Ich habe die Lösung für mein Perfektionismus-Problem gefunden

Ich hasse es, Fehler zu machen. Ich hasse Unvollkommenheit, und selbst wenn nur ein Detail nicht meinen Vorstellungen entspricht, wurmt es mich unverhältnismäßig lange. Selbst wenn ich einen günstigen Füller kaufe, und er nur ein winziges Kratzerchen hat, ärgere ich mich, obwohl ich weiß, dass das unvernünftig ist.

Am schlimmsten ist es mit meinen Büchern. Wenn ich sie einen Monat oder ein Jahr nach der Veröffentlichung wieder in die Hand nehme und darin herumblättere, finde ich zwangsläufig ein Komma, das meiner jetzigen Meinung nach ein Semikolon hätte sein können, oder ich finde irgendwo eine Stelle, an der ich aus „gehen“ „geh’n“ hätte machen sollen, weil das der Rhythmik besser bekomme.

Je länger es her ist, umso peinlicher wird mir das, was ich vor ein paar Monaten geschrieben habe. Es ist wirklich so, ich übertreibe nicht: Gerade die Satzzeichen rauben mir manchmal den Schlaf. Ich betrachte Kommas, Punkte und Strichpunkte (meine Lieblinge), auch Doppelpunkte und Gedankenstriche als nicht austauschbare Pausenzeichen, vergleichbar denen in der Musik; mit den Satzzeichen dirigiert der Autor den Lesefluss des Lesers, und ein guter Autor weiß sie so zu setzen, dass der Leser niemals stolpern und der Satz niemals holpern muss.

Ich wollte schon lange eine Generalüberholung meiner Bücher durchführen (hauptsächlich Kommas durch Strichpunkte ersetzen), aber auch das wurmt mich unmäßig. Ich kann mein selbstgeschriebenes Zeug nicht mehr lesen, ohne dass sich in mir drin alles anspannt und ich bei jedem Wort denke: „OH MEIN GOTT, WAS SOLLEN DIE LEUTE DAZU SAGEN!“

Es gibt nur einen Satz, hinter dem ich stehe und den ich auch nach drei Jahren noch mag: „Wir sind ein Kaiserhaus und kein Kasperletheater!“ aus „Der Kaiser von Huwelreich“.

Auch in der Schule hasste ich es, wenn ich einmal eine verdammte 1- statt einer glatten 1 hatte. (Ich war eine fleißige Lernerin, aber ich bin nicht sonderlich klug. Für mich war es immer wichtig, gute Noten zu schreiben, um der Lehrerin oder dem Lehrer eine Freude zu machen. Bis auf Geschichte und die Sprachen. Das hat mich immer schon begeistert, und ich hatte glücklicherweise nur Lehrerinnen und Lehrer, die sich über meine Begeisterung für ihre Fächer gefreut haben. Das ist nicht selbstverständlich; manche Schüler haben auch Pech und bekommen eine Lehrkraft, die ihnen das Wissen neidet und sie kleinmachen möchte.)

Was tun? Früher hat mich der Gedanke, dass ich plötzlich sterben und eine Schar unvollkommener Bücher hinterlassen könnte, sehr gegrämt. Ich wollte nicht, dass die Welt meine Bücher in unvollkommener Form besitzen muss. (Das Sterben schreckt mich nicht. Es passiert ja schlussendlich jedem.)
Jetzt fiel mir die Rettung ein:
Ich lasse meine Bücher ein Jahr nach meinem irgendwann eintreffenden Tod aus dem Netz nehmen. Dann sind sie weg, und niemand liest sie und sieht, was mir alles NICHT gelungen ist.
Cool, nicht wahr? Seit mir dieser Einfall kam, bin ich ganz erleichtert. Jetzt lastet auch die dräuende Semikolon-Generalüberholung nicht mehr so schwer auf meinem Gemüt. Entweder mache ich sie, oder ich mache sie nur halb, oder was auch immer.
Nun muss ich das nur noch testamentarisch festlegen. 🙂

Meine Autorenseite wird dann natürlich auch aufgelöst werden. Tschüsschen!

Warum lasse ich die Bücher noch ein Jahr lang im Netz stehen?

Weil es immer wieder ein paar liebe Leserinnen oder Leser gibt, denen die Bücher gefallen haben. Falls die dann noch die Burgund-Reihe zu Ende lesen möchten, sollen sie noch 12 Monate Zeit dafür haben. Das ist so nett von euch, dass ich heulen könnte vor Dankbarkeit.
Verzeiht, dass ich so überemotional bin, aber das bin ich immer. Die Hohenzollern waren übrigens auch sehr emotional.

Außerdem: Ich finde es wirklich blöd, wenn nach meinem Tod noch irgendwelche Leute 1-Sterne-Rezensionen für meine Bücher schreiben würden. Da war ich schon im Leben ein Pechvogel, und würde selbst nach dem Tod noch Pech haben. Also: Aus den Augen, aus dem Sinn!
Früher hoffte ich auf Größe und Erfolg, aber der wird mir in dieser Welt nie zuteil werden. Aber ich glaube fest daran, dass es weitergeht. (Jaja, manche sagen auch, danach kommt nichts mehr, und bevor ihr mir nun eine E-Mail schreibt und mich belehren wollt, lest weiter: Wenn wir alle „in Nichts vergehn“, wie es der Fliegende Holländer und seine Mannschaft ersehnen, dann wäre mir das auch recht. Im Nichts spürt man nichts Trauriges mehr.)


Aber die Kaiser Wilhelms haben beide gesagt: „Oben gibt es ein Wiedersehen“ und darauf hoffe ich. Und ich stelle mir vor, dass man oben all das tun kann, was man im Leben geliebt hat. Und ich glaube, dass man dort oben Vollkommenheit erreichen kann. Wenn ich also einmal weg bin, werde ich dort oben meine Generalüberholung durchführen, und dann wird das Ergebnis sich sehen lassen können. Dort oben gibt es Perfektion und Frieden und ein Wiedersehen mit allen, die ich treffen will. Und mein Fritz, mein Seelengefährte, der ein Papagei war, ist auch da.