{"id":1652,"date":"2024-12-25T14:40:18","date_gmt":"2024-12-25T13:40:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=1652"},"modified":"2025-02-11T17:13:37","modified_gmt":"2025-02-11T16:13:37","slug":"der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2024\/12\/25\/der-koenig-von-burgund-und-der-bastard-kapitel-1\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6nig von Burgund und der Bastard, Kapitel 1"},"content":{"rendered":"\n<h2>Sein Schwert und sein Schild<\/h2>\n\n\n\n<p>Unten stehen Erl\u00e4uterungen. Das Kapitel ist ziemlich lang, 5000 W\u00f6rter, das ist oberer Durchschnitt f\u00fcr die Kapitel in Romanen. &#8222;Sein Schwert und sein Schild&#8220; ist der Titel des Kapitels.<\/p>\n\n\n\n<p>Los geht&#8217;s:<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal seit seiner Kr\u00f6nung schien es K\u00f6nig Gunther, dass er wohlgewappnet war f\u00fcr die M\u00fchen und K\u00e4mpfe der Herrschaft. Die Sorgen waren verblasst wie Nebel im Fr\u00fchlingsmorgenlicht, die bangen \u00c4ngste zogen sich zur\u00fcck, und der Untergang, mit Feuersbr\u00fcnsten, Schwertgeklirr und einer Sintflut nur aus Blut war blo\u00df ein Hirngespinst, entstanden aus der Hilflosigkeit des f\u00fchrungslosen J\u00fcnglings. Fern lag alles, und k\u00f6nnte kaum ja eintreten. Er kam sich vor wie ein Mann, der bisher ohne R\u00fcstung und Schwert in die Schlacht geschritten war, sich hatte ducken m\u00fcssen vor jedem Schlag, und immer nur auf die Gnade des Himmels oder die Barmherzigkeit seiner Feinde hatte hoffen d\u00fcrfen, denn selber k\u00e4mpfen konnte er nicht. Jetzt aber war er ger\u00fcstet, brauchte nicht Feind noch Eisen zu scheu\u2019n, und wenn die Schlacht auch schrecklich tobte, w\u00fcrd\u2019 er schon nicht unterliegen. Sein Schwert war sch\u00e4rfer als jedes andre, sein Panzer schirmte ihn fest und stark. Der sanftm\u00fctige K\u00f6nig Gunther war fortan wehrhaft und w\u00fcrde bestehen im Kampf langer Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fasste die Lehnen des Throns mit sich\u2019rer Hand und blickte in den Saal hinab. Seine M\u00e4nner waren versammelt in gro\u00dfer Zahl, gekleidet in ihre kostbarsten Stoffe, geschm\u00fcckt von pr\u00e4chtigen Farben und Edelsteinen feinsten Schliffs. Die Sonnenstrahlen blinkten feierlich auf Rubinen, Goldf\u00e4dchen und Siegelringen; Festesfreude leuchtete in der ganzen Pfalz, und am allerhellsten hier in seinem Herzen. Dass sich hinter mancher frohen Friedensmiene schlecht versteckt der Gram verbarg, auch Missmut oder Eifersucht, das wollte er heut noch nicht beachten. F\u00fcr Argwohn war sp\u00e4ter Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Gespannt lagen die Blicke der Edlen auf ihm; fr\u00fcher h\u00e4tte ihn das mit unw\u00fcrdiger Aufregung erf\u00fcllt, sodass er so verlegen geworden w\u00e4re, wie es bei keinem Spross einer K\u00f6nigsdynastie m\u00f6glich schien \u2013 aber seit gestern sch\u00fcchterte ihn die Beachtung des Reiches nicht mehr ein. Fort war die Furcht, dass er ungehindert von Torheit zu Torheit stolpern w\u00fcrde; fort die Furcht, nicht zu wissen, was sagen, vorbei das Schwanken, Zaudern und Zagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er gab dem Herold ein Zeichen, dass das Portal ge\u00f6ffnet werden sollte. Die Boten fremder L\u00e4nder wollten ihm ihren Gru\u00df erweisen, sich bedanken f\u00fcr die gastliche Aufnahme und mit sch\u00f6nen Worten ihn der Freundschaft und des Wohlwollens ihrer Herren versichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Er straffte den R\u00fccken, ehe der Bote eintrat, und lie\u00df ein g\u00fctiges, obgleich nichtssagendes L\u00e4cheln auf seinen Lippen erstarren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bote des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs kam als erster an die Reihe, wie es die Bande der Nachbarschaft und die Ehre seines Herrn geboten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGraf Fortpierre!\u201c, rief der Herold klar und grell. Gunther neigte leicht den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Franzose verbeugte sich tief, ehe er sprach: \u201eKein Wort w\u00e4re m\u00e4chtig genug, edler K\u00f6nig, um meine Bewunderung auszudr\u00fccken f\u00fcr das pr\u00e4chtige Fest, an dem teilzunehmen ich die Ehre hatte! Noch meinen Enkeln werd ich auf dem Sterbebett voll Verz\u00fccken von diesem Ruhmestag berichten, und meinem gr\u00f6\u00dften Erzfeind werde ich, zur\u00fcck in meiner Heimat, sogleich in listiger Gen\u00fcsslichkeit vom Prunk und Gepr\u00e4nge Eures Reichs erz\u00e4hlen, damit er sich noch bis ans Ende seiner Tage gr\u00e4men mag, welche Wonne mir, jedoch nicht ihm, dank Eurer Gunst beschieden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So waren die Franzosen alle \u2013 viele klingende Worte f\u00fcr die Dinge, die ein Schwabe oder ein Sachse mit einem einzigen Satz bedacht h\u00e4tte. Gunther nickte kaum merklich. Der Franzose, begeistert vom Flitterwerk seiner Rhetorik, fuhr eifrig fort: \u201eDarum ist es mir genauso sehr wie meinem Herrn ein herzenstiefes Bed\u00fcrfnis, Euch Gl\u00fcck und Segen zu w\u00fcnschen zur Belehnung Eures neuen Herzogs. Dass er Euch immerzu als treueste und erste St\u00fctze dienen m\u00f6ge, das ist ganz Frankreichs aufrichtiger Wunsch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther sah kurz zu Hagen hin\u00fcber. Er stand zu seiner Linken, an der Stelle des alten Herzogs, auch in derselben Haltung, eine Hand in der H\u00fcfte abgest\u00fctzt, den Kopf hoch erhoben, und v\u00f6llig reglos. Nachdem F\u00fcrsten und Gesinde seinem Freund gestern mit wohlgemeinten Worten eine fruchtreiche Herrschaft, so viel Segen wie Regen an einem Novembertag, Augenma\u00df und k\u00fchlen Urteilssinn gew\u00fcnscht hatten, verwehte Hagens seltene Heiterkeit pl\u00f6tzlich, und nichts blieb mehr zur\u00fcck. Das merkte au\u00dfer Gunther zwar keiner, denn Hagen gab sich \u00e4u\u00dferlich unger\u00fchrt wie sonst \u2013 er aber f\u00fchlte die Verwandlung, als tr\u00e4fe ihn frostiger Hauch aus Norden. \u201eWas ist dir denn?\u201c, hatte er ihn gefragt, indem er Hagen, den Weinkelch in der Hand, in eine Fensternische schob.