{"id":1476,"date":"2023-02-11T17:39:47","date_gmt":"2023-02-11T16:39:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=1476"},"modified":"2023-03-11T15:32:34","modified_gmt":"2023-03-11T14:32:34","slug":"ich-habe-ein-buch-gelesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2023\/02\/11\/ich-habe-ein-buch-gelesen\/","title":{"rendered":"Ich habe ein Buch gelesen"},"content":{"rendered":"\n<p>Das ist ja an sich nichts Besonderes. Allerdings war das Buch, um das es hier geht, auf Italienisch \u2013 und meine Italienischkenntnisse (wenn man sie denn so nennen m\u00f6chte), sind \u00fcberaus mager. Tats\u00e4chlich hatte ich mir nur ein ganz klein wenig Lesekompetenz angeeignet; was ich bisher gelesen hatte, beschr\u00e4nkte sich deshalb auf ein paar mir schon bekannte B\u00fccher auf Italienisch, ein paar selbstverlegte Romane, sowie ein halbes Buch \u00fcber Graf Cavour und den Anfang eines Buches zum Risorgimento.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar aber habe ich diese kargen Kenntnisse zum ersten Mal richtig einsetzen m\u00fcssen (eigentlich wollen, denn es bestand ja kein Zwang). Gleich am Erscheinungstag lud ich mir &#8222;Nient&#8217;altro che la verit\u00e0. La mia vita al fianco di Benedetto XVI&#8220; von Erzbischof Georg G\u00e4nswein auf den Kindle. Damals war noch nicht bekannt, ob das Buch auch auf Deutsch erscheinen w\u00fcrde \u2013 doch da ich sofort wissen wollte, was darin steht, musste ich mich eben ans Italienische wagen. Also habe ich mich durchgearbeitet, langsam, aber unaufh\u00f6rlich. Innerhalb von sieben Tagen hatte ich es fertiggelesen, alle 320 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine gro\u00dfe Herausforderung, aber es machte auch viel Freude. Besonders gefiel es mir, wenn ich einen Satz las, zun\u00e4chst erst gar nichts verstand, und sich beim tiefergehenden Untersuchen der W\u00f6rter der Sinn dann doch noch heraussch\u00e4lte \u2013 oft, indem ich die Verwandtschaft des jeweiligen Wortes zu seinen Entsprechungen in anderen Sprachen erkannte. Es war, wie wenn man ein schwieriges R\u00e4tsel l\u00f6st.<br>Gegen Ende habe ich gemerkt, dass sich eine gewisse Verbesserung bez\u00fcglich Geschwindigkeit und Verst\u00e4ndnis eingestellt hatte.<br>Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass es nichts Besonderes ist, ein Buch in einer Sprache zu lesen, die man nicht gelernt hat; jeder andere Mensch, der in der Schule wie ich Spanisch hatte, oder wie manche Leute Latein, k\u00f6nnte dieses Buch genauso lesen und selbstverst\u00e4ndlich noch viel schneller!<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Meine Lieblingsstellen aus dem Buch, aus dem Ged\u00e4chntis schnell festgehalten:<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Als Kardinal hatte Joseph Ratzinger einen Organspendeausweis. Erst als er Papst wurde, musste er ihn aufgeben, da die Leute im Vatikan dies nicht mit seinem neuen Amt f\u00fcr vereinbar hielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den elektrischen Rollstuhl, den der Papst seinem Bruder Georg geschenkt hatte, benutzte er nach Georgs Tod selber.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum &#8222;Tag des Alters&#8220; hielt Franziskus eine Rede im Vatikan und erkl\u00e4rte dabei, wie sehr er sich freue, dass Benedikt hier lebe: Es sei, als ob der alte weise Gro\u00dfvater mit im Haus wohne. Benedikt zeigte sich dankbar f\u00fcr diesen wertsch\u00e4tzenden Kommentar, sagte aber zu G\u00e4nswein mit sanftem Humor, dass Franziskus auch &#8222;gro\u00dfer Bruder&#8220; h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen: Schlie\u00dflich sei er nur 9 Jahre j\u00fcnger als Benedikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Joseph Ratzinger am 19. April 2005 zum Konklave schritt, wurde er wie am Vortag von Georg G\u00e4nswein begleitet (jeder Kardinal darf bekanntlicherweise einen Begleiter mitnehmen). Er sagte zu G\u00e4nswein, dass es ihn gestern in der Sixtinischen