{"id":1677,"date":"2025-01-22T20:55:24","date_gmt":"2025-01-22T19:55:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=1677"},"modified":"2025-02-10T17:39:39","modified_gmt":"2025-02-10T16:39:39","slug":"der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2025\/01\/22\/der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-6\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6nig von Burgund und der Bastard, Kapitel 6"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Kapitel nennen soll &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Das Kapitel hat 3700 W\u00f6rter, ist also mittellang bis lang. Die Anmerkungen schlagen mit 2000 W\u00f6rtern zu Buche! Dieses Mal gibt es auch viel zu erl\u00e4utern.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter ritt Hagen zu seiner Burg hin\u00fcber. Bevor er den Umritt antrat, plante er noch einige Ma\u00dfnahmen anzusto\u00dfen. Mit Jubel eilten ihm die Burgbesatzung und das Gesinde entgegen, noch w\u00e4hrend er den Hang hinauftrabte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr, wie klug Ihr wart! Ihr habt uns Schwaben zum B\u00fcndnispartner und Freund gemacht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er neigte sich vor ihren Lobreden. Begleitet von seiner Schar zog er in die Burg ein, sprang schwungvoll ab und gab Totenwache in die Obhut eines Pferdeknechts. Dann schritt er in die herzoglichen Kammern hinauf. Fortan waren sie die seinigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Zeigefinger strich er misstrauisch \u00fcber den Tisch \u2013 kein Staubk\u00f6rnchen, wohlan. Am Rande des Tisches war jedoch ein Strau\u00df Blumen aufgestellt worden von irgendeiner allzu wohlmeinenden Magd, und prunkte mit fr\u00f6hlichen Farben. Den lie\u00df er gleich hinaustragen \u2013 was sollten denn die Leute von ihrem neuen Herzog denken! Dass er umg\u00e4nglich und liebensw\u00fcrdig war? Unsinn!<\/p>\n\n\n\n<p>Eilig ward Wein herbeigebracht; Pergament, Tinte und Federkiel standen schon bereit. Hagen schickte nach dem ersten, dem Schmied der Burg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kam nach erfreulich kurzer Zeit, ein vierschr\u00f6tiger Mann mit dem Kreuz eines Ochsen und sehnigen H\u00e4nden, die er unbewusst an seiner Ledersch\u00fcrze abrieb. Notd\u00fcrftig hatte er sich den Schwei\u00df von der Stirn abgewischt, unter den Augen jedoch vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen guten Mittag w\u00fcnsch ich Euch, edler Herzog\u201c, sagte er mit einer Lautst\u00e4rke, die ihm nach langen Jahren des Befehligens \u00fcber Hammerschl\u00e4ge und zischendes Wasser hinweg wohl in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen war. Umgeben von der Stille der herzoglichen Kammer, dem schweigenden Eichenholz und den reglosen Waffen zuckte er freilich selber zusammen vor seiner m\u00e4chtigen Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, sagte Hagen, und f\u00fcgte hinzu, weil es immer klug war, sich die Zuneigung fachkundiger Leute zu gewinnen, \u201egleichfalls.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er deutete knapp auf den Stuhl gegen\u00fcber. Der Schmied nahm Platz. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Bewunderung ab. Vermutlich hatte er mit dem vorherigen Herzog niemals wie von gleich zu gleich reden d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHeinrich\u201c, sagte Hagen, \u201eman hat mir berichtet, du seiest der beste deiner Kunst im ganzen Herzogtum. Stimmt das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, Herzog, mit Verlaub, das ist sehr freundlich, aber ich will ja nicht angeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen nahm seinen Schild neben dem Stuhl, einen pr\u00e4chtigen neuen, noch unbemalt, und legte ihn zwischen ihnen auf den Tisch. \u201eHierf\u00fcr brauche ich deinen Sachverstand. W\u00e4r\u2019s m\u00f6glich, den zu versilbern?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schmied betrachtete das Holz. \u201eJa, durchaus. Nur dass ich kein Silber habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen beugte sich erneut herab und hob einen Beutel mit M\u00fcnzen auf. Als er ihn neben dem Schild absetzte, klingelten sie hell. \u201eSieh hinein, und sag mir ehrlich, ob das genug w\u00e4r f\u00fcr den \u00dcberzug und deine Entlohnung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schmied tat wie gehei\u00dfen und stimmte herzhaft zu. \u201eAber \u2013 warum? Die Versilberung macht den Schild zwar schwerer, doch nicht viel st\u00e4rker.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen lehnte sich zur\u00fcck und zog eine Braue hoch. \u201eIch will\u2019s dir gerne zeigen, wenn er fertiggestellt ist. Dann wird er mehr Waffe als Abwehr sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er bedankte sich knapp und entlie\u00df den Schmied.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten, die eintreten durften, waren ein Zimmermann seiner Burg und der Wormser Dombaumeister. Die Arbeit des letzteren hatte sich, so sagte Gunther, in den vergangenen Jahren darauf beschr\u00e4nkt, nach Unwettern die T\u00fcrme auf- und abzuschreiten und sonst durchreisenden Zimmerleuten das Geb\u00e4lk zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zum Schmied waren sie vom Umgang mit Edelleuten wenig eingesch\u00fcchtert, neigten sich tief und erkl\u00e4rten sich stets zu Diensten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNehmt Platz, schenkt euch Wein ein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke Herr, danke!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen st\u00fctzte die Ellenbogen auf und legte die Fingerspitzen zusammen. \u201eKennt ihr Belagerungst\u00fcrme?