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie er sich unbeobachtet hielt, gab Hagen alle Selbstbeherrschung auf und starrte in den Saal, als st\u00fcnde er auf dem Schlachtfeld. \u201eSie w\u00fcnschen mir jeder, dass ich dir treu dienen solle! Viele Jahre lang, bis zum Tod! \u2013 Ist das nicht offensichtlich, dass ich immer treu sein werd? Das versteht sich von selbst, das braucht man nicht erst zu erbitten, und es <em>doch<\/em> zu tun, ist eine Geringsch\u00e4tzung meiner Treue! Glauben sie, ich wollte dich verraten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsinn\u201c, hatte Gunther erwidert, \u201eglaub mir, der ich schon einige Belehnungen vorgenommen habe: Es hei\u00dft nicht, dass man einen Mangel wahrnimmt und sich deine Treue herbeizuw\u00fcnschen gen\u00f6tigt sieht \u2013 sondern das sagt man eben so!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem kurzen Moment des Widerstrebens \u2013 denn so wie Gunther sich niemals gerne entschied, gab Hagen niemals gerne nach \u2013 sagte er \u201eNa dann\u201c, und nahm einen tiefen Schluck vom Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunthers Mahnung wirkte auch heute noch: Hagen h\u00f6rte die Gl\u00fcckw\u00fcnsche ohne Grimm an und verneigte sich knapp zum Dank.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Franzose ergriff die Gelegenheit, um rasch weitere Wortgirlanden zu schlingen, bedachte die K\u00f6nigsmutter, die Damen und die vorz\u00fcglichen F\u00fcrsten mit seinem Lobpreis, auch die begabten Spielleute und die Sch\u00f6nheit des Festsaals, und erst als der Herold auf eine behutsame Geste Gunthers hin mit dem Beutel voller M\u00fcnzen leicht zu klimpern begann, als wolle er gerade hineinlugen und nachz\u00e4hlen, kam der Franzose geschickt zum Ende und lie\u00df sich zufrieden den Botenlohn \u00fcberreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihm durfte der s\u00e4chsische Abgesandte eintreten. Bis heute war sich Gunther noch nicht sicher, ob Otto ihm die versuchte Zur\u00fcckeroberung des L\u00f6segelds verziehen hatte. \u2013 Hagen musste ihm sp\u00e4ter raten, wie er sich den Sachsenk\u00f6nig wieder gewogen machen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEdler K\u00f6nig, meinen Dank f\u00fcr das sch\u00f6ne Fest, und dem neuen Herzog alles Gute\u201c, sagte der Sachse.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabt Dank f\u00fcr Euer Kommen und Eure freundlichen W\u00fcnsche\u201c, antwortete Gunther.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon war der Sachse wieder fort; der Bote aus Xanten kam als n\u00e4chster. \u201eFeste feiern kann Burgund\u201c, sprach er mit durchdringender Stimme. \u201eMein Herr K\u00f6nig Siegmund schickt seine besten W\u00fcnsche, f\u00fcr Euch beide, K\u00f6nig und Herzog, und f\u00fcr Euer Reich. Ausrichten soll ich von ihm, dass er sich noch gut an den seligen Herzog erinnert, an den Mann, der \u2013 an Gold und Silber vielleicht nicht der reichste unter den Herz\u00f6gen des Erdenrunds \u2013 doch einen noch teureren Schatz angeh\u00e4uft hatte: die Weisheit als Ernte vieler Jahrzehnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine leichte Bewegung rollte durch die Menge; es blieb nicht unbemerkt, wenn ein K\u00f6nig eine Warnung aussprechen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther legte die Hand ans Kinn und blieb ansonsten reglos. Hagen w\u00fcrde die Sorgen des alten K\u00f6nigs Siegmund zu zerstreuen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Weisheit ist, darin sind sich mein Herr, der Eure und ich einig, ein Gut von unsch\u00e4tzbarem Wert. Aus diesem Grunde bedauern wir umso mehr das Ende meines Vaters, da ihn die Weisheit <em>vor<\/em> dem Leben verlie\u00df. Wir sind deshalb bestrebt, dieses kostbare Gut nicht nur selber \u00fcber Jahre hinweg bed\u00e4chtig anzusammeln, sondern wollen wie ein t\u00fcchtiger Kaufmann, dem keine M\u00fcnze, sei sie noch so klein, zu wenig ist, die Weisheit sch\u00e4tzen, ganz gleich, woher sie stammt.\u201c Das hatte er mit dem\u00fctigem Tonfall gesprochen, sodass, wer ihn zum ersten Mal getroffen hatte, sich wieder verabschieden w\u00fcrde mit dem Eindruck, dies sei ein sanftgestimmter Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein K\u00f6nig wird sich freuen \u00fcber Eure kluge Ansicht\u201c, sagte der Bote. \u201eUnd gerne wird auch er mit seinem Rat dazu beitragen, dass Burgund das Alter und die Reife seiner seligen Verstorbenen nicht lange zu vermissen braucht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir danken ihm daf\u00fcr\u201c, erwiderte Gunther. \u201eEmpfangt nun Euern Botenlohn als Pfand meiner Verbundenheit.\u201c \u2013 Und geht schnell, dachte er f\u00fcr sich. Schlie\u00dflich hatte er schon seit seiner Kr\u00f6nung genug Klagen \u00fcber seine Jugend und Unerfahrenheit geh\u00f6rt. Seit dem Tod des Herzogs waren nat\u00fcrlich noch Klagen \u00fcber die Jugend und Wildheit seines neuen Lehnsmanns hinzugekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Xantener hinausging, warf ihm Hagen einen kurzen Blick zu und nickte ermutigend. An seinem zweiten Tag als Herzog war er schon gefestigt wie einer, der dieses Amt seit zwanzig Jahren innehatte. Wer zum Anf\u00fchrer geboren war, der gedieh im Glanz der Macht, wuchs heran wie ein starker Eichenstamm, und bot all denen Schutz, die, bekr\u00f6nt und trotzdem bang, dem Sturm <em>alleine<\/em> nicht standhielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Bote trat ein: Graf Ehrensam von Sigmaringen. Der war vorgestern, zur Verwunderung aller Leute, in der Begleitung seiner Gattin eingetroffen. Kein anderer Bote hatte jemals eine Frau mitgebracht. Gunther hatte beide wohlwollend empfangen und bewirtet. Jetzt kam der Schwabe jedoch ohne seine Frau. Er verneigte sich ausnehmend tief und sprach mit dem unverwechselbaren Mischklang aus nasalen und kehligen Silben: \u201eLieber K\u00f6nig, ich seh Euch frohgemut an diesem sch\u00f6nen Morgen. Da trifft es sich gut, dass ich der letzte in der Reihe der Gesandten bin, denn mir obliegt die traurige Pflicht, den Kelch der Bitterkeit in die Festesfreude zu gie\u00dfen. Was ich zu berichten habe, das hab ich bis heute verschwiegen, muss es nun aber verk\u00fcnden mit Kummer im Herzen: Der edle Erbe unseres Herzogtums, Burchard, die Geisel bei den Hunnen, ist vor zwei Monaten im Kampf gefallen. Wir alle betrauern ihn sehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNehmt mein tiefes Beileid an\u201c, sagte Gunther und gab das steinerne L\u00e4cheln auf. Einige seiner M\u00e4nner bekr\u00e4ftigten Burgunds Mitgef\u00fchl mit betr\u00fcbtem \u201eAch\u201c und \u201eWeh\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen hielt einen Augenblick lang inne, bevor er piet\u00e4tvoll den Kopf senkte, als bringe der Verlust ihm Schmerz. Gunther wusste, dass er den Schwaben noch nie hatte leiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde eine Messe f\u00fcr den wackeren Burchard lesen lassen\u201c, sagte Gunther, \u201edamit seine Seele zum Heil finden darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielen Dank, guter K\u00f6nig. Doch leider ist der Kelch mit Wermut noch nicht leer; das Unheil l\u00e4sst von unserm lieben Schwabenland nicht ab! Der Herzog, unser gesch\u00e4tzter Herr, liegt an einer Krankheit darnieder, und Aussicht auf Genesung besteht nicht mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Mal entsprang die Betroffenheit seiner M\u00e4nner nicht h\u00f6fischem Anstand, sondern echter Best\u00fcrzung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber er befand sich doch bei bester Gesundheit, als ich ihn letztes Jahr noch traf\u201c, rief Markgraf Eckewart.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Krankheit kam rasch und unbarmherzig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir beten f\u00fcr ihn\u201c, sagte Gunther leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Graf Sigmaringen verbeugte sich. \u201eErlaubt Ihr, dass ich Euch noch genauere Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Lage des Herzogtums gebe?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist mir ein gro\u00dfes Anliegen.\u201c Gunther erkl\u00e4rte den Empfang der Gesandten damit f\u00fcr beendet und entlie\u00df den Hauptteil der Versammelten. Niederadel, \u00c4bte kleiner Kl\u00f6ster und Grafen mit mehr Stolz als Land sollten nicht dabei sein, wenn die Gro\u00dfen die F\u00e4den des Schicksals kn\u00fcpften.<\/p>\n\n\n\n<p>Es blieben die Markgrafen Eckewart und Gerold von Trier, Ortwin von Metz, auch Volker von Alzey wegen seiner F\u00e4higkeit, aufsteigenden Zwist zu zerstreuen, die Erzbisch\u00f6fe von Mainz und von Trier, die Bisch\u00f6fe von Worms und Speyer; Onkel Godomar und Gernot. Beim Hinausgehen mit der Mehrheit wandte sich Dankwart einmal kurz um und warf einen Blick zu seinem Bruder hin\u00fcber. Falls er sein Ungemach bedauerte, dann hatte er nur sich selber zu tadeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fcrsten kamen n\u00e4her heran.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSagt, wie steht es um Schwaben?\u201c, fragte Gunther.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Graf von Sigmaringen machte eine ernste Miene. \u201eUns drohen harte Jahre, falls nicht ein Wunder uns aus der Zwietracht retten wird. Der Erbe unseres Herzogs, der Sohn seiner zweiten Gemahlin, ist zarte sieben Jahre alt. Bis er vollj\u00e4hrig ist, muss das Land von f\u00e4higen Regenten gef\u00fchrt werden. Seine Mutter, die kluge und umsichtige Elisabeth, ist bereit, diese wichtige Aufgabe zu erf\u00fcllen, wie es Recht und Tradition von ihr verlangen. Sie war es, die mich zu Euch gesandt hat mit der tr\u00e4nenhei\u00dfen Bitte, dass Ihr f\u00fcr ihre Lage Mitleid habt. Doch eine Phalanx von Feinden stellt sich ihr entgegen, will mit der ehrw\u00fcrdigen Sitte brechen, wonach die Herrscherin f\u00fcr ihren unm\u00fcndigen Sohn das Szepter f\u00fchren darf im Verein mit ihren Gro\u00dfen. Eine Schar m\u00e4chtiger M\u00e4nner beabsichtigt, ihr das Recht auf die Herrschaft abzusprechen, den Sohn fern von ihr zu erziehen, und sich zu vers\u00fcndigen wider Sitte und Ehrfurcht. \u2013 Von Feinden umgeben, gibt es nur eine Hoffnung, die meine Herrin noch tr\u00f6stet: dass ihr g\u00fctiger Nachbar, der fromme K\u00f6nig von Burgund, sich der bedr\u00e4ngten Frau und des bald vaterlosen Kindes annehme und sie wacker verteidige zum Wohlgefallen Gottes und aller guten Menschen. \u2013 Das, lieber K\u00f6nig, ist der einzige Inhalt ihrer tr\u00e4nenschweren Gebete.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heiterkeit der Freudenstunden fiel wie Laub im Herbst. Dass denn kein Land die eigenen Wirren selber l\u00f6sen wollte \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bedaure sehr, dass Zwietracht \u00fcber Eurem Reich liegt. Wir wollen nun beraten; in Eurer Kammer steht derweil mein bester Wein bereit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesandte zog sich rasch zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcre war gerade erst geschlossen, da rief Hagen heftig: \u201eDie Gelegenheit ist ein Geschenk! Ja zu allem!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eWas? Nein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein K\u00f6nig, man bietet Euch die Schiedsrichterrolle in einem drohenden Bellus Civilis an \u2013 wenn Ihr sie annehmt, k\u00f6nnt Ihr nicht deutlicher beweisen, dass Ihr im Kreis der K\u00f6nige trotz Eurer Jugend der herausragendste seid; die Zweifel an unserer Weisheit r\u00e4umen wir aus, und niemand kann mehr bestreiten, dass K\u00f6nig Gunthers Burgund ein Reich der Friedensliebe ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie Ihr es schildert, wird\u2019s aber nicht werden. Geh ich nach Schwaben, spreche Recht und lasse ein Land voller Eintracht zur\u00fcck? Nein, denn mein Vorschlag w\u00fcrde ein Dutzend F\u00fcrsten erz\u00fcrnen, jeder f\u00fchlte sich benachteiligt, und am Ende stehen <em>wir<\/em> einem geeinten Heer von Feinden entgegen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas werd ich zu verhindern wissen\u201c, sagte Hagen knapp. \u201eHerr, bitte, seht die goldene T\u00fcr, die sich Euch ge\u00f6ffnet hat! Ein f\u00fchrungsloser Landeserbe, der Adel uneins \u2013 Ihr k\u00f6nnt Frieden stiften und nebenbei den Dank und die Bewunderung der Schwaben gewinnen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was redete er denn mit Silberzungen! Nach den zwei st\u00fcrmischen letzten Jahren wollte Gunther Ruhe f\u00fcrs Reich, nicht sich gleich wieder in irgendwelche Abenteuer st\u00fcrzen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr weisen F\u00fcrsten\u201c, sagte er eilig, \u201eden Herzog habt Ihr geh\u00f6rt \u2013 jetzt bitte ich um Euren Rat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neben ihm hielt sich Hagen hoch und triumphierend, als habe er seinen Willen bereits durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Herzog hat vermutlich Recht\u201c, sagte Ortwin z\u00f6gerlich. \u201eWir k\u00f6nnten nach Schwaben ziehen, wenn dessen Herzog gestorben ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen nickte ihm zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa Ihr als Schlichter ins Land gerufen werdet, sehe ich keinen Anlass, dieses Anersuchen abzuschlagen\u201c, sprach Markgraf Eckewart. \u2013 Schon zwei!