Figuren

Figuren – gesehen mit den Augen der Autorin

Wie stehe ich zu meinen Figuren?

Im Allgemeinen sehe ich meine Figuren als Werkzeuge. Ich bin ihr Boss. Ich habe sie erfunden, also müssen sie mir gehorchen. Vielleicht schreibe ich deshalb so gerne aus Sicht von Monarchen. 😉

Der Zweck der Figuren ist der, eine Geschichte zu tragen. Wer das nicht kann, hat keine Berechtigung im Manuskript. Drum ist es auch nicht schwer für mich, einen Liebling umzubringen. Wenn die Handlung das erfordert, muss er weg. (Und außerdem bin ich der Boss. Ich könnte auch eine Alternativwelt erfinden, in der die Figur überlebt, oder ich schreibe fünfzehn Kurzgeschichten über ihre Jugend, und, und, und …)

Ihr seht, ich führe ein hartes Regiment. Preußisch, geradezu. Selbst in Huwelreich.

Hier nun ganz ungeschönt, was ich wirklich von meinen Figuren halte:

Nach Ländern sortiert

Huwelreich

Leopold von Friedenfels

Ach, der Poldi! Herzig war er schon. Beim Schreiben hatte ich immer eine knarzige Männerstimme mit herrlichem österreichischem Akzent im Ohr. Mei, liab!

Poldi war zwar nicht der Hellste unter der Sonne, aber er ist ein hingebungsvoller Beamter mit unermüdlichem Arbeitseifer. Seine Szenen waren auch schnell zu schreiben, in seinem trockenen Geist wuchsen keine prunkvollen Metaphern oder pseudo-philosophischen Betrachtungen heran, anders als bei Valerie.

Guntram von Friedenfels

Herzig. Ich mag Softies. Guntram ist der softeste Softie von allen. Ein bisserl dümmlich kommt er manchmal rüber, etwas großväterlich auch. Manchmal stellt er sich auch nur doof. Dabei hat der Kerl einfach nur Sozialkompetenz! Ich liebe alle Szenen mit ihm.

<3 <3 <3 <3

Valerie von Aureali

Was für eine dumme Ziege! Nein, nein und nochmals nein! Ich hasste jeden Satz aus ihrer Sicht. Valerie ist in größtem Maße der Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) nachempfunden, nämlich so, wie sie wirklich war. Die Sissi aus den Filmen hat mit dem Original überhaupt nichts mehr zu tun. Über das Original hätte man auch keinen süßlich-unterhaltenden Film drehen können.

Nein, Sisi und Valerie sind absolute Hassobjekte für mich.

Warum ich dann ausgerechnet über Sisi geschrieben habe? Das fragte ich mich während des Schreibens auch oft. Allerdings ist ihre Geschichte es wert, erzählt zu werden, als Negativbeispiel.

Viele Leserinnen beurteilen Valerie übrigens weit gnädiger als ich.

Aarenland

Fernanda von Hohenmeiningen

Sie redet daher wie eine Beamtin, sie scheint kalt und distanziert – eine Figur ganz nach meinem Geschmack! Ihre Szenen waren handwerklich fordernd, denn es musste immer der umständliche Beamtenschreibstil gewahrt bleiben. Fernanda ist die einzige Figur, die mit Freuden ihre Einkommensteuererklärung ausfüllt.

Winfried von Hohenmeiningen

Ein Anti-Liebling. Oh ja. Vermutlich hasst die Leserin ihn am Ende genauso wie ich.

Johann von Hohenmeiningen

Er macht so viel Spaß. Wann immer er auftritt, spielt mein Gehirn von selber den Marsch „Preußens Gloria“. Stellenweise reißt er die gesamte Handlung an sich, drängt alle anderen in den Hintergrund und erweckt den Eindruck, dass die ganze Welt um Feuerburg kreist. Deshalb liebe ich ihn!

Fidelius von Eisenbiss

Es gibt zwei Sorten von Lesern. Die einen hören diesen Namen und sagen: „Komischer Name, aber lustig.“ Die anderen sagen: „Bismarck!“

Wie dem auch sei: Eisenbiss ist einer meiner vier größten Lieblinge. Eisenbiss = Politik, Politik, Politik. Er ist wie eine Satire von sich selbst. Er ist eine wandelnde Bismarck-Anspielung. Alle klugen Zitate von ihm sind Abwandlungen von Bismarck-Zitaten. Die unklugen Zitate sind von mir. Leider werde ich wohl nie eine Szene aus seiner Sicht schreiben können, denn dann käme heraus, dass Bismarck viel schlauer war als ich. (Oder vielleicht – wissen das alle ohnehin bereits??? Egal. Wir leben zwar alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont. – Adenauer. Nicht Bismarck.)