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Burgzimmermann erstarrte verlegen und schielte zum Dombaumeister hin\u00fcber, in der Hoffnung, dessen Beschlagenheit m\u00f6ge sie beide retten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu seinem Gl\u00fcck und zu Hagens Zufriedenheit nickte der Dombaumeister. \u201eJa doch. Im Osten und s\u00fcdlich der Alpen finden solche Bauwerke noch ihre Verwendung; hier in der Mitte des Abendlands hat man keine je gesehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zimmermann murmelte zu Bekr\u00e4ftigung: \u201eGanz richtig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGut\u201c, sagte Hagen. \u201eIhr sollt mir einen bauen, hier vor meiner Burg, einen voll verwendungsf\u00e4higen. Stellt so viele Leute an, wie ihr braucht. Wann k\u00f6nnt ihr anfangen, und wie lange wird es dauern?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zimmermann griff schnell zum Weinkelch, damit er zu besch\u00e4ftigt f\u00fcr eine Antwort schiene. Der Dombaumeister entt\u00e4uschte Hagen nicht: \u201eAber Herr! Wir sollen etwas bauen, das wir noch nie zu Gesicht bekommen haben? Wir sind v\u00f6llig ratlos!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zimmermann stellte seinen Kelch erleichtert wieder ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ich<\/em> habe schon einmal Belagerungst\u00fcrme im Einsatz erlebt, bei der Belagerung von Gran. Sonderlich anspruchsvoll d\u00fcnkte mich der Bauplan nicht. Ich will euch Auskunft geben, soviel ich vermag.\u201c Er legte das Pergament vor den Dombaumeister hin, schob auch hilfsbereit dessen Weinkelch zu Seite, und, damit wirklich Platz genug war, den des Zimmermanns. Er h\u00e4tte gar noch den Federkiel in die Tinte getaucht, wenn nicht zuvor der Anstand dem Dombaumeister zu flinkem Arbeitseifer verholfen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchildert mir alles, Herr, ich tue, was ich kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen beschrieb die T\u00fcrme, und der Dombaumeister lie\u00df die Feder \u00fcbers Pergament fliegen, zeichnete mit raschen Strichen ein Bild nach Hagens Worten und kritzelte an den Rand wichtige Erkenntnisse. Auch der Zimmermann legte nun seine Scheu ab, beugte sich gebannt \u00fcbers Pergament und steuerte ein paar Einw\u00fcrfe bei. Bald gerieten sie in Fahrt, \u00fcbernahmen den Gespr\u00e4chsverlauf und stellten allerlei Fragen, die Hagen so gut es ging zu beantworten suchte. Als ihre Fragen immer fachm\u00e4nnischer wurden, von Dingen handelten, die seinem Laienauge nie aufgefallen waren, dann sogar Begriffe beinhalteten, die er noch nie geh\u00f6rt hatte, schlug er leicht die H\u00e4nde zusammen und sagte: \u201eDamit m\u00fcsst ihr euch begn\u00fcgen; bedenkt, dass ich ein Mann des Schwerts und der Reichsf\u00fchrung bin, nicht aber der Baukunst. \u2013 Also, k\u00f6nntet ihr mir etwas Derartiges bauen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs w\u00e4re \u00e4u\u00dferst schwierig, mit dieser kargen Grundlage, und br\u00e4uchte einige Zeit zur genauen Planung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u201aSchwierig\u2018 h\u00f6r ich lieber als \u201aunm\u00f6glich\u2018. Dann ist es ausgemacht, ihr baut mir einen solchen Turm, und, findet er meinen Beifall, werdet ihr mir bei Bedarf vor Feindesburgen weitere bauen d\u00fcrfen. Was Geld betrifft\u201c, er hob zwei Beutel vom Boden auf, \u201edas m\u00fcsste Anzahlung genug sein, und auch euer Stillschweigen abdecken. Die anderen F\u00fcrsten brauchen meine Pl\u00e4ne nicht zu kennen. Falls einer sich ebenfalls einen Turm bauen will, soll er seine eigenen Fachleute finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dombaumeister machte ein argw\u00f6hnisches Gesicht. F\u00fcrchtete er, dass Hagen B\u00f6ses gegen seinen K\u00f6nig vorhatte?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will mit allen Nachbarn im Frieden leben\u201c, sagte Hagen, \u201edoch ist es klug, wenn man statt auf die Aufrichtigkeit der Leute auf die eigene Wehrhaftigkeit baut. \u2013 Sollte euch der K\u00f6nig nach dem Fortgang der Arbeit fragen, d\u00fcrft ihr ihm jederzeit Auskunft geben, denn ich tue stets nur, was er guthei\u00dft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Aufgabe versehen, schickte er beide wieder fort. Nun blieb noch einer zu empfangen, und wer das war, wusste Hagen selber nicht. Der Wahnsinn seines Vorg\u00e4ngers hatte dem herzoglichen Verm\u00f6gen eine arge Wunde geschlagen: In blindw\u00fctigem Hass auf den Sohn, der keiner war, sondern nur ein Bastard, hatte der alte Herzog seine Schatzkammer leerger\u00e4umt und den kostbaren Inhalt im ganzen Land verstreut; in Abgr\u00fcnde gesch\u00fcttet, in Quellen geworfen, in Seen versenkt. Nur einen Teil hatte man wiedergefunden, obwohl die Suche noch bis letzte Woche fortgef\u00fchrt worden war. Verfluchter Narr! Jedes Mal brodelte der Zorn wieder auf, wenn Hagen nur das Wort \u201eGold\u201c vernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher war das Herzogtum mit Gold und Silber wohlgesegnet gewesen \u2013 dank der Raserei des Alten hatte es die H\u00e4lfte seines Reichtums verloren!<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hagen vom Ende der Suche erfahren hatte, in der Pfalz zu Worms, waren \u2013 zu seinem Gl\u00fcck \u2013 der K\u00f6nig und die K\u00f6nigsmutter dabei. Der Bote hatte die Hiobsbotschaft stammelnd \u00fcberbracht; der Zorn traf Hagen wie ein Schlag, doch statt ihn wie sonst mit Kraft zu f\u00fcllen, saugte er alle St\u00e4rke heraus, bis er nur noch eine leere H\u00fclle war, in der das Herz wie irrsinnig schlug. Die K\u00f6nigsmutter bemerkte seine Ersch\u00fctterung und f\u00fchrte ihn rasch zum n\u00e4chsten Stuhl, indem sie erkl\u00e4rte, nie eine schlimmere Bl\u00e4sse gesehen zu haben, nicht einmal bei den Verblichenen auf dem Totenbett.