{"id":1665,"date":"2025-01-06T15:57:11","date_gmt":"2025-01-06T14:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=1665"},"modified":"2025-02-09T19:11:24","modified_gmt":"2025-02-09T18:11:24","slug":"der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2025\/01\/06\/der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-4\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6nig von Burgund und der Bastard, Kapitel 4"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieses Kapitel braucht noch einen Titel!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kapitel hat 4000 W\u00f6rter. Unten stehen wieder Anmerkungen.<br>Mit diesem Kapitel nimmt der Schwaben-Handlungsstrang sein Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter ritten sie in die Ebene hinab, um die Herzogin und ihr Gefolge zu begr\u00fc\u00dfen. Hagen hielt Gunther den Steigb\u00fcgel, wie es ihm als rangh\u00f6chstem F\u00fcrsten oblag. Der Herzogin gew\u00e4hrte der Bischof von Konstanz dieselbe Ehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemessen gingen K\u00f6nig und Herzogin aufeinander zu \u2013 vier und sechs Schritte, ach, der Alzeyer konnte argumentieren, soviel er wollte: Hagen tr\u00fcge es ihm immer nach. An der Hand hielt die Herzogin ihren Sohn. War man mit sieben so klein? Hagen hatte noch nie einen Gedanken dran verschwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Er folgte seinem Herrn in kurzem Abstand, so wie der Bischof von Konstanz auf der Seite der Herzogin. Gunther umarmte die Herzogin herzlich, k\u00fcsste sie und sprach ihr mit warmen Worten sein Beileid aus. Das Zurschaustellen von weicher Liebensw\u00fcrdigkeit und allgemeiner G\u00fcte beherrschte er bestens \u2013 es lag ihm im Charakter \u2013 und darum konnte Hagen sich erleichert zur\u00fccknehmen mit dem S\u00e4useln s\u00fc\u00dfer Floskeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin war gerade noch jung zu nennen, vielleicht f\u00fcnfundzwanzig \u2013 er konnte Frauen nicht einsch\u00e4tzen. Als sie voreinanderstanden, riss die Herzogin die Augen auf und sagte: \u201eOh.\u201c Ihr Blick wich nicht von Gunther. Eine leichte R\u00f6te \u00fcberzog ihre Wangen, als sie hinzuf\u00fcgte: \u201eDas seid Ihr also, Herr von Burgund.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im wohlberechneten R\u00e4nkespiel hatte Hagen bei allem Nachdenken doch diesen einen Vorteil \u00fcbersehen. Gl\u00fcckliche F\u00fcgung, dass sein Herr mit einem sehr vorteilhaften \u00c4u\u00dferen begnadet war und die Frauenwelt damit ber\u00fcckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bischof von Konstanz, der Begleiter der Herzogin, betrachtete Hagen mit zusammengekniffenen Augen und deutlichem Missfallen. Nur zu! Er w\u00fcrde die Zweifler schon umstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein treuester Berater, Bischof Gebhard von Konstanz\u201c, sagte die Herzogin, nachdem sie sich aus ihrer Ber\u00fcckung befreit hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Mein<\/em> treuester Berater, Herzog Hagen von Tronje.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr seid wahrhaftig so jung\u201c, sagte der Bischof. \u201eUnd ich hatte gehofft, es sei nur \u00dcbertreibung, derer sich unser Jahrhundert oft genug schuldig macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Wehklagen, die jugendliches Alter erweckt, sind auch uns bekannt\u201c, erwiderte Hagen. \u201eUmso gr\u00f6\u00dfer unser Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lage Eures jungen Herrschers.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGanz genau\u201c, rief Gunther, \u201eund umso mehr freut es mich, meinen Nachbarn nun kennenzulernen!\u201c Er ging tats\u00e4chlich in die Hocke und reichte dem Knaben beide H\u00e4nde. Das war freilich zu viel der Ehre, he! Trotz allem war der Herzog nur ein unbedarftes Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeht ihn, den armen, vaterlosen\u201c, sprach die Herzogin weinerlich. \u201eEr muss Fl\u00fcchtling sein im eigenen Land, wird gejagt wie ein schlanker Hirsch von jenen, die ihn besch\u00fctzen sollten! Kann\u2019s ein traurigeres Schicksal geben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, Hagen hatte sie gleich durchschaut: Die Herzogin zelebrierte ihre Schw\u00e4che, kleidete sich ins Wei\u00df der unschuldig Geschlagenen und trachtete danach, sich ins Herz der Gutm\u00fctigen zu bohren. W\u00e4re sie ein Weib, das jammerte, wie\u2019s Weiber eben taten, da ihnen die Kraft zu Taten fehlte \u2013 dann k\u00f6nnte Hagen es ihr nachsehen, denn die Schw\u00e4che ihres Geschlechts war der Freispruch f\u00fcr ein bisschen Selbstmitleid, und mit gutem Zureden war eine Frau f\u00fcr