{"id":139,"date":"2017-12-05T15:30:24","date_gmt":"2017-12-05T14:30:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/?p=139"},"modified":"2020-12-12T19:05:57","modified_gmt":"2020-12-12T18:05:57","slug":"majestaet-und-wie-man-ihn-anreden-soll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/2017\/12\/05\/majestaet-und-wie-man-ihn-anreden-soll\/","title":{"rendered":"Majest\u00e4t und wie man Ihn anreden soll"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-170 alignleft\" src=\"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann-300x300.png 300w, http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann-150x150.png 150w, http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann-768x768.png 768w, http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann-624x624.png 624w, http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kaiser-Johann.png 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Dass ein Kaiser oder K\u00f6nig mit &#8222;Majest\u00e4t&#8220; angeredet wurde, ist allgemein bekannt. Aber dann geht es schon los: Sagte man: &#8222;Majest\u00e4t, Sie sehen heute sehr sch\u00f6n aus?&#8220; oder &#8222;Majest\u00e4t, Ihr seht heute sehr sch\u00f6n aus?&#8220; oder &#8222;Euer Majest\u00e4t sehen sch\u00f6n aus&#8220; oder oder oder?<br \/>\nUnd wie ist es mit der Anrede in Briefen? Konnte ein Kanzler seinem Kaiser nach einer respektvollen Anrede einfach schreiben: &#8222;Majest\u00e4t, tausendmal habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie nicht auf die Einfl\u00fcsterungen Ihrer allerh\u00f6chsten Gattin h\u00f6ren sollen, die hat doch keine Ahnung von Politik!&#8220; Oder m\u00fcsste man schwerf\u00e4llig schreiben: &#8222;Majest\u00e4t, tausendmal habe ich Eurer Majest\u00e4t schon gesagt, dass Euer Majest\u00e4t nicht auf die Einfl\u00fcsterungen Ihrer Majest\u00e4t h\u00f6ren sollen, Ihre Majest\u00e4t haben doch keine Ahnung von Politik!&#8220;?<\/p>\n<p>Singular? Plural? &#8222;Sie&#8220; oder immer &#8222;Euer Majest\u00e4t&#8220;?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hing es vom Kontext ab und von der Art der Kommunikation, wie man den Kaiser anzureden hatte. Schauen wir es uns genauer an mit Beispielen aus dem 19. Jahrhundert!<\/p>\n<h2>Wenn man dem Kaiser schreibt<\/h2>\n<p>In Briefen an den Kaiser\/K\u00f6nig wurde niemals &#8222;Sie&#8220; verwendet. Jedes &#8222;Sie&#8220; wurde durch &#8222;Eure Majest\u00e4t&#8220; oder eine \u00e4hnlich ehrf\u00fcrchtige Formulierung ersetzt. Die Pluralform wurde beibehalten.<\/p>\n<p>Lassen wir die Zeitgenossen zu Wort kommen:<\/p>\n<p>Bismarck an K\u00f6nig Wilhelm, 24. Dezember 1864<\/p>\n<p>&#8222;Ew. Majest\u00e4t<br \/>\nsage ich meinen ehrfurchtsvollen und w\u00e4rmsten Dank daf\u00fcr, da\u00df Allerh\u00f6chstdieselben meiner heut in Gnaden gedacht haben. M\u00f6ge Gott mir soviel Kraft geben, als ich guten Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majest\u00e4t mir als ein lebensl\u00e4nglich theures Andenken heut schenkten, nach Allerh\u00f6chst Ihrem Willen zum Heile unsers Vaterlandes zu f\u00fchren.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nIn tiefster Ehrfurcht und unwandelbarer Treue ersterbe ich<br \/>\nEw. Majest\u00e4t<br \/>\nallerunterth\u00e4nigster<br \/>\nv. Bismarck&#8220;<\/p>\n<p>Man beachte die Gru\u00dfzeile! Ein lahmes &#8222;Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen&#8220; reicht f\u00fcr einen K\u00f6nig nicht aus!