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm war so schwindlig, dass er den Boten nur mit fahriger Geste hinausschicken konnte; anstatt zu w\u00fcten und zu toben, musste er sich an den Armlehnen festklammern und hoffen, dass er nicht zur Seite kippte. Gunther reichte ihm einen Becher Wein, \u00fcberspielte ihm zuliebe die eigene Emp\u00f6rung, und versprach mit tapferer Zuversicht, dass in bestimmt schon f\u00fcnf Jahren die Schatzkammern wieder gef\u00fcllt w\u00e4ren wie vordem. W\u00e4re Hagen nicht von der Anwesenheit einer Dame gehindert gewesen, h\u00e4tte er sich einem Schwall Fl\u00fcchen hingegeben; so aber konnte er nur immer wieder den Kopf sch\u00fctteln und matt raunen: \u201eDie H\u00e4lfte, die H\u00e4lfte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr M\u00e4nner wendet den Reichtum ohnehin nur f\u00fcr den Krieg auf\u201c, sprach Frau Ute, \u201eund wenn du in n\u00e4chster Zeit vom blutigen Handel mit Tod und Sieg Abstand nimmst, wird dein Herzogtum nicht darben m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eImmerhin geh\u00f6ren dir nun die reichsten Fische des Reiches\u201c, sagte Gunther, und schlug gro\u00dfm\u00fctig vor, Hagen sogleich die Einnahmen aus dem Wachsregal zu verpf\u00e4nden, ihm gar ganz zu \u00fcberlassen. Auch riet er ihm leise, da Hagen das M\u00fcnzregal besa\u00df, rasch alle M\u00fcnzen einzuziehen, neue pr\u00e4gen zu lassen, schlechter&#8217;n Werts nat\u00fcrlich, und den Gewinn der Schatzkammer einzuverleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres wies Hagen von sich, und auf Ersteres musste er verzichten, da man ihn nur wieder G\u00fcnstling hei\u00dfen w\u00fcrde. Stattdessen bat er Gunther, ihm einen Mann zu empfehlen, der ihn in den leidigen Gelddingen leiten k\u00f6nnte und beraten. Sein K\u00f6nig brauchte keinen Atemzug lang nachzudenken; ein triumphaler Glanz blitzte in seinen Augen, als er ihm versprach: \u201eDa gibt es einen, ja, der geht mit dem Geld um wie du mit dem Schwert. Ich hab ihn selber schon des \u00d6fteren zurate gezogen; bestens hat er sich bew\u00e4hrt. Den sende ich dir \u2013 aber du sollst ihn nicht hier empfangen, sondern fort von den rastlosen M\u00e4ulern der Leute.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt w\u00fcrde er diesen K\u00fcnstler des Geldes endlich zu Gesicht bekommen. Sein Knappe Friedrich trat ein und fragte, ob er den Mann hereingeleiten solle. Ganz gro\u00dfe Augen machte er dabei; es schien gerade, als m\u00fcsse der Gast drei Arme haben oder \u00c4hnliches.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNur zu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie staunte Hagen, als der Mann eintrat! Seine Haut hatte einen dunklen Ton, vergleichbar dem der Byzantiner; die Haare waren von einem Schwarz, wie man es selten sah im Rheinland \u2013 am auff\u00e4lligsten aber der gelbe Hut, und die \u00fcbrige Tracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Jude.<\/p>\n\n\n\n<p>Tief verneigte er sich, und blieb auch nach dem Aufrichten bescheiden am Zimmerende stehen. \u2013 Nun, mit Geld kannte sich der zweifellos aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNimm Platz\u201c, sagte Hagen. \u201eDein Name war?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGerson, edler Herzog. Eigentlich h\u00e4tte mein Vater Isaak zu Euch kommen sollen, nach ihm hatte der K\u00f6nig verlangt, doch da er leider erkrankt ist \u2013 die Plagen des Alters! \u2013 schickte er stattdessen mich. Ich werde mein Bestes tun, Euch zu beraten, als spr\u00e4che <em>seine<\/em> Stimme mit meiner Zunge.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn war nicht mehr jung, bestimmt schon f\u00fcnfunddrei\u00dfig; er hatte gewiss Zeit genug gehabt, sich im Gesch\u00e4ft des Vaters Sachverstand und Geschicklichkeit anzueignen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit was genau handelt dein Vater?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit allem, Herr: Spezereien, Stoffe, Pferde, Felle. Wir sind die erfolgreichste H\u00e4ndlerfamilie der Wormser Juden. Unsere Leute fahren hinauf bis zum bernsteinschweren Norden, bis zu den Tuchwebern der Franzosen, sie bringen aus Sizilien wei\u00dfes Elfenbein und aus Spanien rotes Leder; nach Byzanz bringen wir Handschuhe aus Paris, und kehren mit Glas und Seide wieder zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, gut. Sein K\u00f6nig wusste, wen man fragen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Unvermittelt blickte dieser Gerson ihm direkt in die Augen und sagte: \u201eDie Juden des Landes sind Euch sehr dankbar, dass Ihr damals die H\u00e4ndler aus Worms gerettet habt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hunnen hatten sie \u00fcberfallen, blut- und beutegierig, und hatten viele der armen Leute erschlagen. Nur das Eingreifen der Geiseln hatte die \u00fcbrigen vor ihrem Verh\u00e4ngnis bewahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWaren es H\u00e4ndler deines Vaters? Warst du auch dabei? Ich glaube nicht, dich gesehen zu haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, g\u00fctiger Herr, wir f\u00fchren die Gesch\u00e4fte stets von Worms aus. Es waren die Wagen unseres Vetters, in unserm Auftrag unterwegs. Als er heimkam mit der traurigen Botschaft von neun geliebten Toten, brachte er auch die Kunde von dem burgundischen Helden mit, der ohne Furcht wie ein zweiter David den Goliath der Hunnenwut besiegte. Seitdem sprach nie mehr ein Wormser Jude, dass der j\u00e4hrliche Tribut hoch sei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen musste sich eingestehen, dass ihm die Anerkennung schmeichelte. Damit er nicht den falschen Eindruck hervorriefe, er sei umg\u00e4nglich und S\u00fc\u00dfholzreden zugetan, ging er freilich nicht weiter darauf ein. \u201eIch hab dich herbestellt, weil ich deinen Rat w\u00fcnsche. Wie allgemein bekannt, st\u00fcrzte mein Vater am Ende seines Lebens in den Rachen der Geistesschw\u00e4che und hat, man wei\u00df nicht warum, sein ganzes Gold verschleudert im bittersten Wortsinn. Was nicht die Elstern auflasen, das ruht wohl auf ewig im Moosbett dunkler W\u00e4lder oder am Grunde der Fl\u00fcsse.