gew\u00f6hnlich rasch gewonnen f\u00fcr die vern\u00fcnftige M\u00e4nneransicht; die Herzogin aber war sich ihrer Wirkung wohl bewusst, und <em>das<\/em> missfiel ihm. Sie wollte ihre Schw\u00e4che einsetzen, um M\u00e4nner damit zu t\u00e4uschen und zu leiten. Wohlan, sein K\u00f6nig und er w\u00fcrden die Listige \u00fcberlisten. Bei den Verhandlungen mit der Frau w\u00fcrde Hagen im Schatten bleiben und seinen Herrn das Wort f\u00fchren lassen. Die Herzogin w\u00fcrde Gunthers angeborene Sanftmut nat\u00fcrlich f\u00fcr das Ergebnis ihrer \u00dcberzeugungsk\u00fcnste nehmen und seinem Angebot st\u00fcrmisch zustimmen, im Glauben, sie halte das Heft in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther hockte noch immer bei dem Jungen, schaute jedoch fragend zur Herzogin auf. \u201eErlaubt Ihr, dass ich Eurem Sohn ein Geschenk \u00fcberreiche? Schlie\u00dflich bin ich Gast in seinem Land.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin lehnte mit blumigen Worten zum Schein ab, und gab erst nach behutsamem Dr\u00e4ngen nach. Der kleine Herzog hatte dagegen gleich von Anfang an nach seinem Geschenk verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther schnallte einen Dolch von seinem G\u00fcrtel ab. Frau Ute hatte ihn in Worms \u00fcberreden wollen, dem Jungen einen nicht gesch\u00e4rften zu geben. Gunther hatte sich widersetzt, denn allzu zahnlos wollte auch er nicht scheinen. Das Heft war aus Elfenbein gefertigt, abwechselnd mit Saphiren und Smaragden besetzt, und, was in Kriegeraugen nur Firlefanz war, aber einer Frau als Gipfel der Sch\u00f6nheit gelten musste: Die Klinge war vergoldet. Entsprechend begeistert war sie da, und der junge Herzog fuchtelte gleich eifrig herum. Gunther erhob sich geschwind, ehe ihn noch ein ungelenker Streich ins Gesicht tr\u00e4fe. \u201eMein Herzog k\u00f6nnte ihm ein paar Lehrstunden geben. Er hat, wie Ihr sicher wisst, den Hunnenk\u00f6nig im Zweikampf besiegt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen gab sich erfreut. \u201eEs w\u00e4re mir eine Ehre. \u2013 Wer, wenn ich fragen darf, lehrt Euren Sohn, die Lasten der Herrschaft zu tragen?\u201c Er hob beschwichtigend die Hand. \u201eAbgesehen von Euch, edle Frau, die an der Seite eines gro\u00dfen Herrschers reiche Erfahrung gewann, und Euch, gesch\u00e4tzter Bischof, der die Tugend h\u00fctet. Wer bereitet den Knaben vor auf Krieg und Anfechtungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr redet daher wie meine F\u00fcrsten\u201c, sagte die Herzogin beleidigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther sch\u00fcttelte den Kopf mit nachsichtiger Besorgnis. \u201eDem ist nicht so. Wir hoffen nur, dass Euer Sohn vorbereitet wird auf die St\u00fcrme, die seiner harren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenn jeder Herrscher, und sei er auch so sanftm\u00fctig wie der meine, wird eines Tages \u2013 ja, oftmals allzu bald! \u2013 gezwungen sein, das Schwert zu zieh&#8217;n zur Verteidigung seiner angestammten G\u00fcter. Mein K\u00f6nig musste schon gegen seine eigenen Leute k\u00e4mpfen, und dabei gibt es keinen andern, der inniger den Segen jahrzehntelangen Friedens herbeisehnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Last der Herrschaft wiegt zehntausendmal tausend Seelen, und ich w\u00e4r oftmals gestrauchelt, h\u00e4tt\u2019 ich nicht einen Besch\u00fctzer, eine treue St\u00fctze, der mich in allen K\u00e4mpfen beschirmt, sei es vor den Hieben t\u00f6dlicher Schwerter in der Schlacht, sei es vor den Giftpfeilen verlogener Zungen in f\u00fcrstlicher Runde, sei es vor den verborgen schwelenden Folgen falscher Entscheidungen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas tu ich gerne, Herr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer, frag ich, wird dem Herzog Schwabens Besch\u00fctzer sein, so wie mir Herzog Hagen der Besch\u00fctzer ist? Denn einen Helfer in Not und Gefahr hat Euer teurer Sohn zuh\u00f6chst verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vortrefflich, wie sein Herr das machte! Echt und ehrlich schien die Besorgnis, aufrichtig die Zuneigung zum Schwabenspross.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin erwiderte Gunthers Blick; hatte sie je noch Vorbehalte gehegt, so schmolzen sie nun wohl dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen lehnte sich leicht vor. \u201eMein K\u00f6nig, ich stimme Euch zu in allem, doch wollen wir die Herzogin jetzt ins Lager geleiten, damit sie sich erhole von den Anstrengungen der Reise, ehe wir \u00fcber die Verwicklungen, die sie herf\u00fchrten, zu sprechen kommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin sollte warten und sich gedulden m\u00fcssen. Das Hoffen auf den K\u00f6nig von Burgund w\u00fcrde ihr taktvoll zeigen, wer Bittsteller und wer Wohlt\u00e4ter war.