Blauwittern

Sophie von Reckenburg

Die arme Sophie. Ich dachte, sie zu schreiben wäre angenehmer. Hier sieht man schön, dass die Entwicklung eines logisch aufgebauten literarischen Charakters den Unterhaltungswert des Buches stark senken kann. Sophie wird seit ihrer Jugend von ihrem egomanischen Vater unterjocht. Er wendet keine Gewalt an, er unterdrückt sie psychisch: Nie ist Sophie gut genug für seine überhöhten Ansprüche, immer gibt er ihr die Schuld, und wenn ihr etwas gelingt, zerredet er es, bis sie das Gefühl hat, versagt zu haben. Als Ergebnis hält sie sich für ein trotziges, nicht liebenswertes Dummchen.

Hier liegt das Problem: Die ständige Entwürdigung durch den Vater hat ihr beinahe jegliche Entscheidungsfreude und Tatkraft kaputt gemacht, ja, sie kann sich nicht einmal wehren, weil sie meint, sie habe alles Unheil, das man ihr antut, verdient. – Das ist nicht mehr der Stoff, aus dem eine Heldin eines Unterhaltungsromans geschnitzt ist. Für einen Unterhaltungsroman ist dieses Problem zu düster. In einem Unterhaltungsroman wäre Sophie schon gleich zu Beginn mit der Geisteshaltung „Ich muss für mein Recht kämpfen, weil es mir zusteht“ ausgestattet worden. Rasch würde sie sich dem väterlichen Schatten entwinden, und am Ende wahrscheinlich sich mit dem Papa noch sentimental versöhnen, und es käme heraus, dass er sie immer schon lieb gehabt hat.

Das ist Unterhaltung. Da wird ein Problem, das es im wahren Leben allzuoft gibt, mit rosa Farbe übertüncht. So geht es nicht im wahren Leben. Mit einem warmen „Aber jetzt ist alles wieder gut“ kann man tiefgreifende Probleme nicht lösen. Ein einfaches Umdenken ist nicht möglich. Manche Dinge hinterlassen ewig Narben in der Psyche, ja, manche Menschen werden sich ihrer Narben niemals je bewusst! Sie halten sich auf immer für missraten.

Ich habe mich bei der Konzeption der Sophie natürlich gegen den Unterhaltungsweg entschieden. Das Buch wird dadurch düsterer, schmerzlicher. Und natürlich werden viele Leser, die sich mit diesem Problem nicht auseinandersetzen wollen, Sophie verachten. Sie werden sagen: „Diese Figur ist schwach, erbärmlich, kein Wunder mag ihr Vater die nicht.“ Das ist unvermeidlich, und interessant. Denn diesen Lesern stehen andere gegenüber, die die Sophie-Vater-Szenen lesen und innehalten, und sich denken: „Gibt es so etwas wirklich? Oder habe ich das etwa auch schon erlebt? Oder kenne ich jemanden, der so ist? Oder ist Mobbing nicht ähnlich?“ Und so weiter.

Ich weiß auch nicht, aber ich finde Familiendynamiken, Patriarchatskritik und die alltägliche Bosheit der Menschen so interessant – in Büchern. Im echten Leben könnte man drauf verzichten, nicht wahr?

Gottfried von Blauwittern

Gottfried mag den Komponisten Deodonatus Karrenbauer. Deodonatus Karrenbauer ist Richard Wagner. Ich mag Richard Wagner. Beweisführung abgeschlossen.

Die Welt der Sagen

Dietrich von Bern

Äh, ja. Der Dietrich. Er ist selbstgerecht, selbstbewusst, und nicht gerade der größte Denker unter der Sonne. Seine Sicht auf die Welt ist schnörkellos: Keine komplexen Sätze oder Gedankengänge, keine poetischen Landschaftsbeschreibungen, keine Gefühlsduseleien – mit einem Wort: Dietrich ist ein typischer Kerl. Zur Abwechslung war es ja ganz interessant, aber auf die Dauer war mir Dietrich dann doch zu gefasst; er ruht in sich selbst, er ist stark und unerschütterlich. Alles schön und gut, aber eine Lili-Vogel-Figur muss Nerven zeigen! Nerven! Ständig! Immer!

Gunther von Burgund
und
Hagen von Tronje

Ich kann sie schnell beide in einem Absatz abhandeln – oder ich kann zig Seiten lang über sie schwärmen. Nehmen wir hier Variante 1 …
Ich mag sie!!!! Ich stehe auf wankelmütige Monarchen und ihre heißblütigen Berater. Die Wormser sind meine absoluten Lieblinge. Ja gut, sie sind intrigant und hinterlistig, Gunther ist ein Schwächling und Hagen ist hartherzig – aber ich finde sie großartig. Monarchen und ihre treuen Monarchisten – da geht mir das Herz auf. Würde jemand ein Buch schreiben, wie die Wormser über fünfhundert Seiten lang sich über Politik unterhalten – ich würde es lesen mit Begeisterung! (Extrapunkte, wenn Wilhelm-und-Bismarck-Zitate eingeschmuggelt wurden!)