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00e4ndler zeigte, wie jeder Mensch von Verstand, geb\u00fchrende Anteilnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun muss ich mich m\u00fchen, das Verm\u00f6gen wiederherzustellen. Sag mir, wie geh ich dabei vor?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jude antwortete unverz\u00fcglich: \u201eIhr k\u00f6nntet die Abgaben Eurer Bauern von Naturalien in Geld umwandeln. Der K\u00f6nig und einige F\u00fcrsten in fremden L\u00e4ndern haben dies schon teilweise eingef\u00fchrt, und es hat stets ihre Einnahmen gesteigert. Die Bauern ziehen diese Abgaben den echten vor; verst\u00e4ndlich, denn wer statt einer Kuh eine Handvoll M\u00fcnzen abgibt, beh\u00e4lt die Kuh und hat im n\u00e4chsten Jahr noch Milch und Kalb.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGut, ich will\u2019s erw\u00e4gen. Und weiters?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSenkt die Z\u00f6lle an der Kr\u00e4henfels-Br\u00fccke. Sie sind seit Jahren zu hoch \u2013 nicht Eure Entscheidung war\u2019s, ich wei\u00df \u2013 und lenken die H\u00e4ndlerz\u00fcge stattdessen in die Grafschaft Eures Nachbarn Albrecht von Herstein, obwohl\u2019s ein Umweg ist. Daran merkt Ihr, wie ungeliebt die Z\u00f6lle sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohlan, ich werde dar\u00fcber nachdenken.\u201c Eine gewisse Ungeduld \u00fcberkam ihn pl\u00f6tzlich und \u00c4rger; \u00c4rger, dass er sich Dinge anh\u00f6ren musste, die er nicht wusste. \u2013 Einf\u00e4ltiger Stolz! Ruhe jetzt! Es lag keine Schande darin, den Verstand kundiger Leute zu nutzen zum eigenen Vorteil; au\u00dferdem sollte er sich ein Beispiel an seinem K\u00f6nig nehmen: <em>Der<\/em> h\u00f6rte mit Langmut jeden Tag Belehrungen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jude brachte noch weitere Vorschl\u00e4ge vor, so viele, dass Hagen ihm schlie\u00dflich auftrug, eine Liste zu erstellen, um sie an seine Ministerialen weiterzugeben. Er wollte den Juden schon fortschicken mit einer wohlbemessenen Dankesgabe, als der bescheiden anf\u00fcgte: \u201eUnd Ihr k\u00f6nntet es den Juden erlauben, wieder in Eurem Herzogtum zu wohnen. Euer Vater hat die Leute meines Volkes vor drei\u00dfig Jahren ja vertreiben lassen. Ich kenne mindestens ein Dutzend, die sich mit ihren Gesch\u00e4ften nur allzu gern in Tronje niederlie\u00dfen. Es w\u00fcrde Eurer Schatzkammer zutr\u00e4glich sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch w\u00fcrde man Hagen dann nicht auch vorwerfen, sich zu verbr\u00fcdern mit dem Volk, das, in alle Winde versprengt, trotz der allj\u00e4hrlichen Karfreitagsf\u00fcrbitte den Messias nicht erkennen wollte? Denen, die sich des Rechts auf Zins erfreuten und sich, so hie\u00df es, allzu oft am Wucher erg\u00f6tzten? So w\u00fcrden die Leute reden. \u2013 Ja denn, das war die Belebung des Handels ihm wert. Sollten die anderen nur spotten; sp\u00e4ter m\u00fcssten sie ihn beneiden. Au\u00dferdem hatte Gerd ihn gelehrt, dass einst eine kleine Anzahl Juden um die Schonung Christi gebeten hatte; das \u201eKreuziget ihn!\u201c schallte nicht aus ihren Kehlen. Ihre Nachfahren machten sich sp\u00e4ter auf und lie\u00dfen sich nieder in der sch\u00f6nsten Stadt. Darum waren Wormser Juden fromme Juden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem scharfsinnigen Gerson verriet Hagen nat\u00fcrlich noch nichts von seinem Entschluss; er beschied ihn nur mit dem bew\u00e4hrten: \u201eIch will\u2019s erw\u00e4gen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2>Neuer Abschnitt ab hier:<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter begann Hagen seinen Umritt. Als vornehmes Gefolge w\u00fcrden ihn einige Grafen und Dankwart begleiten. Gunther verabschiedete ihn auf dem Hof der Pfalz. Seine Erleichterung, alle wichtigen Entscheidungen vertagen zu k\u00f6nnen bis zu Hagens R\u00fcckkehr, war ihnen beiden offenbar. Die anderen Pflichten des K\u00f6nigtums, die Aus\u00fcbung von Freigebigkeit und Liebensw\u00fcrdigkeit, w\u00fcrde er auch ohne den ersten Vasallen aufs Beste erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGute Reise, Herzog, und nimm froh die Ehren deiner Untertanen entgegen. Sie k\u00f6nnten keinen kl\u00fcgeren Herrn besitzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, mein K\u00f6nig. Und sollte doch ein neues Unheil herannahen, verzweifle nicht, schick mir unverz\u00fcglich einen Boten; ich komme sofort, und werd einen Tag fr\u00fcher da sein, als du vermuten wirst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther sah zum Dom hin\u00fcber. \u201eIch bete jeden Tag, dass nichts geschieht. Burgund hat endlich Ruhe verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie umarmten sich. Schwungvoll sprang Hagen in den Sattel; sein Gefolge ebenso. Er gr\u00fc\u00dfte einmal in die Runde, und sprengte dann zur Pfalz hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>An den ersten Tagen der Reise gab es nichts Neues zu sehen: D\u00f6rfer, Kl\u00f6ster und Burgen waren ihm bekannt, und den Bewohnern war auch er kein neuer Anblick. Die Bauern auf dem Feld rannten herbei, wann immer sie den herrschaftlichen Zug erblickten, und trachteten mit aufgeregten Verbeugungen ihre Hingabe und Treue zu beweisen. Mit der einen oder andern M\u00fcnze entlohnte er sie daf\u00fcr. In den Kl\u00f6stern bot man ihnen s\u00fc\u00dfen Wein, versprach fromm und flei\u00dfig zu beten f\u00fcr all seine Unternehmungen, und bedauerte das Los seines Vorg\u00e4ngers. Zu jeder Burg ritt man hinauf und lie\u00df sich gastlich empfangen. Die Herren der Burgen hatte Hagen am Tag seiner Herzogserhebung belehnt und ihren Treueid entgegengenommen; viele der Gattinnen, S\u00f6hne und T\u00f6chter traf er nun zum ersten Mal. Es war die immergleiche M\u00fchsal: angestarrt zu werden wegen seiner blassen Haut, den Schauder der