<\/p>\n\n\n\n<p>Gerold von Rechtenberg, Markgraf von Trier, sah mit hochgezogenen Brauen zu Hagen hin\u00fcber. \u201eMich wundert es, dass der Herzog von Tronje, noch ehe er den Umritt in seinem neuen Lehen begonnen hat, sich schon in die Angelegenheiten anderer L\u00e4nder einzumischen gedenkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr den Umritt findet sich sp\u00e4ter Zeit genug, schlie\u00dflich habe ich, wie man nicht m\u00fcde wird zu wiederholen, noch viele Dekaden vor mir. Doch dass ein Nachbarreich uns um Hilfe anfleht, das k\u00f6nnen wir nicht unbeantwortet lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sehe nicht ein, warum wir die Bitte der Schwabenherzogin abschlagen sollten\u201c, sagte Onkel Godomar. \u201eAllerdings sollten wir dar\u00fcber beraten, wem wir die Vormundschaft \u00fcber den jungen Erben zuerkennen wollten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther bemerkte, dass nach diesen Worten ein kurzes L\u00e4cheln \u00fcber Hagens Gesicht zuckte; nicht ein mitf\u00fchlendes, sondern ein berechnendes, als sagte er sich heimlich: <em>Zehn Schritte bin ich euch voraus, und habe alles schon bedacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Erzbischof von Mainz klopfte mit dem Hirtenstab auf die Fliesen. \u201eIch schlie\u00dfe mich den Bef\u00fcrchtungen des K\u00f6nigs an. Armes Schwaben: Wehe dem Land, dessen K\u00f6nig \u2013 oder Herzog \u2013 ein Kind ist. Wenn wir Partei ergreifen, werden wir nur auf Undank und Nachtragerei sto\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, rief der Bischof von Speyer, \u201ebleibt in Eurem frohen Worms, mein Herr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther senkte dankbar den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch enthalte mich\u201c, murmelte Gernot.<\/p>\n\n\n\n<p>Bischof Meinrad von Worms redete als n\u00e4chster. Seine Stimme war hart wie Holz, denn was er sagte, fiel ihm schwer: \u201eIch schlie\u00dfe mich der Meinung des Tronjers an.\u201c Das war eine \u00dcberraschung \u2013 diese beiden stritten sich seit dem Tag, da Hagen nach dem Tod des alten Herzogs im Kronrat stand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch wenn wir alle noch vom gestrigen Fest gezeichnet sind\u201c, sagte Volker von Alzey, \u201eschlie\u00dfe ich mich der Meinung des Bischofs von Worms an. \u2013 Es ist ja die Erf\u00fcllung Eures Herzenswunsches, dass man Euch f\u00fcr den besten Mann h\u00e4lt, um den \u00d6lzweig des Friedens zu \u00fcberreichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther atmete tief ein. Das war nicht so gegangen, wie er sich gedacht hatte. Er nahm die H\u00e4nde zusammen. \u201eVielen Dank Euch allen. Ich werde gr\u00fcndlich abw\u00e4gen und sp\u00e4ter entscheiden, wie wir verfahren.\u201c Die verschobenen Entscheidungen waren ihm immer die liebsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er sich von den F\u00fcrsten verabschiedet hatte, ging er zur Kemenate hin\u00fcber, um seine Mutter zu sprechen. Sie hatte die Frau des schw\u00e4bischen Grafen bei sich gastlich aufgenommen und hatte gewiss einiges \u00fcber die schw\u00e4bischen Ereignisse erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie sch\u00f6n, dass du mich wieder einmal besuchst\u201c, rief Mutter, als er eintrat, und schloss ihn gleich in die Arme. \u201eDu solltest \u00f6fter kommen\u201c, raunte sie ihm zwischen liebevollem K\u00fcssen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMutter, Ihr wisst doch, dass er besch\u00e4ftigt ist\u201c, murmelte Kriemhild von ihrem Platz auf der Fensterbank aus, \u201eer muss den Herzog davon abhalten, das ganze Abendland in Unordnung zu st\u00fcrzen.\u201c Sie lachte in sich hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcberhaupt nicht\u201c, sagte Gunther. Die anderen Damen begr\u00fc\u00dfte er so fl\u00fcchtig, wie der Anstand es noch erlaubte; dann setzte er sich mit Mutter und der Gr\u00e4fin von Sigmaringen in eine Ecke. Mutter forderte ihre Damen auf, ein wenig Musik zu machen, dem Freudentag zu Ehren. Gleich erklangen Harfent\u00f6ne und froher Gesang. Nun konnten sie sich unbelauscht unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4fin war von hoher, schmaler Gestalt, mit einem knorrigen Gesicht und einer Nase, die an Charakter und Gr\u00f6\u00dfe der eines grob behauenen Marmorreliefs glich. Ihre kleinen, aufmerksamen Augen sp\u00e4hten unaufh\u00f6rlich umher oder richteten sich wissend auf ihr Gegen\u00fcber. Selten konnte Gunther bei Frauen nur vom Aussehen auf den Verstand schlie\u00dfen; bei dieser war er sich jedoch sicher, dass sie nichts, was gesagt wurde, verg\u00e4\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wechselten ein paar h\u00f6fliche Floskeln, und Gunther dr\u00fcckte sein Bedauern \u00fcber den Zustand des Schwabenherzogs und den Tod seines Erstgeborenen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh, wisst Ihr\u201c, sagte die Gr\u00e4fin, \u201ewir trauern um den Jungen nur aus Pflichtgef\u00fchl. Er war seit Jahren bei den Hunnen, man h\u00f6rte blo\u00df bei der R\u00fcckkehr der Tributgesandtschaft von ihm, und sonst war er dem Lande fern wie der Priesterk\u00f6nig Johannes oder die Pruzzen im ungeb\u00e4ndigten Norden. Als wir von seinem Tod erfuhren, schien es mehr, als nehme die Geschichte eines Fremden ein Ende. Selbst sein Vater hat nur eine Stunde lang Tr\u00e4nen vergossen, und rief dann den neuen Erben an sein Krankenbett. Euer Herzog ist der Einzige in Schwaben und Burgund, der Burchard besser kannte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, sagte Gunther. \u201eObzwar er, das muss ich gesteh\u2019n, sich nicht zu seinen besten Freunden z\u00e4hlte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4fin fuhr fort: \u201eMehr Schmerz bereitet uns das Leiden unseres Herzogs. Er wird bald sterben \u2013 was dann? Wird sein Sohn den Armen der Mutter entrissen, wird er zum Siegespreis des hochm\u00fctigsten F\u00fcrsten? Wird er aufwachsen in Unruhe, als Spielball der Gro\u00dfen, die ihn alle nur wegen seiner angestammten Rechte sch\u00fctzen, und ihn nichts Gescheites \u00fcber