<\/p>\n<p>(Wilhelm hatte ihm am selben Tag geschrieben: &#8222;Ich sende Ihnen gerade diesen Stock, damit Sie sich beim Anblick dieses Kranzes stets erinnern, da\u00df Sie es gewesen, welcher diese Lorbeeren gepflanzt hat &#8230;&#8220;)<\/p>\n<p>Bismarck an K\u00f6nig Wilhelm, 18. Dezember 1864<\/p>\n<p>&#8222;Ew. Majest\u00e4t<br \/>\nmelde ich allerunterth\u00e4nigst, da\u00df ich dem Feldmarschall Allerh\u00f6chstdero Befehle m\u00fcndlich mitgetheilt habe. Derselbe forderte mich dabei auf, bei Ew. Majest\u00e4t die Frage einer Amnestie in Anregung zu bringen. &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wie man sieht: W\u00e4hrend der Untertan verpflichtet war, mit Formulierungen wie Allerh\u00f6chstdero etc. die Verwendung der Pronomen zu umschiffen, durfte der Monarch ihn einfach mit &#8222;Sie&#8220; anschreiben. Der Kaiser brauchte nicht einmal die \u00fcblichen Anreden seiner Untertanen (Exzellenz, Erlaucht, Durchlaucht etc.) verwenden. Wilhelm schrieb sp\u00e4ter an Bismarck immer freundlich: &#8222;Mein lieber F\u00fcrst!&#8220;<\/p>\n<h2>Wenn man mit dem Kaiser spricht<\/h2>\n<p>Der Kaiser musste nicht st\u00e4ndig mit &#8222;Eure Majest\u00e4t&#8220; angeredet werden; die Verwendung von &#8222;Sie&#8220; in Verbindung mit einem gelegentlichen &#8222;Majest\u00e4t&#8220; war durchaus gel\u00e4ufig. Das galt f\u00fcr Diener genauso wie f\u00fcr hochrangige Politiker.<\/p>\n<p>Das bekannte Gespr\u00e4ch zwischen Wilhelm I. und Bismarck nach der &#8222;Eisen-und-Blut-Rede&#8220; im Jahre 1862 soll das verdeutlichen:<br \/>\nWilhelm: &#8222;Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas sp\u00e4ter mir.&#8220;<br \/>\nBismarck (der die Anspielung an Louis XVI. nat\u00fcrlich verstanden hatte): &#8222;Et apr\u00e8s, Sire?&#8220;<br \/>\nWilhelm: &#8222;Ja, apr\u00e8s, dann sind wir tot!&#8220;<br \/>\nBismarck: &#8222;Ja, dann sind wir tot, aber sterben m\u00fcssen wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter doch, und k\u00f6nnen wir anst\u00e4ndiger umkommen? Ich selbst im Kampfe f\u00fcr die Sache meines K\u00f6nigs, und Ew. Majest\u00e4t, indem Sie Ihre k\u00f6niglichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eignen Blute besiegeln &#8230;&#8220;<\/p>\n<h2>Wenn offizielle Organe\/staatliche Amtstr\u00e4ger \u00fcber den Kaiser sprechen\/schreiben<\/h2>\n<p>Der Hof und die Ministerien mussten ihrem Herrscher Respekt zollen; das schlug sich auch in der Formulierung entsprechender Schriftst\u00fccke und Reden nieder. In offiziellen Dokumenten oder Verlautbarungen schrieb man &#8222;Seine Majest\u00e4t&#8220; in Verbindung mit der Pluralform des Verbs. In Reden wurde auch die Singularform verwendet. Das Pronomen wird immer gro\u00dfgeschrieben. (Das galt auch, wenn Angeh\u00f6rige der Herrscherfamilie \u00fcber den Herrscher schrieben.)<\/p>\n<p>Ein Bulletin, am Berliner Palais ausgeh\u00e4ngt am 8. M\u00e4rz 1888 \u00fcber den Gesundheitszustand von Wilhelm I., hatte den Text:<br \/>\n&#8222;Der Schw\u00e4chezustand Sr. Majest\u00e4t des Kaisers dauert fort. Se. Majest\u00e4t nehmen ab und zu etwas Wein und fl\u00fcssige Nahrung zu sich. Im Ganzen ist der Zustand ruhiger.&#8220;<\/p>\n<p>Die Bekanntmachung des Staatsministeriums \u00fcber den Tod von Kaiser Wilhelm I. am 9. M\u00e4rz 1888 lautete:<br \/>\n&#8222;Es hat Gott gefallen, Seine Majest\u00e4t den Kaiser und K\u00f6nig, unseren Allergn\u00e4digsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heute Vormittags 8 1\/2 Uhr im achtundzwanzigsten Jahre Seiner reichgesegneten Regierung aus dieser Zeitlichkeit abzurufen. Mit dem k\u00f6niglichen Hause betrauert unser gesamtes Volk den Hintritt des allgeliebten ehrw\u00fcrdigen Herrschers, dessen Weisheit so lange \u00fcber seinen Geschicken in Krieg und Frieden ruhmreich gewaltet hat.