Leute geflissentlich zu missachten, und dann das umst\u00e4ndliche Begr\u00fc\u00dfen mit Umarmen und K\u00fcssen. Ab und an kam es gar vor, dass sich ein Bengel oder G\u00f6r vor lauter Angst hinter die R\u00f6cke seiner Amme floh; das beantwortete er mit nachsichtigem L\u00e4cheln, aber die Eltern versetzte es stets in peinlichste Verlegenheit. Meist war es Dankwart, der dann mit ein paar heiteren Worten die Stimmung wieder aufhellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Dankwart erwies sich als vorz\u00fcglicher Reisegef\u00e4hrte, und Hagen m\u00fcsste es sehr bereuen, wenn er ihn nicht mitgenommen h\u00e4tte. Bereitwillig zeigte er ihm alle Furten, M\u00fchlen und Waffenschmieden, wies ihn auf jeden umstrittenen Streifen Land hin, zeigte ihm die Besitzungen reichsimmediater Ritter und des Bischofs von Worms, wusste von jeder Pfr\u00fcnde, wem sie geh\u00f6rte, und kannte, so schien es, jeden Handwerker und reichen Bauern im Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Am unverzichtbarsten erwies er sich jedoch im Kreise anderer Adliger, denn auf jeder Burg konnte er nicht schweigen, sondern erz\u00e4hlte gleich mit Seligkeit, dass seine Frau guter Hoffnung sei. Dabei strahlte er wie ein Kind \u00fcber ein neues Spielzeug, und, bei aller gebotenen christlichen Anteilnahme \u2013 der Herrgott freute sich schlie\u00dflich \u00fcber jedes Kind \u2013 das war doch mehr als \u00fcbertrieben. Selbst seinem K\u00f6nig, wenn dessen k\u00fcnftige Gemahlin eines Tages ein Kind erwartete, w\u00fcrde Hagen mehr M\u00e4\u00dfigung anraten: Es k\u00f6nnte ja auch nur ein M\u00e4dchen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dankwart aber \u00fcbte sich ungez\u00fcgelt in geradezu weibischer Entz\u00fcckung. W\u00e4hrend er plapperte \u00fcber sein wachsendes Gl\u00fcck, vom Seufzen der Frauen noch angespornt, stand Hagen reglos daneben und warf ihm nur einen langen Seitenblick zu. Besser k\u00f6nnte man den Grafen und Rittern nicht beweisen, welcher der beiden Tronje-Br\u00fcder f\u00fcr die Herzogsw\u00fcrde geeignet war: Hier der \u00c4ltere, trunken von einer Kunde, an der sich sonst nur Frauen berauschten, und daneben der j\u00fcngere, der Hunnensieger, klaren Verstands und k\u00fchlen Herzens.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke, Bruder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar der Grafen \u00e4u\u00dferten den Wunsch, mit ihm zu fechten \u2013 da stellte er sich gerne. Es ging auch nicht um Leben oder Tod \u2013 Gunther k\u00f6nnte ihn also nicht tadeln! Gro\u00dfz\u00fcgig schritt er auch ein drittes oder viertes Mal zum Kampf, doch keine einzige Niederlage besudelte seinen Ruf. Vers\u00f6hnlich reichte er den Geschlagenen die Hand, und linderte die Schmerzen ihres Stolzes, indem er sagte: \u201eIhr habt es mir arg schwer gemacht!\u201c Die Eingebildeten tr\u00f6stete das sehr, und die guten K\u00e4mpfer hatten nun auch noch seine Bescheidenheit zu bewundern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo immer er hinkam, ehrte man ihn und sein Gefolge mit Musik, Festm\u00e4hlern und flatternden Fahnen. Ein halbes Dutzend Vasallen planten wohl, ihm ihre Tochter als Braut aufzuschwatzen; mehr als einmal fand er ein solches junges M\u00e4dchen beim Festmahl zu seiner Rechten sitzen und unter langen Wimpern zu ihm her\u00fcbersp\u00e4hen, w\u00e4hrend der Vater von links all ihre vermeintlichen Vorz\u00fcge aufz\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen ging \u00fcberhaupt nicht darauf ein und sprach stattdessen von Schlachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach f\u00fcnf Tagen erreichten sie die n\u00f6rdlichen Gebiete des Herzogtums; hier war er nie zuvor gewesen. Das unausweichliche Staunen der Leute nahm leider zu, man starrte ihn an wie einen scheu\u00dflichen Fremden. Eine Schar junger Bauernt\u00f6chter, eben herangesprungen, um Blumen zu werfen, stob unter Kreischen wieder davon, und so mancher Dorfpriester bekreuzigte sich entsetzt, ehe er das Gru\u00dfwort an Hagen richtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Furcht und Abscheu bek\u00fcmmerten ihn nicht, nein \u2013 wohl aber, dass der Schrecken der t\u00f6richten Leute bei seinem Gefolge bisweilen Belustigung ausl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile lang ritt er schweigend vor sich hin, gr\u00fcbelte nach, wie er die anderen r\u00fcgen k\u00f6nnte, ohne dabei empfindlich zu wirken, und gab nicht mehr Acht auf seine Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als Dankwart scharf seinen Namen rief, gab er das Nachdenken bedauernd auf und wandte sich halb um. \u201eWas ist denn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa h\u00e4lt ein Reiter auf uns zu!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dort hinten, ja, der Staub der Stra\u00dfe k\u00fcndigte ihn an. Er kam von S\u00fcden, im schnellsten Galopp.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen brachte sein Pferd zum Stehen und rief der Vorhut denselben Befehl zu. \u201eWir warten auf ihn\u201c, sagte er seinen M\u00e4nnern, \u201efalls es ein Bote aus Worms ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6se Vorahnungen erhoben ihr h\u00e4ssliches Haupt. M\u00f6ge der Herrgott seinen K\u00f6nig besch\u00fctzt haben! Totenwache sp\u00fcrte seine Unruhe und stampfte mit dem Huf auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil das Warten ihm schlie\u00dflich zu lange ging, trabte Hagen dem Reiter entgegen. Wortlos folgten seine M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWerd doch nicht blass&#8220;, raunte ihm Dankwart zu, \u201ees wird schon nicht \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen brachte ihn mit einer harschen Geste zum Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann erreichte ihn endlich. Adalbert von Starenheim war es, einer der besten Reiter des Reiches. Mit seiner Beherrschung von Pferd und Ross h\u00e4tte er sich in Etzels Heer keine Schande gemacht. Nun waren Hengst und Adalbert schwei\u00dfbedeckt, ersch\u00f6pft vom schweren Ritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dreimal wollte der Kerl ansetzen, doch vor Japsen und R\u00f6cheln versagte ihm die Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZum Teufel, fass dich endlich!