<\/p>\n\n\n\n<h2>Neuer Abschnitt ab hier:<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Gunther mit lobenswerter Gleichmut die Herzogin in seinem Zelt bewirtete und ihr allerhand Geschenke \u00fcberreichte (Edelsteine, Stoffe und viele weitere Zeugnisse burgundischer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit), bewies Hagen vor den M\u00e4nnern ihres Gefolges ebenfalls burgundische H\u00f6flichkeit, wechselte mit jedem ein paar Worte und forschte vorsichtig nach, wie sie zu seinem K\u00f6nig standen. Es erf\u00fcllte ihn mit Genugtuung, dass Gunther sich die Anerkennung der meisten gewonnen hatte; die einen waren beeindruckt, dass er aus R\u00fccksicht auf den Todesfall ein fr\u00f6hliches Fest beendet hatte, die anderen gaben mit verh\u00fcllten Worten zu verstehen, dass ein K\u00f6nig, der vom eigenen Tross lebte in einem fremden Land, ein Muster an Anstand war.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Grafen und Ritter hatten sie auf ihrer Reise bereits fr\u00fcher getroffen. Graf Heinrich, dessen Tochter Gunther so umsichtig mit Arznei versehen hatte, h\u00f6rte gar nicht mehr auf, Hagens Hand zu sch\u00fctteln, und bat ihn ein ums andre Mal, dem K\u00f6nig seinen sch\u00f6nsten Dank zu \u00fcbermitteln. \u2013 Bestens, bestens war es bisher gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag ritten Gunther und seine F\u00fcrsten erneut hinunter zum Donauufer: Die zweite Partei, die streitbaren F\u00fcrsten, trafen ein. Ihr Heer lagerte ein paar Meilen entfernt, zum Kampf bereit, sollte der Vermittlungsversuch nicht das gew\u00fcnschte Ergebnis zeitigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Mal ging Gunther den anderen nicht entgegen, sondern wartete stolz, bis sie heran waren. Er neigte sich nicht so tief wie bei der Herzogin, und auch Hagen wahrte genau das Ausma\u00df der n\u00f6tigen Ehrbezeigungen. Als Herzog war er allen hier im Rang \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit wohlbedachten Worten dankte Gunther den M\u00e4nnern f\u00fcr ihr Kommen, f\u00fcr ihre Bereitschaft zur unblutigen Beilegung des Zwists, und f\u00fcr die g\u00fctige Aufnahme, die ihm in allen Burgen auf dem Weg zuteilgeworden war. Die F\u00fcrsten erwiderten den Dank mit pflichtbewusster Bescheidenheit. Die zehn h\u00f6chsten unter ihnen folgten ihm alsdann in sein Zelt. Ein langer Tisch war dort aufgebaut, und bester Wormser Wein bereitgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man setzte sich. Als Vertreter Burgunds waren au\u00dfer Gunther und Hagen nur noch Markgraf Eckewart und Markgraf Ortwin zugegen; auf F\u00fcrbitte eines zurecht vergr\u00e4mten F\u00fcrsten hatte Gunther den Alzeyer kurzfristig ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr lieben M\u00e4nner\u201c, sagte Gunther, nachdem auf das Wohl des jungen Herzogs getrunken worden war, \u201enun nennt mir freiheraus Eure Sorgen; ich verspreche, dass nichts, was sie nicht h\u00f6ren soll, der Herzogin zu Ohren kommen wird.\u201c Sein langsames Zur\u00fccklehnen m\u00fcsste jeder andere f\u00fcr die Bereitschaft aufmerksamen Zuh\u00f6rens halten; Hagen wusste, dass es vielmehr Erleichterung war, den weiteren Fortgang der Ereignisse seinem treuesten Mann \u00fcberlassen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Herzogin verweichlicht den Jungen!\u201c, rief der Graf von Reutlingen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie verweigert sich unserem Rat und ist nicht bereit, den Herzog einem Mann zur weiteren Erziehung zu \u00fcbergeben!\u201c, sagte der Graf von Friedberg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sprach zu ihr vor zwei Monaten, und erinnerte sie an die Notwendigkeit, einen Knaben mit dem Kriegshandwerk vertraut zu machen\u201c, sagte nachdenklich der Graf von Zollern, \u201eda hob sie keck die Hand und gab zur\u00fcck: \u201aMein Sohn wird nie in eine Schlacht reiten, denn er wird weise jede Herausforderung mit seinem Verstand zu l\u00f6sen wissen!\u2018 \u2013 Diese Frau ist doch kein Umgang f\u00fcr einen jungen Herrscher, auch wenn sie seine Mutter ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So ging es fort, bis ein jeder seine Beschwerden aufgez\u00e4hlt hatte. Als auch der letzte zum Ende gekommen war, nahm Gunther die H\u00e4nde zusammen und nickte bed\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr, erlaubt Ihr, dass ich das Wort ergreife?\u201c, fragte Hagen ehrf\u00fcrchtig, damit alle sahen, dass selbst der Bezwinger Etzels seinem Herrn hingebungsvolle Untertanentreue schuldig war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJederzeit, Herzog.