Herrschen und K\u00e4mpfen lehren, damit er auch als Erwachsener angewiesen w\u00e4r auf ihre F\u00fchrung? \u2013 Seine Mutter, meine gute Freundin, f\u00fcrchtet sehr um ihn. \u2013 Sie sprach auch in letzter Zeit, nein, immer schon, sehr beeindruckt von Euch, sch\u00e4tzte Euer B\u00fccherwissen, Eure Demut und Eure N\u00e4chstenliebe. Sie seufzte ab und an sogar, wie lieb\u2019s ihr w\u00e4r, wenn ihr Sohn zu einem Mann wie Ihr heranwachsen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbers\u00fc\u00dfe Schmeichelei! Schm\u00e4hlich, dass ihn alle f\u00fcr derart selbstverliebt hielten, dass sie glaubten, das Rezitieren von Panegyrici auf ihn selber gew\u00e4nne ihnen seine Gunst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls Schwabe braucht er Vorz\u00fcge, wie ich sie nur in geringem Grade besitze\u201c, sagte Gunther. Es freute ihn, wenn er die feinen L\u00fcgengespinste der Schmeichler ohne Verlegenheit zerriss. \u201eEr braucht nicht B\u00fccherwissen, sondern Bodenst\u00e4ndigkeit; er braucht nicht Meister sein im Ausrichten von Festen, sondern im Bewahren t\u00fcchtig verdienter Sch\u00e4tze; er muss nicht mit vielen sch\u00f6nen Worten Nichts zu sagen wissen, sondern klar und stark die Wahrheit benennen k\u00f6nnen. \u2013 Was er als wackerer Schwabe wissen muss, das wird er lernen, ob bei seiner Mutter oder in der Obhut seiner F\u00fcrsten.\u201c Er g\u00f6nnte der Gr\u00e4fin als Entsch\u00e4digung f\u00fcr seine Abweisung sein liebensw\u00fcrdigstes L\u00e4cheln. Sie blinzelte kurz, ehe sie sich vers\u00f6hnt gab und ihn anstrahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErlaubt?\u201c, murmelte er leise, k\u00fcsste ihre Hand und wies dann freundlich zu den musizierenden M\u00e4dchen hin\u00fcber. \u201eIch m\u00f6chte meine Mutter noch alleine sprechen \u2013 wegen der Nachwirkungen einer alten Verletzung aus einer Schlacht.\u201c Er erhob sich, als sie aufstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nachdem die Gr\u00e4fin bei den anderen Platz genommen hatte, setzte er sich wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie sehr freu ich mich, dass du dir einmal f\u00fcr mich Zeit nimmst\u201c, sagte Mutter \u2013 als habe er gerade nichts anderes im Sinn als Geplauder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMutter, warum hat die schw\u00e4bische Herzogin auch noch eine Frau zu uns geschickt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie langte her\u00fcber und zog seinen Umhang glatter hin, damit die Edelsteine auf dem Saum besser das Licht fangen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie ging davon aus, dass ihr Wunsch, den Sohn bei sich zu behalten, bei mir auf Verst\u00e4ndnis sto\u00dfen wird. Sie vermutet auch, dass du und ich wissen, wie wichtig es ist, dass ein heranwachsender F\u00fcrst den Segen m\u00fctterlicher F\u00fcrsorge erfahren darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther zuckte zusammen. \u201eBitte was?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sieht dich als ein erstrebenswertes Vorbild\u201c, fuhr Mutter fort. \u201eDas ist auch v\u00f6llig richtig, denn kein K\u00f6nig vereint mehr Tugenden in sich als du. Sie bewundert das Verh\u00e4ltnis zwischen uns beiden schon seit langem, und den Stellenwert, den sie mir im Herzen meines lieben Gunther zuschreibt, will sie sich selber im Herzen ihres kleinen Hermann bewahren. S\u00f6hne brauchen ihre M\u00fctter auch noch lange, nachdem sie es leugnen. \u2013 W\u00e4ren alle Herrscher wie du, w\u00e4r die Erde ein friedlicher Ort, sagt die Schw\u00e4bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er lehnte sich vor. Er musste seine gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um die Stimme gesenkt zu halten. \u201eSie will mich als F\u00fcrsprecher, weil ich ein Mutters\u00f6hnchen bin?! Weil ich sie wohl darin unterst\u00fctzen w\u00fcrde, wie eine Glucke \u00fcber dem Knaben zu kauern und alle wegzuhacken, die ihr nicht genehm sind? Sie glaubt, dass ich \u2013 oder vielmehr Ihr \u2013 sprechen werd: \u201aDer Junge muss bei seiner Mutter bleiben und ihr immer gehorchen, weil sich das so geh\u00f6rt?\u2019 \u2013 Oh, ich armer Mann, da mein Ruf erb\u00e4rmlich ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mutter nahm seine Hand. \u201eRuhig, mein Stolz seit achtzehn Jahren. Ich stimme ihr vollst\u00e4ndig darin zu, dass mein Sohn ein K\u00f6nig ist, wie jeder sein sollte. Jedoch wei\u00df sie nicht, dass er l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt hat, seine Mutter um ihr Urteil zu fragen, und es bevorzugt, dem Rat von M\u00e4nnern zu folgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie es auch sein muss\u201c, zischte er w\u00fctend. \u201eHabt Ihr mich denn vor der Botin wenigstens verteidigt, ihr gesagt, dass ich nicht von Frauen gelenkt werden kann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sagte nichts, was Grund zu Hoffnung oder Entt\u00e4uschung geben k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist \u2013 gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSei mir nicht b\u00f6se\u201c, raunte Mutter sanft. \u201eIch habe keiner Entscheidung vorgegriffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er presste die Lippen zusammen und nickte. \u201eIch bin nicht auf Euch b\u00f6se, das w\u00e4re ich nie. Aber auf die anderen, dass sie glauben, mich leicht wie ein Werkzeug verwenden zu k\u00f6nnen! Ich bin nicht v\u00f6llig willenlos, nein!