\u201c, fuhr Hagen ihn an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kerl griff in die Satteltasche und zog ein zusammengefaltetes Schreiben heraus. Hagen entriss es ihm. Einen Augenblick lang starrte er auf das Siegel: Es war mit dem Ring seines Herrn gemacht, aber derart schlecht auf das Wachs gesetzt worden, dass die H\u00e4lfte des thronenden Herrscherbildes nicht eingedr\u00fcckt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Fahrig brach er es auf und entfaltete das Pergament. Erleichterung, dass es Gunthers Schrift war \u2013 jedoch kaum leserlich und von Tintenflecken \u00fcbers\u00e4t. Zweimal schien sogar die Feder abgebrochen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00fcberflog die Zeilen. Gunther hatte mehrmals die Sprache gewechselt, damit der Brief, falls abgefangen, von falschen K\u00f6pfen nicht gedeutet werden konnte. Im Latein waren ihm Fehler unterlaufen \u2013 nichts bezeugte deutlicher seinen Zustand beim Verfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, verdammt. \u2013 Der Herr m\u00f6ge ihm und seinem Pferd Kraft verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen faltete das Schreiben wieder zusammen und steckte es ein. Seine Gefolgsleute starrten ihn mit atemloser Besorgnis an. \u201eWir kehren um, M\u00e4nner\u201c, sagte er hart. \u201eIch reite voraus. Ihr kommt nach, so schnell Ihr k\u00f6nnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen:<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Kapitel enth\u00e4lt eine der schwierigsten Szenen des ganzen Buchprojekts. Weiter unten wird ausgef\u00fchrt, warum.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der silberne Schild<\/em>: In der Thidrekssaga verwendet Hagen einen silbernen Schild, um die Feinde zu blenden. Der Erz\u00e4hler merkt an, dass diese List in sp\u00e4teren Zeiten verboten worden sei \u2013 dementsprechend wirksam muss sie gewesen sein. Jetzt hat er auch im Worms-Buch einen silbernen Schild! Ist er nicht cool?!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Belagerungst\u00fcrme<\/em> wurden im Hochmittelalter n\u00f6rdlich der Alpen nicht verwendet, in Byzanz und Italien sind sie jedoch eingesetzt worden. Als Heinrich der L\u00f6we auf dem Italienzug Zeuge ihrer Wirksamkeit wurde, lie\u00df er sich im Reich derartige Bauwerke f\u00fcr seine eigenen K\u00e4mpfe herstellen. (Hinweis auf Buch \u00fcber Albrecht den B\u00e4ren, Seite einf\u00fcgen)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein grober Bauplan wird auf einem Pergament skizziert<\/em>: Lange habe ich \u00fcberlegt, welches mittelalterliche Schreibmedium f\u00fcr eine solche Aufgabe geeignet w\u00e4re. Zum einen gab es Wachst\u00e4felchen aus Holz oder Elfenbein, zum anderen Pergament. Der Gr\u00f6\u00dfe der Wachst\u00e4felchen waren gewiss Grenzen gesetzt; ich kann mir nicht vorstellen, dass sie f\u00fcr die Niederschrift erster \u00dcberlegungen zu einem komplexen Bauwerk geeignet waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Pergamente gr\u00f6\u00dfer sein konnten, schlie\u00dflich war die Haut auch bei den Tieren das gr\u00f6\u00dfte Organ, halte ich es f\u00fcr grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, hier Pergament zu verwenden. Zwar ist dieser Beschreibstoff teuer, doch der Hof eines mittelalterlichen Herzogs sollte diese Ausgabe verkraften k\u00f6nnen. Au\u00dferdem kann bei Pergament die Schrift auch wieder mit einem Messer vorsichtig abgekratzt und neu beschrieben werden, was f\u00fcr die Niederschrift eines Entwurfs, und sei er architektonischer Natur, wom\u00f6glich praktisch ist. Naja, vielleicht sind meine \u00dcberlegungen auch falsch, aber ihr seht, dass ich mir Gedanken gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201edass ich ein Mann des Schwerts und der Reichsf\u00fchrung bin, nicht aber der Baukunst\u201c<\/em>: Dieser Satz bedarf eigentlich keiner Erl\u00e4uterung \u2013 aber ich habe beim Schreiben trotzdem an Bismarck gedacht, der von sich sagte, dass er von moderner Technik nichts verstehe. (Titel des Bismarck-Bildbands einf\u00fcgen)<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201edoch statt ihn wie sonst mit Kraft zu f\u00fcllen, saugte er alle St\u00e4rke heraus, bis er nur noch eine leere H\u00fclle war, in der das Herz wie irrsinnig schlug\u201c<\/em>: Die Beschreibung des Zorns bleibt hinter dem Erlebnis weit zur\u00fcck. Ich lie\u00df mich hierbei inspirieren von meinen eigenen Wutanf\u00e4llen, die ich in einer der schlimmsten Phasen meiner Depression mindestens einmal pro Tag erlebte. Das ist keine Explosion mehr, sondern eine Implosion; und dass das nicht gesundheitsf\u00f6rdernd ist, sp\u00fcrt man ganz genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther r\u00e4t ihm, <em>\u201erasch alle M\u00fcnzen einzuziehen, neue pr\u00e4gen zu lassen, schlechtern Werts nat\u00fcrlich, und den Gewinn der Schatzkammer einzuverleiben\u201c<\/em>: Nach langer Abw\u00e4gung kam ich zum Schluss, dass die Hauptfiguren in meiner Geschichte keine Meister im Umgang mit Geld sein sollen. Das Epos selbst bietet mir eine m\u00f6gliche Basis daf\u00fcr. <em>Nicht<\/em> ausschlaggebend f\u00fcr meine Schlussfolgerung waren die teuren Feste, die Gunther im Epos st\u00e4ndig ausrichtet, denn diese sind als Machtdemonstration unverzichtbar f\u00fcr einen mittelalterlichen K\u00f6nig, von dem erwartet wird, dass er die Tugend der <em>milte<\/em>, die Freigebigkeit, zelebriert. Dass die Burgunden jedoch Br\u00fcnhilds Schatz von Dankwart verschleudern lassen und Hagen Kriemhilds Erbe, den Nibelungenhort, im Rhein versenkt, ist zwar machtpolitisch sinnvoll, um die Frauen fortan daran zu hindern, Anh\u00e4nger um sich scharen, \u00e4ndert aber nichts an der Tatsache, dass bedeutende finanzielle Mittel einfach verloren sind. H\u00e4tten sie die Mittel nicht auch anderweitig verwenden k\u00f6nnen, um die eigene Machtbasis zu st\u00e4rken? (Wobei die Versenkung des Hortes nat\u00fcrlich ein kraftvolles Bild und daher innerhalb der Geschichte richtige L\u00f6sung ist! Eine Frage aus der realen Welt: \u201eWarum nutzen die das Geld nicht?