Kapelle, wo die Wahl stattfand, gefroren hatte, und dass er deshalb einen Pullover unter dem purpurroten Talar trug. Es schlie\u00dfen sich G\u00e4nsweins bewegende Schilderungen des Wartens an und dann die Spannung unter den Begleitern und sonstigen Amtsinhabern, als klar ist, dass der neue Papst feststeht! (Das war sooo spannend, obwohl ich den Ausgang schon kannte :-D). G\u00e4nswein bekam eine pl\u00f6tzliche Eingebung: Er ging zum p\u00e4pstlichen Zeremonienmeister und sagte ihm: &#8222;Falls Ratzinger Papst ist, denken Sie daran, dass er den schwarzen Pullover auszieht, bevor er die p\u00e4pstlichen Gew\u00e4nder anlegt!&#8220; \u2013 Im \u00dcberschwang der Gef\u00fchle wurde das allerdings wieder vergessen, und deshalb sieht man auf den ersten Fotos des neuen Papstes unter seinen wei\u00dfen \u00c4rmeln den schwarzen Pullover hervorblitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch eine Anekdote aus dem Konklave:<br>Man hat sp\u00e4ter gemutma\u00dft, dass Joseph Ratzinger seine Stimme dem Erzbischof von Bologna gab, bei jedem Wahlgang, auch dann noch, als die anderen begannen, ihre Stimme nur noch den aussichtsreichsten Kandidaten zu geben. Nach dem dritten Wahlgang wurde das Mittagessen eingenommen, und w\u00e4hrenddessen ereiferte sich der Erzbischof von Bologna: &#8222;Ich m\u00f6chte wissen, wer mich da immer w\u00e4hlt! Wenn ich rauskriege, wer das ist, dann hau ich dem eine rein!&#8220;<br>Ein anderer Bischof hatte die Sache schneller durchschaut und erwiderte: &#8222;Aber das geht doch nicht! Wie es scheint, ist derjenige, der Sie w\u00e4hlt, der k\u00fcnftige Heilige Vater. Wollen Sie dem Heiligen Vater eine reinhauen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr, sehr ber\u00fchrend schilderte Erzbischof G\u00e4nswein die Momente nach der Wahl, als alle wussten, wer der neue Papst ist.<br>Kardinal Sch\u00f6nborn sagte am Tag danach etwas sehr Ergreifendes \u00fcber Benedikts verstorbene Schwester Maria. \u2013 Sie hatte Anfang November 1991 einen Schlaganfall erlitten und ist einen Tag sp\u00e4ter verstorben. Ihr kleiner Bruder Joseph, dem sie den Haushalt machte, hatte einen Monat fr\u00fcher, Ende September 1991, einen leichten Schlaganfall erlitten, von dem er sich schnell wieder erholte. \u2013 Kardinal Sch\u00f6nborn sagte dem neuen Papst: &#8222;Heiliger Vater, w\u00e4hrend Ihrer Wahl habe ich oft an Ihre Schwester gedacht und habe mich gefragt, ob sie Gott gebeten hat, dass er ihr eigenes Leben nehme und das ihres Bruders verschone.&#8220; Und Benedikt hat leise geantwortet: &#8222;Das glaube ich auch.&#8220;<br>Ein Einschub aus &#8222;Licht der Welt&#8220;: Noch im Jahre 2010 trug Benedikt die Uhr, die ihm seine Schwester nach ihrem Tod hinterlassen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Georg G\u00e4nswein schwor Benedikt gleich nach der Wahl Treue &#8222;in vita et in morte&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies waren meine liebsten Stellen aus dem Buch, ergreifende, heitere, traurige und sch\u00f6ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fand ich ein paar Tage sp\u00e4ter heraus, dass der Papst ein neues Buch ver\u00f6ffentlich hat, posthum. Es handelt sich gewisserma\u00dfen um sein geistiges Testament, und auf ausdr\u00fccklichen Wunsch des Papstes ist es nicht auf Deutsch erschienen, da sich jedes Mal ein m\u00f6rderisches Geschrei erhebe, wenn ein Wort von ihm ver\u00f6ffentlich wird. Stattdessen lie\u00df er die Texte aus dem Deutschen ins Italienische \u00fcbersetzen. Ja, da wusste ich, was ich als n\u00e4chstes lese, und so kam es, dass ich dieses Jahr bereits ZWEI B\u00fccher gelesen habe in einer Sprache, die ich nie gelernt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ja an sich nichts Besonderes. Allerdings war das Buch, um das es hier geht, auf Italienisch \u2013 und meine Italienischkenntnisse (wenn man sie denn so nennen m\u00f6chte), sind \u00fcberaus mager. 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