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen erhob sich schwungvoll. \u201eIch halte Schwabens N\u00f6te f\u00fcr sehr bedrohlich\u201c, sagte er scharf. \u201eEs geht nicht an, dass ein ganzes Reich dem Willen einer Frau ausgeliefert ist. Widersetzt sich die Herzogswitwe der F\u00fchrung durch Kl\u00fcgere, vers\u00fcndigt sie sich an ihren F\u00fcrsten und an ihrem Sohn, dem sie das Privileg, zu einem echten Mann heranzuwachsen, vorenth\u00e4lt. \u2013 Ihre Anh\u00e4nger und Apologeten freilich preisen ihre Mutterliebe, die alle durchtriebenen Pl\u00e4ne mit dem Goldglanz \u201abester Absichten\u2018 \u00fcberzieht \u2013 doch ist eine Mutter, die ihr Kind vor der Welt abschirmt und in seinem Namen ein Reich zu beherrschen gedenkt, noch eine Mutter? Ist Ihr Sohn noch Sohn? Ist er nicht vielmehr Geisel?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hier unterbrachen ihn frenetische Zwischenrufe der F\u00fcrsten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas w\u00e4re n\u00f6tiger, als den Herzog dem Zugriff der Witwe zu entziehen?\u201c, fuhr er fort. \u201eEuer Heer ist bereit, seine Waffen sind scharf \u2013 allein Schwabens Nachbarn sind nicht alle freundlich gesinnt wie das Reich meines Herrn. Ein B\u00fcrgerkrieg, und w\u00e4ret Ihr auch noch so siegreich, br\u00e4chte Schwaben eine Wunde bei, an der es schlie\u00dflich zugrunde gehen k\u00f6nnte. Die fruchtreichen Gefilde dieses Landes mit seinen t\u00fcchtigen Bauern erwecken manche Begehrlichkeit. Schwaben, zerrissen wie es jetzt ist, oder geschw\u00e4cht, wie es nach dem Krieg sein wird, liegt zwischen den Schwertern der Franzosen und den \u00c4xten der Bayern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch Burgund wird uns beistehen?\u201c, rief man aufgeregt<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen warf Gunther einen bedeutungsvollen Blick zu. Der neigte sich bescheiden im Angesicht des schw\u00e4bischen Vertrauens. \u201eBurgund will nicht mitansehen, wie sein meistgesch\u00e4tzter Nachbar zur Beute fremder Bestrebungen wird \u2013 noch wie sein Nachbar sich in innerlichen K\u00e4mpfen zerfleischt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer junge Herzog braucht, dessen sind wir uns alle einig, die F\u00fchrung bew\u00e4hrter M\u00e4nner\u201c, sagte Hagen. \u201eWas Schwaben nicht braucht, ist ein B\u00fcrgerkrieg. Nun verl\u00e4uft der Zwiespalt mitten durch Euer Land; die H\u00e4lfte des Adels vereinigt die Herzogin auf sich, die andere H\u00e4lfte steht zu Euch. Wir sind uns darin einig, dass das vorrangige Ziel aller aufrechten M\u00e4nner sein sollte, die Weiberherrschaft zu beenden und den Knaben in die Obhut von F\u00fcrsten zu geben, die ihn zum weisen Herrscher und furchtlosen Krieger heranbilden, damit er in acht Jahren Euer Land lenke mit segenbringender Hand. Nun k\u00f6nnte man ihn \u2013 wenn ich es wagen darf, einen Vorschlag zu machen \u2013 von beiden Parteien abwechselnd erziehen lassen, ein halbes Jahr bei den Leuten der Witwe, ein halbes Jahr bei Euch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schon wollte sich Widerstand regen, da hob er die Hand. \u201eMan k\u00f6nnte ihn jedoch auch in die Obhut einer dritten Partei geben, der es ein inniges Anliegen ist, Schwabens Handlungsf\u00e4higkeit und Macht auf Jahrzehnte hin zu sichern. So wie Schwaben einen f\u00e4higen, nicht verweichlichten Herzog braucht, der es f\u00fchren kann in Frieden und Krieg, strebt Burgund danach, Schwaben stark und einig zu halten, sodass es sicher sein kann, dass von S\u00fcden nicht Gefahr heraufzieht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther erhob sich. \u201eEs ist ein Wunsch, der mir aus Herzenstiefen kommt\u201c, sprach er sanft. \u201eWie der Patenonkel das Kind zu sich nimmt, wenn es die Eltern in Gefahr sehen, so will ich Eurem Herrn eine Heimstatt bieten. Es soll ihm an nichts mangeln; die besten Lehrmeister geb ich ihm: Bisch\u00f6fe werden ihn unterweisen im Glauben, von den F\u00fcrsten lerne er zu wirtschaften, von mir den Umgang mit fremden Boten, vom Sieger \u00fcber den Hunnenk\u00f6nig das K\u00e4mpfen. Wann immer Ihr Euch vom Fortschritt seiner Lehren \u00fcberzeugen wollt, seid Ihr mir auf das herzlichste willkommen, und w\u00fcnscht Ihr, dass er tiefer eingef\u00fchrt werde in die Besonderheiten Eures Landes, dann nehme ich gerne die von Euch bestimmten Lehrer bei mir auf. Es w\u00e4r mir eine Ehre, Eurem Herzog Gastgeber zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, hervorragend machte er das! Mit gr\u00f6\u00dfter Selbstlosigkeit bot er ihnen das F\u00fcllhorn seiner G\u00fcte an \u2013 nun war&#8217;s an ihnen, es anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwaben z\u00f6gerten noch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was schlagt ihr vor, wie wir mit dem Weib verfahren sollen?