\u201c Er stand abrupt auf. Weil das der sp\u00e4h\u00e4ugigen Schw\u00e4bin nicht entgangen war, schloss er seine Mutter daf\u00fcr umso hingebungsvoller in die Arme, um jeglichen Verdacht, er sei verstimmt, zu zerstreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach durchquerte er die Kemenate mit schnellen Schritten, beachtete nur Kriemhild, indem er ihr kurz zublinzelte, und rief erst an der T\u00fcr ein allgemeines \u201eAuf bald\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zorn, bis jetzt noch m\u00fchevoll gez\u00e4hmt, brodelte nun sch\u00e4umend auf. Heuchlerisch rief man ihn als Schiedsrichter an, und wollte ihn \u00fcber seine Mutter zum F\u00fcrsprecher formen! Die Weiber woben listig ihre R\u00e4nke, und glaubten, ihn, den unbedarften Braven, frech drin einzuspinnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Er sprang die paar Stufen in den Hof hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>An ihrem Ende stand Hagen, aufrecht und steinern, und wartete offenbar auf ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHervorragend, dass du da bist\u201c, sagte Gunther, \u201eich h\u00e4tte dich ohnehin gerade herbestellt. \u2013 H\u00f6r zu, du wirst es kaum glauben k\u00f6nnen: Ich wei\u00df jetzt, warum die Schwaben sich an mich wenden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er wandte sich Richtung Hoftor und verlie\u00df die Pfalz. W\u00e4hrend sie durch Worms\u2019 Gassen gingen, angetrieben von Gunthers Aufregung, erz\u00e4hlte er auf Latein, was er eben erfahren hatte. B\u00fcrger und G\u00e4ste begr\u00fc\u00dften sie freudig; ohne innezuhalten, wechselte Gunther dann jedes Mal ins Deutsche, sagte mit Bescheidenheit: \u201eHabt vielen Dank\u201c, oder \u201eGottes Segen, liebe Untertanin\u201c, und fiel drauf ins emp\u00f6rte Latein zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen nahm die Gl\u00fcckw\u00fcnsche der Leute mit huldvoller Geste hin und h\u00f6rte schweigend zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten schon die halbe Strecke Wegs bis zum Rheinufer zur\u00fcckgelegt, als Gunther zum Ende kam. \u201eDas denken sie also von mir!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Fern von neugierigen Augen und Ohren nahm sich Hagen nicht l\u00e4nger zusammen. \u201eDass sich gar die Weibsbilder in die F\u00fchrung des Reiches einmischen wollen! Frevelhaft und t\u00f6richt! Oh, den n\u00e4chsten Boten, der mit seinem Weib hier eintrifft, werd ich mit Hunden vom Hof hetzen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Ritter kamen von hinten angetrabt. Hagen verstummte, bevor sie nahe genug heran waren, um etwas mitzuh\u00f6ren. Als sie auf ihrer H\u00f6he angelangten, riefen die Ritter ein herzliches Gr\u00fc\u00df Gott. Gunther und Hagen erwiderten es mit scheinbar ungetr\u00fcbter Heiterkeit; drauf schwiegen sie, bis die beiden weit genug voraus waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch seid unbesorgt, mein Herr\u201c, sagte Hagen pl\u00f6tzlich gem\u00e4\u00dfigt, \u201eich wei\u00df es wohl einzurichten, dass Ihr in Schwaben ganz nach Eurem Gutd\u00fcnken richten k\u00f6nnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten den wei\u00dfen Strand nun erreicht. Heute Nachmittag w\u00fcrde hier der Buhurt stattfinden; ein pr\u00e4chtiges Schauspiel f\u00fcr ein rauschendes Fest, wie es sich geziemte. Entlang des Strands, dem Ufer gegen\u00fcber, war die Trib\u00fcne errichtet worden; am n\u00f6rdlichen Ende des Platzes standen die bunten Zelte der gro\u00dfen G\u00e4steschar. Zw\u00f6lf Dutzend Fahnen, so viele wie F\u00fcrsten und Ritter erschienen waren, hingen an ihren Stangen entlang des Platzes und wiegten sich im sanften Wind nur m\u00fcde und schwerf\u00e4llig hin und her.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jungen Kerle, die allzu kampfbegierigen, hatten sich bereits heute Morgen zum Stechen verabredet, sprengten auf ihren R\u00f6ssern \u00fcber den Sand und brachen Lanze um Lanze. Kleine Gruppen von Zuschauern verfolgten das Treiben: Es waren haupts\u00e4chlich Niederadlige oder Ministerialen, alte B\u00fcrgersleute oder junge B\u00fcrgerst\u00f6chter, die ihre m\u00fc\u00dfigen Stunden mit Begeisterung den k\u00fchnen Reitern widmeten. So gebannt waren die Scharen, dass sie ihren K\u00f6nig und seinen Herzog nicht einmal bemerkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz am Rande des Platzes st\u00fctzten Gunther und Hagen sich auf die h\u00f6lzerne Absperrung. Zehn Schritte zu ihrer Rechten kicherte und schw\u00e4rmte eine Handvoll M\u00e4dchen, begleitete jede Bewegung ihrer Lieblingsritter mit ausf\u00fchrlichen Lobreden, und schirmte sie von der Aufmerksamkeit der anderen bestens ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch z\u00f6ge es vor, mich aus der Schwabensache herauszuhalten\u201c, sagte Gunther. \u201eWenn ich nur wegen meiner angeblichen Nutzlosigkeit um Hilfe gerufen werde, erf\u00fcll ich die Erwartungen allzu gerne.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGebt nichts auf das Gerede der Herzogin; ich und alle Vern\u00fcnftigen kennen Eure Gr\u00f6\u00dfe. \u2013 Doch in dieser Sache muss gehandelt werden! Uns \u00f6ffnet sich eine T\u00fcr zu mehr Macht und Einfluss \u2013 Ihr m\u00fcsst nur hindurchgehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer sich in anderer L\u00e4nder Verh\u00e4ltnisse einmischt, spielt mit dem Feuer. Ich glaube kaum, dass uns die Schwaben als Retter empfangen werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEmpfangen nicht, doch wieder verabschieden. Ich habe einen Plan, wie wir alles zum Besten Burgunds wenden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonders wilder Ritter f\u00fchrte seinen Lanzensto\u00df so schwungvoll, dass der Widersacher sich nach dem Aufprall noch dreimal \u00fcberschlug. Unter dem anerkennenden Gejohle der M\u00e4nner fegte der Sieger zwei Runden \u00fcber den Sand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu meinst, dass unser Eingreifen ein gutes Ende haben w\u00fcrde?\u201c, fragte Gunther verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich, sonst w\u00fcrd ich\u2019s Euch nicht raten. Wagemutige Abenteuer mit ungewissem Ausgang werd ich Euch niemals vorschlagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rechts am Rand brach Aufruhr aus, als zwei Ritter zu Fu\u00df in Streit gerieten und sich ein paar Faustst\u00f6\u00dfe versetzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4dchenschar verfiel in Wehklagen, die M\u00e4nner dagegen feuerten den Zwist bereitwillig an. Erst als einer von beiden zum Schwert griff, sprangen die anderen K\u00e4mpfer heran und trennten die Streiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst das einer meiner Lehnsmannen? Ich erkenn ihn nicht von hier aus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Richard von Silberquell.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGut zu wissen, dass er ein Hitzkopf ist. \u2013 Vertraut mir, Herr, dass Ihr kein Scheitern zu bef\u00fcrchten braucht. Und seid unbesorgt; den Willen der Schwabenherzogin erf\u00fcllen wir nicht.