\u201c an die fiktiven Akteure zu richten, w\u00e4re als Textanalyse gewiss falsch, aber als Grundlage f\u00fcr ihre Charakterisierung in einer Fancfiction-Story wohl gerade noch erlaubt.) Der Merowingerk\u00f6nig Chilperich I. zum Beispiel, Halbbruder von Guntram und Sigibert, hatte keine Hemmungen, sich des Schatzes der Dynastie zu bem\u00e4chtigen. Preu\u00dfens Ministerpr\u00e4sident Otto von Bismarck verwendete nach der Annexion des K\u00f6nigreichs Hannover das nicht unbedeutende Verm\u00f6gen der Welfendynastie, um regierungsfreundliche Zeitungsartikel zu lancieren (Reptilienfonds). Also kam ich zum Schluss, dass die Wormser in meiner Interpretation nicht souver\u00e4n im Umgang mit Geld sein sollen. (Einer von beiden ist sowieso viel zu \u201eoverpowered\u201c.) Was Gunther seinem Lehnsmann hier vorschl\u00e4gt, zeugt daher nicht von pekuni\u00e4rer Weitsicht: Eine k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrte Abwertung des Gelds ist selbstgemachte Inflation.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Jude Gerson<\/em>: Sein Name ist inspiriert von Gerson (sp\u00e4ter von) Bleichr\u00f6der, dem j\u00fcdischen Bankier von Otto von Bismarck. Auch Bismarck hatte im Umgang mit Geld seine Schwierigkeiten; vor allem in seinen jungen Jahren floss mehr ab, als hereinkam. Dank Bleichr\u00f6ders kluger Anleitung wurde er im Laufe der Jahre schuldenfrei. Bleichr\u00f6der legte \u00fcbrigens eine Steinsammlung an, die Steine von den preu\u00dfischen Schlachtfeldern der Einigungskriege enthielt. Wilhelm I. kam einmal zu Besuch und hat sich die Steinsammlung angeschaut.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eUnsere Leute fahren hinauf bis zum bernsteinschweren Norden\u201c<\/em>: H\u00e4ndler verwendeten zum Transport keine eigenen Wagen, sondern lie\u00dfen sich und die Ware gegen eine Entlohnung etappenweise von den Bauern der Region transportieren. Ist es nicht faszinierend, dass dadurch Angeh\u00f6rige verschiedener Religionen und Gesellschaftsschichten in Kontakt kamen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEs waren die Wagen unseres Vetters, in unserm Auftrag unterwegs\u201c<\/em>: Das widerspricht sich mit dem oben genannten; als diese H\u00e4ndler in Band 2 auftraten, wusste ich noch nicht, dass H\u00e4ndler meist auf Fahrzeuge von Anwohnern auswichen. Da die Juden in Band 2 jedoch eine lange Strecke durch eine wenig besiedelte Steppenregion reisen mussten, ist es m\u00f6glich, dass sie kurz vorher eigens Wagen kauften. <em>Noch<\/em> sinnvoller w\u00e4re es gewesen, von Packpferden zu schreiben \u2026 Vielleicht wird das sp\u00e4ter angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSenkt die Z\u00f6lle an der Kr\u00e4henfels-Br\u00fccke\u201c<\/em>: Zollsenkungen waren ein machtvolles Werkzeug im Mittelalter (und sp\u00e4ter auch noch). Mit der Befreiung von den Z\u00f6llen an den k\u00f6niglichen Zollst\u00e4tten belohnte Heinrich IV. 1074 die Wormser \u201eJuden und die anderen Bewohner von Worms\u201c, weil sie ihm als einzige in der Zeit des Sachsenaufstands treu zur Seite gestanden hatten. \u2013 Die Zuerstnennung der Juden fand ich immer schon bemerkenswert. (Siehe \u201eWorms. Eine Spurensuche\u201c von Ralph H\u00e4ussler, S. 54\u201355). Die Br\u00fccke jedoch ist frei erfunden. Irgendwann muss die Recherchearbeit auch einmal aufh\u00f6ren, sonst werde ich nie fertig!<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eeine Liste zu erstellen\u201c<\/em>: Das wirkt ja geradezu b\u00fcrokratisch. Allerdings hat schon der Burgunderk\u00f6nig Gundobad (gestorben 516) seinen Bischof und Berater in theologischen Fragen, Avitus von Vienne, in den erhaltenen Briefen gebeten, ihm eine (sogar kommentierte) Liste zu erstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eW\u00fcrde man ihm dann nicht auch vorwerfen, sich zu verbr\u00fcdern mit dem Volk, das, in alle Winde versprengt, trotz der allj\u00e4hrlichen Karfreitagsf\u00fcrbitte den Messias nicht erkennen wollte? Denen, die sich des Rechts auf Zins erfreuten und sich, so hie\u00df es, allzu oft am Wucher erg\u00f6tzten?\u201c<\/em>: Das ist die wohl schwierigste Stelle des Buches. Der Antisemitismus in der mittelalterlichen Welt und in der katholischen Kirche ist allgemein bekannt: Dem Laien fallen als erstes Kreuzzugspogrome (auch in Worms), Ritualmordanschuldigungen und Vorw\u00fcrfe der Brunnenvergiftung ein. Auch die vorgeschriebene Tracht war ein Mittel der Unterdr\u00fcckung. In der Karfreitagsf\u00fcrbitte in der katholischen Kirche wurde Gott gebeten, dass er die Juden der \u201eVerblendung\u201c entrei\u00dfen und zur Erkenntnis des Messias f\u00fchren m\u00f6ge. Sie war (in ihrer tridentinischen Form) noch Jahre nach der Shoa in Gebrauch und wurde erst in j\u00fcngster Zeit langsam ver\u00e4ndert. \u2013 Nun ist diese Geschichte, die ich schreibe, sehr trivial und in den Augen der Welt v\u00f6llig belanglos \u2013 trotzdem finde ich: Den mittelalterlichen und kirchlichen Antisemitismus nicht zu erw\u00e4hnen, hie\u00dfe, das Leid zahlloser Menschen auszublenden. Ich empfinde es als Verantwortung, ihn zu thematisieren. Infolgedessen stellte sich mir die Frage: Wie f\u00fcge ich den Antisemitismus der Zeit ein, ohne dass es zur mittelalterlichen Hassrede wird? Und wie lasse ich die Hauptfigur reagieren, die, auch wenn