\u201c, fragte der Graf von Zollern. Sein Blick galt dabei nicht dem K\u00f6nig, sondern Hagen. Unerh\u00f6rt, dass man seinen K\u00f6nig \u00fcberging! Deshalb richtete er die Antwort mehr an Gunther als an die Schwaben. \u201eW\u00fcrde die Herzogswitwe aufh\u00f6ren, Aufruhr zu verursachen, bis sie ihren Sohn wiederhat? Das bezweifle ich sehr. F\u00fcr sie gilt wie f\u00fcr jedes Weib: Um ihren Ehrgeiz zu b\u00e4ndigen, muss man sie glauben lassen, gewonnen zu haben. Mein Herr ist bereit, sie in Worms aufzunehmen, wo der Pracht und Prunk einer gl\u00e4nzenden Metropolis sie bald von allen machtgierigen Pl\u00e4nen ablenken werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther nahm dem\u00fctig die H\u00e4nde vor der Brust zusammen und lie\u00df den Blick \u00fcber die versammelten F\u00fcrsten schweifen. \u201eDas ist mein Vorschlag, liebe Schwaben, und sprecht Ihr Euer Ja, so strebt fortan ganz Burgund danach, Eurem Herzog die treueste St\u00fctze zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Hagen es geplant hatte, nahmen die Schwaben das F\u00fcllhorn von Gunthers G\u00fcte eifrig an.<\/p>\n\n\n\n<h2>Neuer Abschnitt ab hier:<\/h2>\n\n\n\n<p>Am Abend besuchten sie die Herzogin in ihrem Zelt. Hier sa\u00df sie zwischen den kostbaren Geschenken, den unbedarften Sohn spielend zu ihren F\u00fc\u00dfen, und lie\u00df sich von einer Zofe k\u00e4mmen. \u201eAch, wie ehrt es mich, dass Ihr mich aufsucht!\u201c, rief sie entz\u00fcckt, \u201eaber vergebt mir, dass ich in diesem unw\u00fcrdigen Zustand vor Euch sitze \u2013 h\u00e4tt\u2019 ich von Eurem Kommen gewusst, h\u00e4tte ich mich herausgeputzt f\u00fcr Euch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther versicherte ihr gn\u00e4dig, dass sie an ihrem offenhaarigen Zustand keinen Ansto\u00df nahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin bot ihnen einen Stuhl an; Hagen zog es freilich vor, finster hinter seinem Herrn stehenzubleiben. Die Herzogin verwickelte Gunther zun\u00e4chst in einen Monolog \u00fcber ihr bedauernswertes Los als Witwe und Mutter, bis selbst Gunthers Geduld zur Neige ging.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bewundere die Duldsamkeit, mit der Ihr Euer Los bisher getragen habt. Darum ist es mir eine umso sch\u00f6nere Freude, Euch einen Vorschlag zu unterbreiten, der Euer Leiden, wie ich hoffe, mit dem Kranz der Belohnung schm\u00fccken darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogin blinzelte \u00fcberrascht. \u201eEure G\u00fcte ist weit wie der Ozean\/Bodensee, lieber K\u00f6nig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6rt mich erst an, ehe Ihr urteilt. Ich hoffe sehr, dass mein Vorschlag Euer Wohlgefallen findet.\u201c Also wirklich, <em>so<\/em> sehr brauchte er nicht zu schmeicheln!<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther legte ihr draufhin alle Vorteile eines Aufenthalts am Wormser Hof dar. Als die Herzogin wichtigtuerisch erwiderte, sie brauche noch Bedenkzeit \u2013 oh, Hagen sah genau, dass sie schon gewonnen war, und nur seinen K\u00f6nig warten lassen wollte \u2013 beugte sich Gunther kurzerhand zum Herzogsknaben hinab und fragte ihn im unschuldigsten Tonfall, ob er einmal Worms sehen wolle. Ha, da stutzte die Herzogin! Der kleine Junge gab sich ganz begeistert; drum bedachte Gunther die Herzogin mit einem Blick, als k\u00f6nne er auch nichts mehr dagegen unternehmen, der Wille des Knaben sei bindend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun gut, Ihr habt ja recht\u201c, sagte die Herzogin \u2013 ein strahlendes L\u00e4cheln begleitete ihre Worte \u2013 \u201ein Worms wird er besch\u00fctzt sein vor allen, die ihm B\u00f6ses wollen, und ich bin endlich gerettet vor den Anfechtungen meiner Feinde. Ihr seid ein edler Mann, K\u00f6nig Gunther.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und so kam es, dass der Erbe des Schwabenlandes an den Hof nach Worms kam, wo er zu einem Freund und B\u00fcndnispartner Burgunds erzogen w\u00fcrde \u2013 und die Herzogin von Schwaben wie auch ihre feindlichen F\u00fcrsten glaubten jeweils, <em>sie<\/em> h\u00e4tten gewonnen und die Widersacher \u00fcberlistet.