\u201c Er lehnte sich zu Gunther und sagte ihm seinen Plan. Als Hagen geendet hatte, blickte er ihn mit f\u00fcchsischer Erwartung an und zweifelte kein bisschen an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther seufzte. \u201eAber ich dachte doch, wir w\u00fcrden die ersten paar Jahre nur friedlich vor uns hinregieren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Lauf der Zeit erlaubt uns niemals ein ruhiges Dahinfahren auf stillem Gew\u00e4sser. Vielmehr muss ein K\u00f6nig wie der Seefahrer die Gezeiten kennen und die Winde, zu seinem Vorteil beide nutzen, und wenn der Wind ihn zu den K\u00fcsten des Erfolges mit ihrem reichen Hafen treiben kann, dann gebieten es Voraussicht und Pflicht, die Segel zu setzen, bevor andere in den Hafen fahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Ritter griffen einander gleichzeitig an. Die Splitter stoben bis zu den Fahnen hoch, und einer musste gar bis zu den B\u00fcrgerm\u00e4dchen geflogen sein, denn eine Braunhaarige, etwas beleibtere b\u00fcckte sich und rief, ihre Errungenschaft hochhaltend: \u201eSchaut her! Ein Splitter vom sch\u00f6nsten Ritter!\u201c Die anderen wandten sich zu ihr herum, fielen verz\u00fcckt in ihr Frohlocken ein \u2013 da stie\u00df eine Blonde ein schrilles \u00c4chzen aus und schlug die H\u00e4nde vor den Mund. Die Freundinnen folgten ihrem Blick. \u201eDer K\u00f6nig!\u201c, wisperten sie \u00fcberlaut, \u201eund der Herzog!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz steckten sie die K\u00f6pfe zusammen, dann kamen sie her, die mutigsten vorneweg, die versch\u00fcchterten etwas langsamer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLieber K\u00f6nig\u201c, riefen sie durcheinander mit flirrend hohen Stimmen, \u201ewir wollen nur sagen, dass wir Euch wirklich gernhaben!\u201c Ein paar verstummten, verzagt wegen Hagens eisiger Unnahbarkeit; die anderen lie\u00dfen sich jedoch nicht ersch\u00fcttern und setzten hinzu: \u201eEuch auch, Herzog!\u201c Die Allerk\u00fchnste erkl\u00e4rte gar, dass sie es \u00fcberm\u00e4\u00dfig freue, dass man nun statt des ganz, ganz alten einen jungen Herzog habe. Gegen Ende des Satzes ging ihr die Luft aus. Verlegen zupften die M\u00e4dchen an ihren Z\u00f6pfen, scharrten mit den F\u00fc\u00dfen und wussten auf einmal nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther bedankte sich bei ihnen, Hagen neigte sich ritterlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fcchternen der Gruppe waren auch die umsichtigeren, zogen die Freundinnen am \u00c4rmel und machten schon die ersten Schritte r\u00fcckw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann st\u00f6ren wir Euch nicht weiter\u201c, sagte die beherzte Blonde, und die Schar huschte wieder zur\u00fcck an ihren alten Platz. Dort verfielen sie in entz\u00fccktes Getuschel. Auch die K\u00e4mpfer und die \u00fcbrigen Zuschauer hatten inzwischen erkannt, wessen Anwesenheit sie ehrte; die Ritter gaben sich darum besonders k\u00fchn und stritten umso verbissener um den Sieg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOhne Eure Erlaubnis werd ich nichts beginnen\u201c, sagte Hagen, \u201edoch wenn Ihr es gestattet, dann werde ich Euch Ruhm gewinnen und in Eurem Namen dem Schwabenland die Eintracht zur\u00fcckgeben. Bitte, lieber Herr, habt Vertrauen zu mir und lasst mich f\u00fcr Euch Gro\u00dfes tun. Ich habe den Mut, zu gehorchen, wenn Ihr den Mut habt, zu befehlen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther schaute zur k\u00f6niglichen Fahne hinauf. Sie war von allen die schwerste, reich beladen mit der funkelnden Pracht ihrer Steine, und brachte der unsichtbaren Kraft des Windes am meisten Widerstand entgegen. \u201eDoch falls es misslingt \u2026\u201c, fl\u00fcsterte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann trag ich die Schuld, und ich trag sie so treu, dass kein Auge es jemals wagen wird, sich anklagend auf <em>dich<\/em> zu richten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther lie\u00df die Schultern sinken. Deshalb hatte er ja seit Monaten danach getrachtet, Hagen Amt und Macht zu verleihen, damit er ihn leite in allen Wirrnissen der Herrschaft. Er musste seiner F\u00fchrung folgen. \u201eEs sei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch danke Euch, mein K\u00f6nig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste K\u00e4mpferpaar fand sich zur Tjoste; ein gl\u00fccklicher Lanzensto\u00df des einen warf den andern wuchtig aus dem Sattel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht nur das\u201c, sagte Gunther heftig. \u201eAu\u00dferdem reite ich heute beim Buhurt mit. \u2013 Ich will den Zweiflern zeigen, wer der Herr ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2>Erl\u00e4uterungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Szene findet am Tag nach der Belehnung statt, also gleich im Anschluss an das Ende von Band 3.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Absatz denkt Gunther dar\u00fcber nach, dass er nun <em>\u201ewohlgewappnet\u201c<\/em> sei f\u00fcr die M\u00fchen der Herrschaft.<br>Dies bezieht sich nat\u00fcrlich auf Hagens Unterst\u00fctzung, die durch die Belehnung jetzt einen \u201elegitimen\u201c Status erhalten hat. <em>Consilium et auxilium<\/em>, Rat und Hilfe, waren die wichtigsten Pflichten, die ein Lehnsmann seinem Herrn schuldete. Dass Gunther auf Hagens Rat h\u00f6rt, ist nach mittelalterlicher Ansicht also keine Schw\u00e4che, sondern korrekte Herrschaftsf\u00fchrung. Allerdings war es nicht gern gesehen, wenn ein K\u00f6nig in allen Fragen nur <em>einem<\/em> folgte. Dies ist ein Kritikpunkt, den die F\u00fcrsten im Laufe dieser Geschichte auch noch \u00e4u\u00dfern werden \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEr fasste die Lehnen des Throns mit sich\u2019rer Hand\u201c:<\/em> Das ist eine abgewandelte Anspielung auf den Text der \u00f6sterreichischen Kaiserhymne, wo es hei\u00dft \u201eF\u00fchr\u2019 er uns <em>mit weiser Hand<\/em>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielen <em>Apostrophen<\/em>: Wenn eine Silbe entf\u00e4llt, setze ich oft einen Apostrophen. Dies kommt daher, dass ich fr\u00fcher sehr viele Versdramen las (oder selber schrieb) und Silbenz\u00e4hlen bei mir praktisch automatisch stattfindet. Tut mir leid, falls das den Lesefluss f\u00fcr manche hemmt. Mich rei\u00dft eine Silbe zu viel oder zu wenig immer gleich aus dem Rhythmus, darum ist mir das halt wichtig. Sorry!