tte nicht dazu gepasst.<br \/>\n&#8222;Ruhig Blut!&#8220; \u2013 Sollte Hagens Lebensmotto sein. Ein Spruch, der in diesem Buch noch \u00f6fter f\u00e4llt.<br \/>\nDie S\u00e4tze werden noch k\u00fcrzer, parallel zur steigenden Anspannung des Perspektivtr\u00e4gers. Es treten sogar Ausrufezeichen auf, sogar bei zwei S\u00e4tzen hintereinander.<br \/>\n&#8222;oblagen ohnehin ihm&#8220;: Das gehobene &#8222;oblagen&#8220; wird durch das gew\u00f6hnliche &#8222;ohnehin&#8220; etwas gebrochen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir sagten Herbert von Th\u00fcringen unsere Waffenhilfe zu. Doch ein Unstern oder Gottes Wille f\u00fchrte uns zu sp\u00e4t aufs Schlachtfeld. Ihr habt ihn besiegt, bezahltet den Zoll f\u00fcr Euren Triumph. Wie viele denn habt Ihr verloren?\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf einmal ganz andere Rhythmik, geradezu pathetisch. Es klingt nicht wie normale Sprache, unterscheidet sich auch deutlich von den kurzen Stellen w\u00f6rtlicher Rede vorher, und ist auch eindeutig rhythmischer als die anderen S\u00e4tze. Das hat zwei Gr\u00fcnde: 1.: Soll hiermit angedeutet werden, dass die Wormser einen Plan ausf\u00fchren. Hagens einleitende Worte klingen wie auswendig gelernt. Sie klingen auch sehr formelhaft, und, so empfinde ich es, arrogant. 2.: Hagen als der gro\u00dfe Intrigant der deutschen Sage hat gewiss ein Talent daf\u00fcr, den Leuten seinen Willen aufzuschwatzen. Ich nehme an, der Schl\u00fcssel zu erfolgreichem Intrigantentum ist Charisma. Charisma kann man auf dem Papier schwerlich darstellen (vor allem, wenn man selber charismatisch wie Kn\u00e4ckebrot ist \ud83d\ude09 ), also versuchte ich mir mit spezieller Rhythmik zu behelfen. Immer wenn Hagen in seinen &#8222;Intriganten-Modus&#8220; verf\u00e4llt, klingt er wie eine Dramenfigur. Ich hoffe, dem Leser geht es wie den anderen Figuren, er nickt dazu und sagt: &#8222;Ich wei\u00df zwar nicht, was gemeint ist, aber die Hebungen und Senkungen der Silben sind cool. Ich stimme zu.&#8220;<br \/>\n&#8222;ein Unstern oder Gottes Wille&#8220;: Euphemismus f\u00fcr &#8222;Wir kamen absichtlich zu sp\u00e4t!&#8220;<br \/>\n&#8222;bezahltet den Zoll&#8220;: Anspielung an Wagners &#8222;Walk\u00fcre&#8220;. Hunding singt zu Siegmund: &#8222;F\u00fcr Tote zahlst du mir Zoll!&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie viele denn habt Ihr verloren?&#8220;: Da sieht man, was ein einzelnes W\u00f6rtchen ausmachen kann, n\u00e4mlich das kleine &#8222;denn.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie viele habt Ihr verloren?&#8220; klingt locker und l\u00e4ssig, geradezu positiv.<br \/>\n&#8222;Wie viele habt ihr denn verloren?&#8220; klingt schadenfroh, unger\u00fchrt und sp\u00f6ttisch. Ich sehe dann einen preu\u00dfischen Offizier vor mir, der im T\u00fcrrahmen lehnt, eine Zigarre raucht und Gablenz nach der Schlacht bei K\u00f6niggr\u00e4tz ganz sp\u00f6ttisch nach den \u00f6sterreichischen Verlusten fragt. (Nicht, dass ich alle preu\u00dfischen Offiziere f\u00fcr sp\u00f6ttisch halte. Preu\u00dfen waren auch nur Menschen. Viele meiner B\u00fccher sind schlie\u00dflich von Preu\u00dfen inspiriert.)<br \/>\n&#8222;Wie viele denn habt Ihr verloren?&#8220; Das ist die Mittelalter-Variante.<\/p>\n<p>Das war ein Einblick in die Gedanken meines Kopfes, wenn ich einen Text schreibe. Au\u00dferdem denke ich nach \u00fcber Kommas, Gedankenstriche und Strichpunkte und ob ich mal wieder einen neuen Stift kaufen soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Lili Vogel tippt nicht, Lili Vogel stammt geistig aus dem 11.\/12.\/19. Jahrhundert und schreibt von Hand.<\/p>\n<p>**Warum diese Stelle? Die Wormser, die Wormser, die Wormser!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier m\u00f6chte ich einmal einen Einblick geben in die Arbeit als Autorin. Wie schreibt man ein Buch? Wie formuliert man S\u00e4tze? 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