<\/p>\n\n\n\n<h2>Neuer Abschnitt ab hier:<\/h2>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag versammelten sich die Burgunden und die Schwaben beider Parteien auf freiem Feld. Mit hallender Stimme, h\u00f6rbar auch f\u00fcr die niedrigsten Ritter in hinterster Reihe, trug ein Herold das Angebot des K\u00f6nigs vor. Die M\u00e4nner der Herzogin wie auch ihre Feinde bezeugten ihre Zustimmung mit lauter Akklamation. Mit Umarmen und K\u00fcssen wurde die Vers\u00f6hnung gefestigt vor aller Augen, und die Freude der Schwaben erreichte einen ungeahnten H\u00f6hepunkt, als Gunther einen feurigen Apfelschimmel heranf\u00fchren lie\u00df, mit Sattel und Zaumzeug aus rotgl\u00e4nzendem Leder, und ihn als Unterpfand seiner Freundschaft dem jungen Herzog \u00fcbergab. Wohlberechnet war die Geste: Um ein solches Tier zu reiten, musste man die Verwegenheit eines Mannes besitzen. Die F\u00fcrsten konnten beruhigt sein \u2013 ihr junger Herr w\u00fcrde in Burgund recht geformt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gunthers Zelt wurde die Urkunde verlesen, dem Anlass gem\u00e4\u00df nicht von einem blo\u00dfen Herold, sondern von Burgunds erstem Vasallen. Die Vormundschaft \u00fcber den jungen Herzog erhielten der K\u00f6nig von Burgund, seine Mutter und die schw\u00e4bischen Gro\u00dfen. Was gesamtschw\u00e4bische Angelegenheiten betraf, sollte von allen Parteien gemeinsam entschieden werden. Gunther befahl, die Urkunde reihum gehen zu lassen, damit jeder sich vergewissern k\u00f6nne, dass alles wie vorgetragen festgehalten war. Mancher F\u00fcrst las die Zeilen wachsam durch, ehe er das Pergament zufrieden weiterreichte; mancher andere heuchelte Alphabetismus, lie\u00df den Blick mit \u00fcberdosierter Hingabe kreuz und quer \u00fcber das Schriftst\u00fcck wischen, ehe er es, f\u00fcr gut befunden, mit Kennermiene an den n\u00e4chsten weitergab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo wollen wir unterzeichnen\u201c, sprach Gunther. Ein Knappe tauchte den Schwanenkiel in die Eisengallustinte; sein Herr unterzeichnete mit dem Schwung der wohlge\u00fcbten Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herzogswitwe war die n\u00e4chste, drauf der Bischof von Konstanz und die anderen Geistlichen, alsdann Hagen, danach setzten immer im Wechsel Burgunden und Schwaben Unterschrift oder Handzeichen darunter. Es entging Hagen nicht, dass eine betr\u00e4chtliche Anzahl Schwaben beider Parteien mit verstohlenem L\u00e4cheln vom Tisch zur\u00fccktrat, wie der durchtriebene Gesch\u00e4ftsmann, der seinen Kunden hochvergn\u00fcgt von dannen ziehen sieht: \u00fcbert\u00f6lpelt, doch \u00fcberzeugt, er habe das beste Angebot erhascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt zog Gunther den wuchtigen Siegelring vom Zeigefinger und presste sein Wappen ins fl\u00fcssige Wachs.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war alles so ergangen, wie Hagen es ersonnen hatte. Ehre und Macht f\u00fcr Gunther und Burgund!<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Siegel trocken war, hielt Gunther die Urkunde dem Bischof von Konstanz hin: \u201eBitte, lieber Vater, bekr\u00e4ftigt diese weltlichen Bande mit dem Kitt eures Segens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bischof sprach ein paar w\u00fcrdige Worte, w\u00e4hrend die F\u00fcrsten zuh\u00f6rten mit gesenktem Haupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim anschlie\u00dfenden Festmahl \u2013 auf Kosten des K\u00f6nigs von Burgund nat\u00fcrlich \u2013 mischten sich die Schwaben mit den Rheinischen, und als die Speisen verzehrt waren, stand man noch in losen Scharen scherzend und lachend beisammen. Hagen ging lautlos von der einen Gruppe zur anderen, h\u00f6rte aufmerksam zu und erforschte behutsam die Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Gl\u00fcck, dass unser Bub nun doch noch in den Genuss einer richtigen Erziehung gelangt\u201c, sagte ein Schwabenritter mit unverhohlenem Siegerstolz. \u201eIch sag\u2019s Euch, die Herzogin haben wir \u00fcberlistet!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie wird heulen, wenn der Junge zum ersten Mal ins Turnier reitet! Sie hat ein M\u00e4uschen aus ihm machen wollen, und nun wird er zum Helden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ich<\/em> sag\u2019s Euch \u2013 in acht Jahren wird uns die Herzogin alle verfluchen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Graf bemerkte Hagen und hob den Weinkelch zum Gru\u00df. Die andern wandten sich um, \u00fcberboten sich mit Lobesworten f\u00fcr seinen Herrn, dessen Reich und ihn selber. Er nahm es mit Dank entgegen, und f\u00fcgte hinzu, dass er schon voller Vorfreude der ersten Fechtlehrstunde mit dem jungen Herzog entgegensehe. Dann schritt er weiter, immer wachsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Markgraf Eckewart unterhielt sich mit einer Handvoll Anh\u00e4ngern der Witwe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeid unbesorgt, die Unterweisung in Geistesdingen wird nicht zu kurz kommen. Ihr braucht nur den K\u00f6nig anzusehn: Er ist der Schild des Friedens und die Zuflucht der Verfolgten; die kalte Stimme der Schwerter l\u00e4sst er nur sprechen, wenn seine Gegner den Segen von Rat und Weisheit mit Fl\u00fcchen entgelten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGepriesen sei Euer Herr, dass er unseren Herrscher aus den Klauen der Eiferer entrissen hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bischof von Konstanz sprach heftig: \u201eKeiner von ihnen dachte ans Wohl des Landes; sie wollten nur das Kind an sich raffen, um in seinem Namen uns das Joch ihres Willens aufzuzwingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGr\u00fcndlich misslang der schm\u00e4hliche Plan!