<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eRauschendes Fest\u201c<\/em>: Diese Formulierung erinnert mich jedes Mal an den Brautchor in \u201eLohengrin\u201c, wo es hei\u00dft: \u201eRauschen des Festes seid nun entronnen\u201c. Wagner-Anspielungen gibt es hier ja immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war meine Absicht, die Figuren viel <em>zwischen den Zeilen<\/em> sprechen zu lassen. Vordergr\u00fcndig h\u00f6flich \u2013 implizit ein Vorwurf, eine Mahnung usw. Inwieweit mir das gelungen ist? Keine Ahnung. Machen wir weiter!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Siegmund von Xanten<\/em>: Das ist der Vater von Siegfried. Gleich zu Anfang des Epos warnt er Siegfried vor Gunther und Hagen. Also ist es vielleicht erlaubt, wenn ich ihn mit ihnen agieren lasse und zeige, wie er zu seiner Meinung \u00fcber diese beiden kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nebul\u00f6se \u201eWarnung\u201c, die Siegmund durch seinen Boten aussprechen l\u00e4sst, ist eigentlich zu subtil. Die Herausstreichung der Weisheit von Hagens Vorg\u00e4nger ist vielleicht ein leichter Affront und zugleich Aufforderung, sich, modern gesagt, politisch verl\u00e4sslich zu zeigen, mit Augenma\u00df usw. Ich schrieb das 2021 und fand das damals super.<br>Hagen zumindest erkennt diese Warnung. Seine sonst \u00fcberwiegend h\u00f6fliche Antwort enth\u00e4lt deshalb auch eine kleine Spitze: dass die Weisheit seinen Vater <em>vor<\/em> dem Leben verlie\u00df. Damit ist der alte Herzog, den Siegmund ihnen als nachahmenswert vorh\u00e4lt, in seiner Vorbildfunktion ein wenig beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob es deutlich wird, aber beim Schreiben beabsichtigte ich, zu zeigen, dass Gunthers neue Selbstsicherheit sich auf die einfachen Aufgaben seines Amtes beschr\u00e4nkt: wenn er brav einen Gru\u00df sagen und ungef\u00e4hrlichen Smalltalk machen kann. Sobald es schwieriger wird, z.B. bei den verhohlenen Warnungen des Xantener Boten, springt Hagen ein. Im Laufe des Buches wird Gunther allerdings noch etwas besser im Umgang mit schwierigen Situationen werden. Ein Virtuose der Macht wird er jedoch nie: Diese Rolle ist schon vergeben \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Graf von Sigmaringen<\/em>: Ich wollte erst eine erfunde Grafschaft nehmen, doch dann entschied ich mich f\u00fcr das echte Sigmaringen, in dessen Landkreis ich \u00fcbrigens wohne.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Burchard und Hermann von Schwaben<\/em>: Es wurden ganz bewusst Namen ausgew\u00e4hlt, bei denen man gleich \u201eSchwabenland\u201c denkt. Es gab mehrere schw\u00e4bische Herz\u00f6ge dieser Namen. Ein weiterer bekannter Tr\u00e4ger des Namens Hermann ist der M\u00f6nch Hermann der Lahme aus Altshausen, Chronist auf der Reichenau, gestorben 1054. Ich war auch schon \u00f6fter in Altshausen, einmal sogar in der Schlosskirche, wo man seine Sch\u00e4delreliquie sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gunther die unwichtigen Adligen entl\u00e4sst und nur die wichtigen bleiben d\u00fcrfen, z\u00e4hlt er alle Namen der noch Anwesenden auf. Bis auf Hagen. Dass der dableibt, versteht sich f\u00fcr Gunther schon von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Streit um einen unm\u00fcndigen Herrscher<\/em>, den die F\u00fcrsten seiner Mutter wegnehmen wollen, ist nat\u00fcrlich inspiriert vom jungen Heinrich IV. und seiner Mutter Agnes.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWehe dem Land, dessen K\u00f6nig \u2013 oder Herzog \u2013 ein Kind ist\u201c<\/em>: Siehe Prediger 10,16<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gefasel, dass ein Schwabe lernen muss, wie man <em>sparsam<\/em> sei und so weiter ist nat\u00fcrlich ein totales Klischee.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffentlich versteht man, warum Gunther sich \u00e4rgert: Die Herzogin von Schwaben denkt, dass er sehr mit seiner Mutter verbunden sei. Sie meint, er w\u00fcrde deshalb sofort eingreifen, wenn jemand einen Sohn von der Mutter trennen wolle. Sie glaubt, er w\u00fcrde sagen: \u201eIch brauche meine liebe Mutter und ihre F\u00fchrung; jeder andere braucht das auch. Das geht nicht an, dass einer die Schw\u00e4bin von ihrem Kind trennt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e\u2026 dass er es bevorzugt, dem Rat von M\u00e4nnern zu folgen\u201c<\/em>: Ute verwendet hier nur aus H\u00f6flichkeit den Plural. Eigentlich meint sie \u201edem Rat eines Mannes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther und Hagens Gezeter \u00fcber die Frauen, die sich erfrechen, in der Politik mitmischen zu wollen, ist nat\u00fcrlich sehr gemein. Patriarchat eben.<br>Ich k\u00f6nnte hier kurz anf\u00fcgen, dass die Herrscherinnen in der Zeit der Ottonen und Salier eine m\u00e4chtigere Stellung innehatten als in der Stauferzeit, erkennbar zum Beispiel an der H\u00e4ufigkeit, in der sie in Urkunden als F\u00fcrsprecherin genannt werden und so. (F\u00fcr sp\u00e4ter: Bitte noch irgendwann ein Buch meiner Sammlung als Quelle einf\u00fcgen!) Die Worms-Welt ist von der Stauferzeit inspiriert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201ewerd ich mit Hunden vom Hof hetzen\u201c<\/em>: Im Nibelungendrama von Friedrich Hebbel l\u00e4sst Hagen einmal die Boten vom Hof hetzen. Der Merowingerk\u00f6nig Guntram (herrschte \u00fcber das Teilreich Burgund), lie\u00df laut Gregor von Tours ebenfalls Boten unh\u00f6flich vertreiben. (F\u00fcr sp\u00e4ter: Bitte noch die Quellenangabe f\u00fcr die Guntram-Sache anf\u00fcgen!)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gr\u00fc\u00df Gott<\/em>: k\u00f6nnte f\u00fcrs Mittelrheintal um Worms zu s\u00fcdlich sein. Ich fand\u2019s trotzdem s\u00fc\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Fahnen mit ihren obligatorischen Edelsteinen<\/em>: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob mittelalterliche Fahnen frei h\u00e4ngen wie die Fahnen in den Vorg\u00e4rten zur WM-Zeit, oder ob sie an einem Querbalken h\u00e4ngen. Vexillologin sollte man sein \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch habe den Mut zu gehorchen, wenn Ihr den Mut habt zu befehlen\u201c<\/em>: Das erste Bismarck-Zitat in Worms 4! Bismarck zu Friedrich Wilhelm I.: <em>\u201eIch habe den Muth zu gehorchen, wenn E.M. den haben zu befehlen\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Schwert und sein Schild Unten stehen Erl\u00e4uterungen. Das Kapitel ist ziemlich lang, 5000 W\u00f6rter, das ist oberer Durchschnitt f\u00fcr die Kapitel in Romanen. &#8222;Sein Schwert und sein Schild&#8220; ist der Titel des Kapitels. 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