&#8220;<\/p>\n<p>In Reden vor dem Parlament verwendete man zumeist die Formulierung &#8222;Seine Majest\u00e4t der K\u00f6nig&#8220;. Das galt auch f\u00fcr verstorbene K\u00f6nige. So sagte Bismarck in seiner Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 \u00fcber Friedrich Wilhelm IV. und seine Haltung zum Krimkrieg: &#8222;Se. Majest\u00e4t der hochselige K\u00f6nig hatte keine Neigung (&#8230;) mit einer starken Truppenaufstellung eine entscheidende Rolle in dem Kriege zu spielen.&#8220;<br \/>\nFremdl\u00e4ndische Herrscher nannte er &#8222;Kaiser\/K\u00f6nig + Vorname&#8220; bzw. &#8222;von Russland\/von \u00d6sterreich\/o. \u00c4.&#8220;<\/p>\n<p>Gesandtenernennungen etc. begannen mit: &#8222;Seine Majest\u00e4t der K\u00f6nig von Preu\u00dfen haben Allergn\u00e4digst geruht, &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Preu\u00dfische Gesetze begannen mit: &#8222;Wir Friedrich Wilhelm\/Wilhelm\/Friedrich, von Gottes Gnaden K\u00f6nig von Preu\u00dfen etc. verordnen, dass &#8230;&#8220;<\/p>\n<h2>Wenn man informell \u00fcber den Kaiser spricht\/schreibt<\/h2>\n<p>Schrieben Staatsdiener privat Briefe \u00fcber den Kaiser, verwendeten sie entweder die Formulierung &#8222;Seine Majest\u00e4t&#8220; in Verbindung mit der Singularform (nicht der Pluralform wie in offiziellen Schriftst\u00fccken): &#8222;Seine Majest\u00e4t war heute sehr schlecht gelaunt\/Seine Majest\u00e4t hat heute schon wieder ein neues Schiff eingeweiht, und er sagte, Er habe Sich dabei sehr gut gef\u00fchlt, denn Er liebe Seine wachsende Flotte &#8230;&#8220; oder sie schrieben einfach &#8222;der Kaiser&#8220; etc.<\/p>\n<p>Bismarck bezeichnet Wilhelm in &#8222;Gedanken und Erinnerungen&#8220; meist als &#8222;der K\u00f6nig\/der Kaiser&#8220;.<\/p>\n<h2>Wenn man \u00fcber den Kaiser schimpfen m\u00f6chte, und sich sicher ist, dass keine Monarchisten in H\u00f6rweite sind, die einen verpetzen k\u00f6nnten<\/h2>\n<p>Man braucht keine R\u00fccksicht zu nehmen auf die korrekten Formulierungen. Die Monarchisten w\u00e4ren jedoch nicht erfreut!<\/p>\n<h5>Zusatzinfo: Wenn man der Bruder des Herrschers ist<\/h5>\n<p>Kronprinz Wilhelm von Preu\u00dfen, der nachmalige K\u00f6nig Wilhelm I. von Preu\u00dfen und Kaiser Wilhelm I., schrieb \u00fcber seinen Bruder, den damaligen K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. von Preu\u00dfen: &#8222;Seine Majest\u00e4t, mein Allergn\u00e4digster Bruder&#8220;.<\/p>\n<h2>Frauen<\/h2>\n<p>F\u00fcr Frauen galten dieselben Regeln, nur dass statt &#8222;Seine&#8220; &#8222;Ihre&#8220; verwendet wurde.<\/p>\n<p>Bild: Canva.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ein Kaiser oder K\u00f6nig mit &#8222;Majest\u00e4t&#8220; angeredet wurde, ist allgemein bekannt. Aber dann geht es schon los: Sagte man: &#8222;Majest\u00e4t, Sie sehen heute sehr sch\u00f6n aus?&#8220; oder &#8222;Majest\u00e4t, Ihr seht heute sehr sch\u00f6n aus?&#8220; oder &#8222;Euer Majest\u00e4t sehen sch\u00f6n aus&#8220; oder oder oder? Und wie ist es mit der Anrede in Briefen? Konnte ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[12,9,11,10],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=139"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1282,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/139\/revisions\/1282"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.lili-vogel.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}