\u201c, rief ein Ritter und hob stolz den Kelch.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade wollte Hagen zu ihnen treten, als einer der schw\u00e4bischen Grafen dem braven Eckewart bedeutete, sich herabzubeugen, und raunte \u2013 Hagen konnte es nur mit M\u00fche verstehen \u2013 \u201eIst es wahr, dass der neue Tronjeherzog f\u00fcr Euren K\u00f6nig gar noch unverzichtbarer ist, als es der alte f\u00fcr K\u00f6nig Gibich war?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eckewart nahm sich einen Augenblick Bedenkzeit. \u201eK\u00f6nig Gunther g\u00f6nnt jedem seiner M\u00e4nner Geh\u00f6r, doch schlie\u00dft sich stets dem kl\u00fcgsten Rat an. Ihr seht, dass Burgunds einstige Geisel jede Kiste Tribut wert war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ehrenwert von Eckewart! Hagen w\u00fcrde sich nachher daf\u00fcr bedanken. Der Speyerer war ein Mann, der vorrangig an den K\u00f6nig dachte, nicht an eigene Befindlichkeiten wie die Neider und Zwietrachts\u00e4er.<\/p>\n\n\n\n<p>Unbemerkt entfernte er sich wieder. Die Macht seines K\u00f6nigs war ohne einen Streich um ein Drittel gewachsen, das Nachbarland war befriedet, und Schwabens Herzog w\u00fcrden sie so geschickt zu erziehen wissen, dass er noch jahrzehntelang zu Gunther aufsehen w\u00fcrde wie der Vasall zu seinem Herrn. \u2013 So \u00e4hnlich musste sich ein Meister f\u00fchlen, ein Bildhauer oder Schwertschmied, im Angesicht des vollendeten Werks.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, als bis auf die Amseln noch kein Vogel wach war und die Donau noch unter wei\u00dfen Schleiern tr\u00e4umte, nahmen die Schwabenf\u00fcrsten ihren Abschied vom jungen Herzog. Es neigte sich jeder vor ihm, und keine geringe Zahl flocht in die Segensw\u00fcnsche des Auseinandergehens noch die Mahnung ein, sich in der Fremde gut zu betragen und die Weisungen seiner Gastgeber flei\u00dfig zu befolgen. Gunther geleitete die F\u00fcrsten bis ins Tal hinab. Nachdem die Schwaben aufgebrochen waren, verharrte er eine Weile und blickte ergriffen ins Land hinaus. Hagen lie\u00df Totenwache n\u00e4her treten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr habt Eurem Namen reichen Ruhm gewonnen, K\u00f6nig von Burgund \u2013 und Schutzherr von Schwaben.\u201c Kein Becher Wein hatte ihn je so berauscht wie der Ambrosiageschmack des Erfolgs.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther blickte auf den Pferdehals, selbst im Sieg noch unsicher, ob er den Lorbeer wirklich annehmen durfte. Dann bedachte er Hagen mit einem weichherzigen L\u00e4cheln. \u201eWir wissen beide, wessen Beitrag der weit gr\u00f6\u00dfere war, und wem ich Dank schulde. Freilich bin ich ratlos, wie ich mich daf\u00fcr erkenntlich zeigen soll, lieber Herzog. Ich kann Euch weder ein Lehen noch meine Treue versprechen, denn beides geh\u00f6rt Euch schon. So m\u00fcsst ihr Euch wohl damit abfinden, dass ich von den Schwaben eines bereits gr\u00fcndlich gelernt habe: die Sparsamkeit hochzuhalten.\u201c Seine Miene wurde wieder nachdenklich. \u201eDer Machtzuwachs erf\u00fcllt mich mit Stolz, nat\u00fcrlich \u2013 aber wei\u00dft du, mehr noch freut es mich, einen Krieg verhindert zu haben. Dass Burgund als Friedensstifter in die Chroniken eingeht \u2013 unter meinem Vater w\u00e4re das nie geschehen. Danke, mein Freund. Ich glaube, dass Burgund einer gl\u00e4nzenden Zukunft entgegengeht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen:<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Der rangh\u00f6chste F\u00fcrst h\u00e4lt dem Herrscher den Steigb\u00fcgel:<\/em> Ob auch Geistliche das Privileg\/die Pflicht des Steigb\u00fcgelhalterdienstes \u00fcbernommen haben, wei\u00df ich nicht. Sollte ich noch etwas dazu finden, werde ich es hier hoffentlich einarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201edarum konnte Hagen sich erleichert zur\u00fccknehmen mit dem S\u00e4useln s\u00fc\u00dfer Floskeln\u201c<\/em>: Dies soll nicht hei\u00dfen, dass Hagen hier Gunthers Verhalten herabw\u00fcrdigt als \u201eS\u00e4useln s\u00fc\u00dfer Floskeln\u201c, was seinem K\u00f6nig gegen\u00fcber ziemlich unfreundlich w\u00e4re, sondern bezieht sich auf Hagens eigene Haltung gegen\u00fcber der Herzogin. Da er kein echtes Mitgef\u00fchl versp\u00fcrt, w\u00e4re es bei ihm nur Heuchelei. Vielleicht f\u00e4llt mir noch eine andere Formulierung ein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWar man mit sieben so klein?