sie eine eigene Meinung hat, in ihrer Zeit verhaftet sein soll? Ich habe es wie folgt gel\u00f6st, und hoffe, es ist mir ordentlich gelungen:<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen erw\u00e4hnt in seinem Monolog die Vorw\u00fcrfe der Zeitgenossen, scheint sie jedoch teilweise in Frage zu stellen durch den Einschub \u201eso hie\u00df es\u201c. Dadurch zeigt er sich als weniger empf\u00e4nglich f\u00fcr hetzerische Parolen. Er beschlie\u00dft, trotz der Kritik der Christen Gersons Rat anzunehmen und den Juden die R\u00fcckkehr zu erlauben. Allerdings ist hier nicht menschliches Mitgef\u00fchl, sondern reines Kalk\u00fcl am Werk, als Beweis, dass auch Hagen als Produkt seiner Zeit Antisemitismus verinnerlicht hat: Die \u201egute Tat\u201c geschieht nur aus Eigennutz. (Wobei er ansonsten auch nicht als Menschenfreund angelegt ist und so gut wie jeden als Werkzeug sieht.) Die Geschichte von den \u201efrommen Wormser Juden\u201c, die sich gegen die Kreuzigung Jesu aussprachen, kursierte wirklich. Offenbar steht Hagen den Wormser Juden positiv gegen\u00fcber; doch selbst dies ist verdeckter Antisemitismus: Eine Minderheit zu loben, dass sie sich \u00fcber die angebliche Minderwertigkeit ihrer Gruppe erhoben habe, ist immer noch diskriminierend. \u2013 Das w\u00fcrde ein Mensch des Mittelalters jedoch kaum begreifen; selbst manche heutigen Menschen verstehen das nicht. Also ist die f\u00fcrs christliche Mittelalter typische Intoleranz gegen\u00fcber Juden bei ihm noch immer vorhanden, wenngleich in einer weniger aggressiven Form. H\u00e4tte ich ihn einfach zu einem weltoffenen K\u00e4mpfer gegen Antisemitismus gemacht, h\u00e4tte dies die Schwere des Problems falsch dargestellt. Systemische Unterdr\u00fcckung durchtr\u00e4nkt die ganze Gesellschaft und alle Interaktionen. Ich habe mich f\u00fcr eine nuancierte Darstellung entschieden, wobei es beabsichtigt ist, dass die Leserinnen klarer sehen als die Figur und eben auch seine Sympathie f\u00fcr die Wormser Juden als \u201eunbewusstes Vorurteil\/unconscious bias\u201c erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte auch noch \u00fcber die Darstellung der Figur des Hagen in verschiedenen Wagner-Inszenierungen sprechen, bei denen man ihm \u201ej\u00fcdische\u201c Z\u00fcge verlieh, doch das w\u00fcrde zu weit f\u00fchren. Auf jeden Fall habe ich mir Gedanken gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u2013 Ich habe au\u00dferdem vor, Gerson noch \u00f6fter auftreten zu lassen, wobei zwischen ihm und Hagen ein respektvolles Arbeitsverh\u00e4ltnis entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIhr habt es mir arg schwer gemacht!\u201c<\/em>: Ich hatte fr\u00fcher einen Bekannten, der an Selbstverteidigungskursen teilnahm. Einmal erz\u00e4hlte er mir ganz begeistert, er sei gegen einen Meister in seiner Disziplin angetreten, v\u00f6llig informell, bei einer normalen Trainingsstunde. Er habe verloren, doch der Meister habe ihm gesagt: \u201eEs war mein h\u00e4rtester Kampf!\u201c Ich war so freundlich und verzichtete darauf, anzumerken, dass der Meister dieses Lob bestimmt an jeden verteilt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDabei strahlte er wie ein Kind \u00fcber ein neues Spielzeug, und, bei aller gebotenen christlichen Anteilnahme \u2013 der Herrgott freute sich schlie\u00dflich \u00fcber jedes Kind \u2013 das war doch mehr als \u00fcbertrieben. Selbst seinem K\u00f6nig, wenn dessen k\u00fcnftige Gemahlin eines Tages ein Kind erwartete, w\u00fcrde Hagen mehr M\u00e4\u00dfigung anraten: Es k\u00f6nnte ja auch nur ein M\u00e4dchen sein<\/em>\u201c: Diesen Satz finde ich zugegebenerma\u00dfen ziemlich gelungen. Erst denkt man, die Pointe sei das Beckenbauer-Zitat (<em>\u201eDer liebe Gott freut sich \u00fcber jedes Kind\u201c<\/em>, gesagt von Franz Beckenbauer, das war ein Fu\u00dfballer und Funktion\u00e4r und irgendwas mit Bayern M\u00fcnchen und Katar), bis die eigentliche Pointe kommt: das Patriarchat! Auch wenn es lustig scheint, steht nat\u00fcrlich Wahrheit dahinter: In einem System, das M\u00e4nnern mehr Wert zuspricht als Frauen, wird die Geburt weiblicher Kinder zur Entt\u00e4uschung. Bekannte und weniger bekannte Beispiele, bewusst aus verschiedenen Zeiten und Regionen ausgew\u00e4hlt, um die weite Verbreitung der systemischen Geringsch\u00e4tzung von M\u00e4dchen zu betonen: Afghanische M\u00e4nnern kondolieren anderen M\u00e4nnern zur Geburt einer Tochter (siehe das Buch von Zarifa Ghafari), die Pakistani werfen einem Jungen Geld und S\u00fc\u00dfigkeiten in die Wiege, einem M\u00e4dchen hingegen nicht (siehe Buch von Malala), in Nordindien gilt: \u201eM\u00f6gest du hundert S\u00f6hne haben\u201c als Segenswunsch f\u00fcr Frauen, Heinrich VIII. von England war besonders vergr\u00e4mt \u00fcber den Mangel an (k\u00f6rperlich fitten, legitimen S\u00f6hnen) und die alten R\u00f6mer setzten weibliche S\u00e4uglinge sogar vor der Stadt aus. Darum ist es im Rahmen dieses ungerechten Systems nicht verwunderlich, dass Hagens Sorge darauf gerichtet ist, seinem K\u00f6nig die Entt\u00e4uschung zu ersparen. Auch dies ist ein weiteres Element des Patriarchats: Mitgef\u00fchl, Empathie und Sorge empfinden M\u00e4nner zumeist nur f\u00fcr M\u00e4nner. Es ist fast schon r\u00fchrend, dass Hagen, von mir als eiskalt konzipiert, seinen K\u00f6nig geradezu f\u00fcrsorglich vor einem Problem sch\u00fctzen will, das vom Patriarchat k\u00fcnstlich geschaffen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist das Kapitel aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Kapitel nennen soll &#8230; Das Kapitel hat 3700 W\u00f6rter, ist also mittellang bis lang. Die Anmerkungen schlagen mit 2000 W\u00f6rtern zu Buche! Dieses Mal gibt es auch viel zu erl\u00e4utern. F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter ritt Hagen zu seiner Burg hin\u00fcber. 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