\u201c <\/em>und<em> \u201eDie Herzogin war gerade noch jung zu nennen, vielleicht f\u00fcnfundzwanzig\u201c:<\/em> Dies soll nicht den langlebigen Irrglauben unterst\u00fctzen, dass man \u201efr\u00fcher\u201c, also in Zeiten mit geringerer Lebenserwartung, schon mit z. B. 30 als \u201ealt\u201c galt \u2013 sondern soll illustrieren, wie jung die Figur des Hagen in dieser Geschichte ist. Dass 15-j\u00e4hrige Menschen noch nicht beurteilen k\u00f6nnen, wer wirklich alt ist, wissen alle, die nicht mehr 15 sind. Genauso k\u00f6nnen viele junge Leute, die mit Kindern nichts zu tun haben, auch kaum das Alter von Kindern richtig einordnen. Und als Funfact zum Schluss: Hildegard von Bingen schreibt in \u201eUrsache und Entstehung der Krankheiten\u201c, dass Frauen bis zum 50. Lebensjahre ihre Regel haben, manche sogar bis 70, und dass ab 70 dann die Runzeln und der Verfall kommen. Bei M\u00e4nnern sollen Runzeln und Verfall sogar erst ab 80 kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDas tu ich gerne, Herr.\u201c<\/em> Im Epos ist \u201eDaz tuon ich\u201c Hagens erstes Zitat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201edass ein K\u00f6nig, der vom eigenen Tross lebte in einem fremden Land, ein Muster an Anstand war\u201c<\/em>: Hier wird wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, das Klischee der schw\u00e4bischen Sparsamkeit zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der junge Schwabe wird Gunther als M\u00fcndel \u00fcbergeben:<\/em> Dieser ganze Handlungsstrang wurde inspiriert von einer Begebenheit des Fr\u00fchmittelalters: Damals herrschten die Welfen in Burgund (Rudolf I., Rudolf II., Konrad, Rudolf III.). In einer Phase der Wirren brachte Otto der Gro\u00dfe den minderj\u00e4hrige Konrad in seine Obhut. Als K\u00f6nig von Burgund war Konrad sp\u00e4ter ein verl\u00e4sslicher Partner Ottos.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Anwesenheit von Zeugen bei der Ausstellung einer Urkunde<\/em> war der Normalfall. Die Zeugen wurden nach Rang geordnet aufgef\u00fchrt, Geistliche eventuell zuerst. Im deutschen Hochmittelalter konnten nicht viele weltliche Adlige lesen und schreiben. (In Frankreich waren ein h\u00f6herer Anteil der F\u00fcrsten lesekundig.) Dass in dieser Szene der wichtigste F\u00fcrst (nat\u00fcrlich Hagen) die Urkunde verliest, ist jedoch nicht vom Mittelalter, sondern wieder einmal von Bismarck inspiriert. Er las die Kaiserproklamation vor (wenig salbungsvoll, da der Kaiser und er seit dem Vortag verstimmt waren).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eisengallustinte<\/em>: F\u00fcr Eisengallustinte braucht man Gall\u00e4pfel, das sind \u00c4pfel von B\u00e4umen, die von einem speziellen Sch\u00e4dling befallen sind. Auch heute noch kann man solche Tinten kaufen. F\u00fcr mich w\u00e4re das allerdings nichts, ich mag keine trockenen Tinten, und Eisengallus ist enorm trocken. Diamine Oxford Blue ist die beste! (Not sponsored.) Neben der Eisengallustinte wurde im Mittelalter auch Dornentinte verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Prozess des Siegelns<\/em> wurde nur erw\u00e4hnt, weil ich einflechten wollte, dass man einen Siegelring am Zeigefinger oder am Daumen trug. Das steht in dem Ausstellungskataglog \u201eHeinrich IV. Kaiser, K\u00e4mpfer, Gebannter\u201c des Rheinischen Museums Speyer, und h\u00e4tte ich es dort nicht gelesen, w\u00e4re mir nie in den Sinn gekommen, zu recherchieren, an welchem Finger man einen Siegelring trug. So cool.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgen noch ein paar Scherze \u00fcber die Sparsamkeit der Schwaben, haha \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Kapitel braucht noch einen Titel! Das Kapitel hat 4000 W\u00f6rter. Unten stehen wieder Anmerkungen.Mit diesem Kapitel nimmt der Schwaben-Handlungsstrang sein Ende. Zwei Tage sp\u00e4ter ritten sie in die Ebene hinab, um die Herzogin und ihr Gefolge zu begr\u00fc\u00dfen. Hagen hielt Gunther den Steigb\u00fcgel, wie es ihm als rangh\u00f6chstem F\u00fcrsten oblag. Der Herzogin gew\u00e4hrte der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1665"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1723,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665\/revisions\/1723"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}